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Freitag, 19.08.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Fußball ist nicht kriegerisch, Fußball wirkt zivilisatorisch!

„Die Stadt Augsburg ist im Jahr 2011 Gastgeber der Frauenfußball-Weltmeisterschaft. Als „City Of Peace“ will sie sich der Welt präsentieren. Dazu wollen wir mit der Peace Factory Augsburg unseren Teil beitragen. Frieden, das haben wir in unserem Leben gelernt, ist nichts, was vom Himmel fällt. Frieden erfordert ein dauerhaftes aktives Engagement“, so Manfred Lohnstein von der „Peace Factory Augsburg“.



„Fußball kennt keine Konfessionen! Katholiken wie Moslems, Juden wie Hindus, Buddhisten, Protestanten und Atheisten jagen überall auf der Welt dem runden Leder nach“. So im Text der Programmbroschüre „City of Peace“ die mit dem unbescheidenen Imperativ „Geh hin und du wirst ein besserer Mensch“ die Vorstellung weckt, dass Fußball und Kultur heilende Effekte birgt. Darüber ließe sich trefflich streiten, gesichert ist dagegen die schlichte Feststellung, dass Fußball universell ist: Für das Spiel gelten für beide Mannschaften verbindliche Spielregeln. Die Regeln des Fair Play werden durch den Schiedsrichter überwacht. Die Liebe zum Ball teilen beide Mannschaften und die Zerstörung des Balles ist ist noch das Ziel einer fußballerischen Aktion gewesen. Der Ball ist keine Waffe, sondern ein Spielgerät.

Anerkannte Regeln und die gleichen Rechte für alle beteiligten Mannschaften kennzeichnen das zivilisatorische Potential des Fußballspiels

Der moderne Fußball ist durch eine artistische Spielweise geprägt, die für Stürmer und Verteidiger gefordert wird. Der Typ des körperbetonten Abwehrspielers, der durch getimtes Foulspiel seinen Gegner ausschaltet, hat keine große Zukunft mehr. Spielerpersönlichkeiten wie Zinedine Zidane sind keine dominierenden Einzelkämpfer-Typen, sondern spielen vor allem mannschaftsdienlich, indem sie sekundenschnell mit effektiven Pässen Spielzüge eröffnen. Beim aktuellen Deutschen Fußballmeister Borussia Dortmund zählt die Mannschaftsleistung und nicht die Leistung von ein bis zwei dominanten „Führungsspielern“.

Für Zusammenspiel von Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen hat der Fußball eine Vorreiterrolle übernommen

Bei Fortführung und Differenzierung multikultureller Gesellschaftsmodelle hat der Fußball längst eine Vorreiterrolle übernommen, wenn auch aus wirtschaftlichen Zwängen, da Topspieler aus Afrika oder Georgien billiger verpflichtet werden konnten. Während die deutsche Asylpolitik auf Abschottung bedacht war (und ist), spielten in der DFB-Fußballnationalmannschaft längst Spieler, die als Einwanderer bezeichnet wurden. Auch wenn Fußball universell gespielt wird als Straßenfußball, auf dem Bolzplatz, in den WM-Arenen mit Rasenheizung, eines kann er nicht: soziale Ungerechtigkeit beseitigen. Mit diesem Anspruch sollte das Thema aber auch nicht überladen werden. Genauso wenig ist es angebracht, über die Gehälter der Spieler zu räsonieren. Sie erhalten den Marktpreis für ihr fußballerisches Talent. Mehr als ihr Geschick können sie nicht einsetzen, auch nicht bei einer Verdoppelung ihrer Gehälter.

Emanzipation wurde vom DFB lange blockiert

Beim Thema Gleichberechtigung der Frauen war Fußball jedoch nicht der Motor einer gesellschaftlichen Entwicklung. Der Weg zur Anerkennung des Frauenfußballs in Deutschland war lang und steinig. In Frankfurt, dieser Stadt mit Bürgerkultur, spielten schon 1930 in privater Initiative Frauen Fußball. Sie erhielten keine Anerkennung, wurden als „Mannweiber“ beleidigt. Der DFB verbot 1955 den Frauenfußball. Auch in anderen Sportarten war eine solche Einstellung verbreitet. Noch 1967 musste Kathy Switzer sich mit Rangeleien beim Boston Marathon durchsetzen, den sie als Mann verkleidet begann. Offiziell erlaubt wurde die Teilnahme von Frauen erst 1972.

Im DFB wurde Frauenfußball erst ab 1970 erlaubt und ein Organisationsrahmen geschaffen. Wieder war Frankfurt eines der Zentren des Frauenfußballs und der 1998 gegründete 1.Frauen-Fußball-Club Frankfurt (FFC) wurde in der Folge einer der erfolgreichsten deutschen Vereine. Der Mitgliederzuwachs der Vereine im Frauenfußball ist enorm. Die Spitzenteams des Frauenfußballs beherrschen die heute übliche technisch-artistische Spielweise voll und ganz. Ein Vergleich der Spieler Lionel Messi (Gr. 169 cm; Gew. 67 kg) mit der fast gleichaltrigen Fatmire Bajramaj (170 cm; 55 kg) zeigt zwar erkennbare Unterschiede. Entscheidend ist aber nicht die überlegene Muskelkraft, sondern die koordinativen Fähigkeiten. Das wird sich auch bei der FIFA-Frauenfußball-WM vom 26. Juni bis 17. Juli 2011 zeigen. Wir freuen uns drauf!

 

Dr. Manfred Lohnstein ist Allgemeinarzt in Augsburg-Lechhausen und einer der Gründungsväter der peace-factory.

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