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Mittwoch, 16.09.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Drei Monate strenge Quarantäne in Peru – doch irgendwas läuft schief

Im Gegensatz zur Regierung Brasiliens wird das Corona-Virus von der Regierung Perus sehr ernst genommen. Bereits Mitte März wurde unter Aufsicht des Militärs eine landesweite, strenge Quarantäne angeordnet, die bis heute gilt. Und trotzdem verzeichnet das Land bei 32 Millionen Einwohner mehr 250.000 Infizierte, was es weltweit auf Rang sechs der Länder mit den meisten Infizierten bringt. Was hat zu diesen hohen Zahlen geführt und wie gehen die Menschen mit der bereits über dreimonatigen Ausgangssperre um?

Von Annika Kögel

Dunkle Wolken über Lima © DAZ

Nachdem am 6. März der Covid-19-Fall bekannt wurde, veranlasste Perus Präsident Martín Vizcarra zehn Tage später die landesweite Quarantäne, bei der nur je ein Bewohner pro Haushalt zu bestimmten Uhrzeiten, tageweise nach Geschlechtern getrennt und nur zum Einkaufen und für Arztbesuche das Haus verlassen darf. Bis heute kann sonntags das Haus überhaupt nicht verlassen werden, es darf mittlerweile jedoch zeitweise Sport an der frischen Luft betrieben werden. Überwacht wird die strenge Ausgangssperre vom Militär und der Polizei – der Staat hat den „estado de emergencia“, den Ausnahmezustand, ausgerufen, in dem die Polizei auf der Straße auf jeden schießen darf, der sich nicht an die Regeln hält.

Die Ausgangssperre kam schnell und unerwartet – zwischen Bekanntgabe des Quarantänebeginns und der Stornierung aller Flüge lagen nur 24 Stunden. Der Flughafen wurde gesperrt, Grenzen und Schulen geschlossen. Viele Menschen konnten das Land nicht rechtzeitig verlassen oder hatten Probleme mit der Rückreise. So auch Franco (Name von der Redaktion geändert): Der 31-jährige Peruaner arbeitete und wohnte im März noch in Brasiliens Großstadt Rio de Janeiro, wollte aber während der Pandemie bei seiner Familie sein. 

„Nachdem die Grenzen geschlossen wurden, hatte ich zwar ein Flugticket mit unbestimmtem Datum, um als peruanischer Staatsbürger trotzdem in mein Land zurückzukehren. Leider wurden alle Flüge gecancelt, so dass ich mit einer Gruppe anderer Wartender letztendlich eine ganze Woche im Flughafen von Rio de Janeiro ausharren musste. Wir hatten Glück und konnten durch eine Rückholaktion des Landes zurückkehren“, erzählt er. „Hier angekommen war die Situation für mich ruhig, es bleibt nach wie vor nichts anderes als abzuwarten. Schlimmer trifft es die Personen, die von Tageslöhnen leben und darauf angewiesen sind, jeden Tag zu arbeiten. Dadurch sind wohl auch die vielen Infektionen entstanden. Anfangs gab es mit steigenden Infektionszahlen einen Mangel an Sauerstoffversorgung in den Krankenhäusern und die Händler erhöhten die Preise für den Sauerstoff regelmäßig.“ Ende Mai waren bereits rund 85 Prozent der Betten auf Intensivstationen mit Beatmungsgeräten belegt und die Kurve ist bis heute nicht abgeflacht. Das Gesundheitssystem war bereits vor Corona unterversorgt.

Nur die Hälfte der Peruaner besitzen zuhause einen Kühl- oder Gefrierschrank, selbst in städtischen Regionen sind es nur rund 61 Prozent. Demnach sind die darauf angewiesen, ihre Lebensmittel täglich auf dem Markt einzukaufen. Und gerade hier, unter den Marktverkäufern, haben sich viele als asymptomatische Infizierte herausgestellt. In Peru haben außerdem viele nicht die wirtschaftlichen Voraussetzungen, um sich an die Quarantäne zu halten. Mehr als 70 Prozent der Menschen arbeiten im “informellen Sektor”. Wenn sie nicht arbeiten, gibt es nichts zu essen. Diese Personen haben keine andere Wahl, als sich dem Risiko einer Infektion auszusetzen. 

Am schlimmsten trifft die Pandemie wie überall in Lateinamerika die Armen. Und gerade in Peru sind dies auch viele Menschen, die in den Wäldern des Amazonas leben und generell keine gute Möglichkeiten zur gesundheitlichen Versorgung haben. Wie „The Guardian“ berichtet, wurden auch in einer Shipibo-Konibo-Gemeinde in einer Flusssiedlung von Holzhütten in Lima 72 Prozent – 476 Menschen – positiv auf Covid-19 getestet, nachdem drei an dem Virus gestorben waren. Die Corona-Pandemie trifft weltweit nicht nur die Älteren, sondern auch die Ärmsten. Die Ungleichheit zwischen verschiedenen Ländern und auch innerhalb eines Landes tritt in Peru besonders deutlich zum Vorschein.