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Dienstag, 04.08.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Coronakrise: Freistaat Bayern unterstützt Kunst- und Kulturszene – IHK Schwaben fordert stabile Planungssicherheit

Fast alle Branchen haben die Auswirkungen der Corona-Krise bitter zu spüren bekommen. Jedoch trifft es eine besonders hart: Die Veranstaltungs- und Kulturbranche. Die Branche, bei deren Veranstaltungen fast immer viele Menschen zusammenkommen und in der es schwierig ist, Abstands- und Hygienemaßnahmen zu erfüllen.

Von Annika Kögel

Kunstminister Bernd Sibler © Andreas Gebert

Deshalb hat sich der Freistaat Bayern etwas verspätet zu sechs verschiedenen Hilfsprogrammen durchgerungen, um die schwer gebeutelte Kulturlandschaft zu stabilisieren. Da geplante Veranstaltungen verschiedener Kunst- und Kulturschaffender aufgrund der durch Corona nötig gewordenen Schutzmaßnahmen abgesagt werden mussten und kulturelle Einrichtungen bis auf Weiteres geschlossen wurden, ist die Kunst- und Kulturszene dringend auf Unterstützung angewiesen. In Bayern sind über 2.200 Unternehmen betroffen: unter anderem Veranstaltungsdienstleister wie Caterer, Bühnen- und Tontechniker, Fotografen, Hochzeitsplaner, Gastronomiebetriebe, Diskotheken und Verleiher von Veranstaltungsbedarf, die durch Verdienstausfälle und abgesagten Veranstaltungen unter Existenzängsten leiden.

Auch die IHK Schwaben um Hauptgeschäftsführer Dr. Marc Lucassen weist auf die schwierige Lage der Branche hin: „Wer Märkte, Festivals oder Volksfeste organisiert, der geht in diesem Jahr in den allermeisten Fällen komplett leer aus. Der Umsatz aus diesen Veranstaltungen kann später nicht nachgeholt werden“.

Der Freistaat Bayern stellt nun Hilfsprogramme in Aussicht: „Als Kunstminister blutet mir das Herz, das Kulturleben am Boden zu sehen. Die Schließungen und Absagen waren aber zum Schutz der Bevölkerung notwendig. Mir ist bewusst, dass die Kunst- und Kulturszene nicht nur Soforthilfen benötigt, sondern auch mittelfristig verstärkt unterstützt werden muss.“ So Bayerns Kunstminister Bernd Sibler, der auch Vorsitzender der Kulturministerkonferenz ist. „Mit einem Kultur-Rettungsschirm von 200 Millionen Euro und sechs aufeinander abgestimmten Programmen helfen wir von Seiten des Freistaats Bayern, die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf unsere Künstlerinnen und Künstler, Kulturschaffende und Kreative sowie die Kulturlandschaft abzufedern und Existenzen zu sichern“, teilte Sibler bereits am 14. Mai zusammen mit Ministerpräsident Dr. Markus Söder auf einer Pressekonferenz in München mit. 

Die Unterstützung verteilt sich auf sechs Hilfsprogramme:

I Förderung von soloselbständigen Künstlerinnen und Künstlern ohne eigene Betriebsstätte: Das Künstlerhilfsprogramm des Kunstministers soll um 50 Millionen Euro erhöht werden. Eine Soforthilfe  erhalten soloselbständige Künstlerinnen, Künstler ohne eigene Betriebstätte sowie diejenigen, die ihren Lebensunterhalt überwiegend mit erwerbsmäßiger künstlerischer Tätigkeit bestreiten und ihren Erstwohnsitz in Bayern haben, nun auch ohne Mitgliedschaft in der Künstlersozialkasse. Von Mai bis September 2020 kann eine Unterstützung für drei aufeinanderfolgende Monate beantragt werden. Je nach Verdienstausfall umfassen die Hilfen bis zu 1.000 Euro im Monat. „Mit der Erweiterung des Künstlerhilfsprogramms zum Künstlerhilfsprogramm Plus setzen wir ein Zeichen der Wertschätzung für unsere Künstlerinnen und Künstler. Wir haben Rückmeldungen ernst genommen, gehandelt und können nun noch mehr Kunstschaffenden Unterstützung anbieten“, so Sibler.

II Förderung von soloselbständigen Künstlern mit eigener Betriebsstätte: Mit Beiträgen von bis zu 50.000 Euro werden hier kleinere Unternehmer, Freiberufler und Kulturveranstalter gefördert. Eingeschlossen sind auch freiberufliche Künstler und Kulturvermittler mit eigener Betriebsstätte und betriebsbedingten Ausgaben und gemeinnützige am Markt tätige Einrichtungen des kulturellen Sektors. 

III Faire und gerechte Lösungen bei Honorarausfällen: Corona-bedingte Absagen von Auftritten und Einsätzen bei staatlichen Einrichtungen sollen mit einem Ausfallhonorar vergütet werden.

IV Stabilisierungsprogramm für Spielstätten und nichtstaatliche Kunst- und Kultureinrichtungen: Mit 30 Millionen Euro soll eine bereits vorhandene Nothilfe um ein Stabilisierungsprogramm für Spielstätten im Kulturbereich ergänzt werden. Durch diese Förderung bis Ende des Jahres sollen bis zu 700 kleinere und mittlere Spielstätten im Bereich Theater, Kleinkunst, Musik und Kabarett langfristig unterstützt werden. Durch weitere Gelder werden rund 260 Kinos und Filmproduktionen sowie durch das Kunstministerium geförderte nichtstaatliche Kunst- und Kultureinrichtungen wie Sing- und Musikschulen gefördert.

V Programm Laienmusik: Mit rund 10 Millionen Euro wird die bayerische Kultur durch den Erhalt vieler Musikvereine unterstützt. 

VI Förderung von Projektträgern und Institutionen im Kulturbereich: Projektträgern und Institutionen im Kulturbereich sollen in laufenden Fördermaßnahmen des Ministeriums in den Bereichen Musik, Kultur und Festivals bei Corona-bedingten Absagen unterstützt werden. Förderzeiträume sollen verschoben oder die Durchführung neuer digitaler Formate berücksichtigt werden. Das gilt für rund 800 Förderungen mit einem Volumen von 150 Millionen Euro pro Jahr.

Der IHK Schwaben geht das offenbar nicht weit genug, sie fordert neben der finanziellen Unterstützung auch einen Fahrplan bezüglich der in der Branche benötigten Vorlaufzeit, wie ihn Baden-Württemberg hat: Planungssicherheit spielt für Unternehmen rund um Veranstaltungen eine besondere Rolle. Selbst Organisatoren kleinerer Veranstaltungen benötigen oft mehr als drei Monate für eine optimale Planung. Je größer das Event, umso länger die Vorlaufzeit. „Daher genügen gerade in dieser Branche keine vagen Ankündigungen. Stattdessen brauchen wir verbindliche Zusagen für mögliche Zeitkorridore mitsamt den zugehörigen Auflagen”, stellt IHK-Geschäftsführer Dr. Lucassen klar. Weiter wünscht er sich eine schrittweise Öffnung der Veranstaltungen je nach Art und Größe – unterlegt mit einem Zeitplan und abgestuft nach Teilnehmerzahl- und kreis.