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Sonntag, 05.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

„Bildung? Ja bitte! – Kosten? Nein danke!“

Von Wolfgang Walter

Alle loben Bildung. Sie sei der wichtigste Rohstoff, den das rohstoffarme Deutschland habe. Genau betrachtet ist Bildung zwar weder roh noch stofflich, aber mit Rohstoffen hat Bildung eines gemeinsam: Sie soll erstens billig und zweitens nahezu unbegrenzt verfügbar sein.

Alle loben das Bayernkolleg Augsburg, das staatliche Institut zur Erlangung der Hochschulreife. Es sei ein wichtiger Standort-Faktor in Augsburg. Es sei eine zweite Chance für alle, die in ihrer Jugend wegen ihrer Herkunft das Gymnasium gar nicht besuchen konnten oder wegen pubertärer Probleme geschmissen haben. Und dann die enorme Integrationsleistung für eine Stadt mit ca. 40 Prozent Migrantenanteil!

Nur schade, dass das alles auch noch Geld kostet. Etwa 15 Millionen Euro müsste der Freistaat für die Sanierung seines Kollegs mit Wohnheim blechen. Und um diese 15 Millionen Euro will sich der Freistaat Bayern drücken. Er kann das, wenn er das Wohnheim des Bayernkollegs schließt. Der Rückbau dürfte für einige zehntausend Euro zu machen sein. Die Sanierung bzw. der Neubau käme auf mehrere Millionen. Da zudem auch viele staatliche Internate nicht ausgelastet sind, ist rein rechnerisch die Schließung des Wohnheims in der Schillstraße geboten.

Eine zweite Fliege kann der Freistaat Bayern mit der gleichen Klappe schlagen. Wenn eine staatliche Heimschule ihr Wohnheim schließt, dann geht nach dem Schulfinanzierungs-Gesetz „das Eigentum an den dem Schulbetrieb dienenden beweglichen und unbeweglichen Sachen auf die zuständige kommunale Körperschaft“ über (Art. 11 Abs. 3). Die Stadt Augsburg bekommt also ein Geschenk, das sie teuer zu stehen kommt. Verständlich, dass Augsburgs Schulreferent sich gegen dieses Geschenk (engl.: gift) wehrt. Die Stadt hat schon genug Schulen, die in einem so miserablen Zustand sind, dass das Bayernkolleg ein Palast dagegen ist.

Der Freistaat Bayern sitzt am längeren Hebel. Wenn er heute das Wohnheim in der Schillstraße schließt, dann hat die Stadt Augsburg ab dem 1.1.2012 eine Schule, die sie zwar lautstark lobt, aber eigentlich nicht will. Und die Welle der Empörung, die sich gegenwärtig gegen das Kultusministerium richtet, könnte sich gegen die Politiker „unserer“ Stadt richten, weil sie sich nicht entscheiden können, was ihnen wichtiger ist: eine gute und kostenintensive Schulbildung für möglichst viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in gut ausgestatteten Schulen oder ein schöner Augsburg-Boulevard, eine elegante Kaisermeile und eine (hoffentlich funktionierende) Mobilitätsdrehscheibe.