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Mittwoch, 21.02.2024 - Jahrgang 16 - www.daz-augsburg.de

Brechtfestival

Interview mit Julian Warner: „Es gilt sich Brecht anzueignen, ihn gar zu enteignen“

Julian Warner, Augsburgs Brechtfestival-Leiter der kommenden Jahre, erhielt für sein Konzept wie für sein Programm im Vorfeld hohe mediale Aufmerksamkeit und von der Grünen Stadtratsfraktion die üblichen Vorschusslorbeeren via Pressemitteilung. Seitens des Grünen Koalitionspartners ist eine vorsichtige Skepsis herauszuhören. Doch nicht nur bei der CSU gibt es diesbezüglich Hintergrundgeräusche. Auch im Umfeld der DAZ sind zu Warners Festivalkonzept nur wenige Signale der freudigen Erwartung zu vernehmen. Einen mächtigen Vorteil bezüglich seiner Vorgänger hat Warner allerdings durch den Jubiläumsumstand. Damit ist gemeint, dass die Stadt selbst mit vielen bekannten städtischen Akteuren zum 125-jährigen Geburtstag ihres berühmtesten Sohnes eine ganzjährige Veranstaltungsreihe geplant hat, in der das Festival als ein Teil des Ganzen vorkommt. Das nimmt dem ersten Warner-Festival ein wenig Dampf aus dem Kessel. Warner selbst, so der Eindruck, will nicht nur Brecht entideologisieren, sondern auch die Brecht-Rezeption und somit die gesamtgesellschaftliche Realität verändern. Ideologie könnte bei der Suche nach der Wahrheit im Wege stehen, doch nicht nur die Ideologie, sondern auch die „Wahrheit selbst“ könnte für einen Erkenntnisgewinn untauglich sein. Und schon geht der Geist von Brecht spazieren. So gesehen stellt Kulturanthropologe Warner Brecht vom Kopf auf die Beine – auf laufende Beine. Eine riskante Unternehmung, die sehr wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt ist, so die DAZ-Prognose. Falls diese Annahme zutreffen sollte, würde Warner immerhin auf hohem Niveau scheitern und müsste schlimmstenfalls mit einer Bewährungsstrafe rechnen: „Ich übe die Position als Brechtfestival-Leiter bewusst nicht als Philologe, sondern als Dieb aus“, so Warner im DAZ-Interview. (sz)

Julian Warner: „Man darf also mit Fug und Recht behaupten, dass der Fokus auf die Methoden eine Forderung ist, welche „Bertolt Brecht im kalten Krieg“ transzendiert.“

DAZ: Herr Warner, ich habe in den vergangenen 15 Jahren zirka 12 oder 13 Brechtfestivals intensiv verfolgt und journalistisch begleitet und konnte dabei einen erstaunlichen künstlerischen Verfall des Festivals von Albert Ostermaier bis hin zu Julian Warner zur Kenntnis nehmen. Kennen Sie die Vorgängerfestivals, falls ja, wo sehen Sie da Bezüge zu Ihrem?

Warner: Ich habe die vergangenen Festivals und ihre Leiter nicht studiert, sondern nur aus der Ferne mitbekommen. Ich habe lediglich eine Ahnung von ihnen. Eine Intuition at most. Ich habe aber mit großem Interesse ihre Ausführungen in den diversen Medien-Specials gelesen und stelle fest: Die Ansätze sind höchst unterschiedlich. Vergleichen und beurteilen ist das Privileg der unterschiedlichen Publika und Kritiker. Das mache ich mir nicht zu eigen. Das Bild des Verfalls oder Niedergangs finde ich insofern unproduktiv, als dass man doch schwerlich einen Autoren findet, dessen Werk selbst bereits wie ein Palimpsest funktioniert. Mit Frederic Jameson gesprochen könnte man fragen, welche Brechtsche Wahrheit sucht ihr denn jenseits der Großen Methode?

DAZ: Niedergang oder Verfall deshalb, weil zum Beispiel Ostermaier und Dr. Joachim Lang noch bereit waren, Brecht und sein Werk abzuklopfen und nach Aktualität zu überprüfen – auch Wengenroth kann man dies zugestehen, während man bei Kutter und Kühnel mit gestanzten Formeln klarkommen musste. Bei Ihrem Festival sehe ich Bertolt Brecht als Autor ohne Werk, wohl aber mit Methode, die Sie in den Vordergrund stellen. Doch, um ehrlich zu sein, kenne ich keine „Brecht´sche Methodik“. Außer die der dialektischen Analyse vielleicht und die der emotionalen wie geistigen Ausbeutung seiner ihm zugewandten „Brecht-People“. Nun die Frage: Sehen Sie Inhalt und Methode als etwas miteinander Verwobenes wie zum Beispiel Inhalt und Form?

Warner: Frederic Jamesons Buch heißt ja „Brecht AND Method“ und eben nicht „Brecht AS Method“. Es geht eben nicht um die Anwendbarkeit der „Dachmarke Brecht“ auf unendlich viele Kontexte, sondern um die Frage, wie sich das Brechtsche Erbe wandeln beziehungsweise besser gesagt „wenden“/„gewendet werden“ muss, um seinem eigenen Anspruch gerecht zu werden. Stichwort „Nützlichkeit“. Wie wird Brecht wieder „nützlich“? Jameson argumentiert, dass wir die vielen Vorstellungen, Ideen oder Konzepte, die wir als charakteristisch oder gar identitätsstiftend für Brechts Werk verstehen, nicht als reine Lehre, sondern als der Ordnung der Methode zugehörig, verstehen sollten. Nicht Wahrheit, sondern Mittel. Nicht Kanon, sondern Praxis. Jameson treibt die Frage um, was wir nach den Irrtümern des 20. Jahrhunderts noch glauben können. Das Buch kam 1998 zum 100-jährigen Brecht-Jubiläum heraus. Da war das vielbeschworene „Ende der Geschichte“ natürlich noch präsenter als heute. Aber 2023 wie 1998 bleibt die ideologiekritische Frage dieselbe: Welche Mittel stehen uns zur Verfügung, um uns zu entideologisieren? Darko Suvin beschreibt das Brechtsche Theater als einen „kybernetischen Apparat“, welcher den Zuschauern ermöglicht, sich in ihrer spezifischen historischen Situation ihrer Handlungsmöglichkeiten gewahr zu werden …

DAZ: … womit das Werk nicht mehr für sich spricht, nicht zeitlos aktuell bleibt und nicht werkimmanent rezipiert werden kann?!

Warner: Es ist doch offensichtlich, dass die Brechtschen Werke diesem Anspruch heute nur in einem sehr eingeschränkten Sinne gerecht werden können. Und dessen war sich der Autor ja vollumfänglich bewusst. Übrigens findet man die Forderung nach einer Verschiebung des Fokus von den Werken auf die Mittel bereits Anfang der 80er Jahre in der Auseinandersetzung mit Brecht in der DDR. Man darf also mit Fug und Recht behaupten, dass der Fokus auf die Methoden eine Forderung ist, welche „Bertolt Brecht im kalten Krieg“ transzendiert. So hieß ja der famose Artikel vom Theaterkritiker Max Högel, der 1963 in der Augsburger Allgemeinen Zeitung erschien und für viel Furore sorgte. Ich will sagen: Über die Methoden können wir den Kulturkampf um Brecht überwinden.

DAZ: Mit Verlaub, daran glaube ich nicht. Dafür ist Brecht zu politisch. Um Brechts Deutung, um die Deutung der gesellschaftlichen Verhältnisse wird es wohl immer einen Kulturkampf geben. Kämpfe haben auch immer etwas mit Ideologie zu tun. Denk ich an Warner in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht. Und zwar deshalb, weil ich Ihr Festival als Endpunkt der Augsburger Brechtfestivalserie betrachte: Das Ende der Geschichte: Danach kann die Stadt ihren Brechtladen dicht machen, falls Sie Ihre Dekonstruktionskunst drei Jahre durchhalten. Ist es Ihre Absicht, Brecht als modernen Klassiker wie als Autor eines aktuellen Werkes zu dekonstruieren?

Warner: Ich übe die Position als Brechtfestival-Leiter bewusst nicht als Philologe, sondern als Dieb aus. Das entspricht dem armen BB viel eher. Es gilt sich Brecht anzueignen, ihn gar zu enteignen. Das schaffen wir auch mithilfe mit der Brechtmaschine. The Robots are coming! Ich nehme zur Kenntnis, dass Sie der Ansicht sind, dass diese Haltung das Ende des Festivals ist. Ich würde sagen: Im Gegenteil! So halten wir das Erbe am Leben.

DAZ: Brecht und die Liebe, Brecht und der Krieg, Brecht und „das Gespräch über Bäume (Klima)“, Brecht und woke, Diversität und Staat undsoweiter. Brechts Werk gäbe vieles her. Wenn man wollte, bekäme man diesbezüglich sensationelle Künstler nach Augsburg, was ja Ostermaier und Lang gelang. Ich sehe kein einziges Brecht-Werk, keine einzige Theaterinszenierung eines Brecht-Stückes oder etwas anderes aus seinem Werk in Ihrem Programm. Warum veranstaltet die Stadt mit Steuergeldern ein Brechtfestival ohne Brecht? Ich finde das absurd, um ehrlich zu sein. Erklären Sie unseren Lesern bitte dieses Paradoxon!

Warner: I disagree wholeheartedly. Wir haben dieses Jahr ein Star-Aufgebot am Start: Joana Tischkau ist eine preisgekrönte Choreographin. Mukenge/Schellhammer sind DER HOT SHIT in der bildenden Kunst. God’s Entertainment und Club Real sind Legenden der deutschsprachigen Performance-Szene. The List goes on and on und vom Soundlab for Fluid Ways Of Knowing möchte ich gar nicht erst sprechen. Wir haben Global Artists, wir haben Local Artists. Wir haben einen Birthday Bash, für den gerade Besucher aus ganz Deutschland anreisen, um die Reden von Fatma Aydemir, Elisa Aseva und Aras Ören zu hören. Aber ich lese aus Ihrer Frage zwei Punkte ab, die zu diskutieren sind. Erstens, welche Kunstbegriffe liegen der Kuration des Festivals wie auch ihrer Kritik zugrunde. Und zweitens, welche Publika mit welchen Prägungen, Vorerfahrungen, mit welchem Habitus, werden adressiert. Ich habe eingangs das Ende des Kanons beschworen. Folgerichtig diskutieren wir jetzt über das Ende der Deutungshoheit.

DAZ: Herr Warner, bevor Sie Brechtfestival-Leiter wurden, habe ich Ihren Namen noch nie gehört. Das Gleiche gilt nun für die von Ihnen aufgezählten Künstler. Anyway. Kann ja auch an mir liegen. Themawechsel: Bundesweit werden Programme zur Belebung der Innenstädte aufgelegt, weshalb es verwundert, dass es die Stadt Augsburg unkommentiert hinnimmt, dass Sie vieles nach Lechhausen verlegen. Nächstes Jahr wollen Sie nach Oberhausen, wegen der migrantischen Prägungen. Ist das der Grund? Dabei ist Lechhausen gar nicht migrantisch geprägt.  Welchen Mehrwert sehen Sie bei der Innenstadtmeidung?

Warner: Die Stadt Augsburg adressiert in ihrem Stadtentwicklungskonzept ja auch die Frage der Quartiersentwicklung. Wir haben 2023 Lechhausen ausgewählt, weil wir beim früheren Landito oder Speed Döner Imbiss ein pulsierendes Viertel kennenlernen durften. Die Frage der lebenswerten Stadt wird heute ja viel vielfältiger diskutiert. Es geht auch um lebenswerte Quartiere, mit eigener Geschichte. Augsburg, das sind die Vielen. Die vielen verschiedenen Menschen, aber auch die vielen verschiedenen Orte und Zentren.

DAZ: Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass in Lechhausen etwas passiert, das es über den Lech in die Stadt hinein und darüber hinaus schafft. Sie schätzen sich selbst als Dilettanten ein und haben eine starke Affinität zur „Die große Untergangs-Show – Festival Genialer Dilletanten“ genauso geschrieben, damals in Berlin. Was macht in Ihren Augen Dilettantismus so bedeutsam?

Warner: Auch wenn es Widerstände hervorruft. Ich bin der Überzeugung, dass das Dilettieren als Methode nützlich ist, um Brecht selbst wieder nützlich zu machen. Das Neue ist immer ein Affront. Aber er selbst interessierte sich auch lieber für die BAD NEW THINGS als für die GOOD OLD THINGS.

DAZ: Bei Wengenroth habe ich im Vorfeld das Programm gelobt und mich während des Festivals fast durchgehend gelangweilt. Damals dachte ich, ich werde langsam zu alt für den diskursiven Brecht-Hype. Heute lese ich Ihr Programm und denke, dass ich dafür tatsächlich zu alt bin. Mich interessiert quasi gar nichts, außer die Brecht/Neher-Ausstellung, die nicht zum Festival gehört, wie wohl auch das Staatstheaterformat „Bier mit Bert“ und vielleicht die Bremer Vorstellung. Woran liegt das? Was können Sie den Bürgern über 60 aus Ihrem Programm empfehlen? Warum sollen wir hingehen und nicht Netflix gucken?

Warner: Wenn Sie Lust an neuen Erfahrungen haben ohne didaktischen Zeigefinger, dann sind sie bei mir goldrichtig. Ab in die Sauna(h).

DAZ: So kurz vor dem Start. Ist es Ihnen nicht mulmig? Haben Sie keine Angst davor, dass Ihnen Ihr Festival um die Ohren fliegt und als Karnevalsveranstaltung in die Stadtgeschichte eingeht?

Warner: Nachdem der bayerische Kunststaatsminister zur Eröffnung am 10. Februar leider verhindert ist, weil er mit dem gesamten Kabinett an einer Fastnachtsitzung in Franken teilnehmen muss, würde ich die Einordnung des Brechtfestivals als „Karnevalsveranstaltung“ durchaus als Aufwertung verstehen.

DAZ: Herr Warner, vielen Dank für das Gespräch. ————– Fragen: Siegfried Zagler