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Dienstag, 17.02.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

„Amsterdam“ auf der Brechtbühne

Fremdheit und Nähe, die Rolle des Einzelnen im Schwarm und eine kriminologische Recherche klingen in dem spannenden Stück von Maya Arad Nasur an, das Regisseurin Simone Geyer in Schwarz und Weiß auf die Brechtbühne bringt.

Von Halrun Reinholz

Vier schwarze Vögel tänzeln trotz ihrer Unförmigkeit leichtfüßig auf die Bühne, drehen sich im Takt der Musik. Im Hintergrund zeigt ein Video Schwärme schwarzer Vögel. Es sind Stare, erfährt man aus dem Programmheft, und auch, dass sie symbolhaft stehen für die Inszenierung des Stücks „Amsterdam“ der israelischen Autorin Maya Arad Nasur. Ein Schwarm aus Staren, erfahren wir, ändert seine Richtung ohne Leittier innerhalb von Sekunden, weil sich die Vögel an ihren unmittelbaren Nachbarn orientieren, daraus entsteht das „Paradox des individuellen Kollektivs“, eine vielstimmige „Murmuration“.

Performance im Regen: Mehdi Salim, Sarah Maria Grünig, Katja Sieder, Jannis Roth (Fotos: Jan-Pieter Fuhr)

Auf der Brechtbühne schälen sich die zwei Schau­spie­le­rinnen (Sarah Maria Grünig, Katja Sieder) und zwei Schaus­pieler (Jannis Roth, Mehdi Salim) nach und nach aus den Vogel-Hüllen und stehen alle komp­lett weiß ge­kleidet da. Sie erzählen – mal chorisch, mal abwech­selnd – die Ge­schichte einer namen­losen Frau, einer isra­eli­schen Geigerin und Kompo­nistin, die in Amsterdam in einem Haus an der Keizer­gracht lebt und eines Tages eine Gas­rechnung über 1700 Euro von der Stadt Amsterdam erhält, die zudem aus dem Jahr 1940 stammt. In viel­stimmiger „Murmuration“ kommen­tieren die vier Darsteller die Ereig­nisse – reflek­tieren, berat­schlagen, ermitteln in krimino­logischer Manier, wie es zu der Rechnung kam, wieso diese nie bezahlt wurde und warum die Stadt Amsterdam sie jetzt noch einfordert. Im Fokus steht dabei einerseits die aktuelle Situation der jungen Israelin, die, wie man erfährt, hochschwanger ist, und die erst seit kurzem in Amsterdam lebt. Sie wird zum Supermarkt begleitet, zum Kontrolltermin beim Frauenarzt und anderen Alltagssituationen. Selbst der Gaza-Konflikt klingt an – mit der Anregung der Agentin an die Komponistin, doch ein Requiem für tote palästinensische Kinder zu schreiben.

Gleichzeitig wird die Vergangenheit der Wohnung themati­siert, bis sich zum Schluss ein Puzzle­teilchen an das andere fügt und der wahr­scheinliche Hergang rekon­struiert wird, der zur nicht bezahlten Rechnung führte. Spannende Assoziationen kommen zur Sprache – Fremden­feindlich­keit, Anti­semitismus, die liberale Tradition Amsterdams, die Zivil­courage von Wider­stands­kämpfern und die Bereit­schaft zur Kollabo­ration klingen an. Letztlich sind es Vermutungen, die geäußert werden, Gerüchte, keine Tatsachen. Denn die Haupt­akteure – die junge Frau, die frühere Mieterin, der alte Nachbar Jan – kommen selbst nicht zu Wort.

Kein Stück, dem man als Zuschauer leicht folgen kann. Ohne festen Kontext wird das „Gemurmel“ durch die vier Kommentatoren vermittelt. Beiläufig springen sie von einem Thema zum anderen, Bühnen­aktivität ist kaum vorgesehen bei der Insze­nierung der jungen Regisseurin Simone Geyer zusammen mit der Kostüm- und Bühnen­bildnerin Mona Marie Hartmann. Die Zuschauer werden frontal bespielt, es gibt kaum Inter­aktion zwischen den Dar­stellern, die das Verständnis der Situationen, der abrupten Wechsel, erleichtern könnte. Das ist schade, bei dem hoch spannenden und interessant konstru­ierten Stück. Umso befremd­licher, weil Simone Geyer haupt­sächlich Video­künstlerin und ihr der Umgang mit Bildern wohl durchaus vertraut ist. Mag der eine oder andere Einsatz von Video­projek­tionen im Theater zuweilen fragwürdig bis überflüssig erscheinen – bei diesem Stück hätte sich die Zuhilfenahme von Bildern förmlich angeboten, um die Spielebenen deutlich zu machen. Die Regisseurin entscheidet sich aber für strenges Schwarz-Weiß, beschränkt die Videokunst auf die Star-Metapher, legt den Fokus auf den Text. Hier scheint die Metapher übrigens auch immer wieder auf, denn das Hauptwerk der Komponistin heißt: „Das Paradox der Stare“.

Ein Mehrwert zu einem Hörspiel ergibt sich vor allem durch die engagierte Vermittlungs­arbeit der vier Darsteller, deren Texte fast ohne visuelle Unter­stützung daherkommen. Intensive Momente werden sogar noch mit lauter Musik hinterlegt, sodass die Botschaft heraus­geschrien werden muss und trotz der Mikros kaum zu den Zuschauern dringt. Und schließlich stehen die vier auch noch eine ganze Weile wortwörtlich „im Regen“ da – auch wieder eine Anspielung auf den Staren­schwarm, der im Regen zu einer ruhigen Linie wird. Metaphorisch gesehen heißt das: Wenn die Geschichten zusammen­geführt werden.

Fazit: Bei diesem intensiven Theaterabend fällt vor allem die hervor­ragende Performance ins Gewicht, die die vier Schauspieler abliefern und womit sie sich den Schluss­applaus des Premieren­publikums mehr als verdient haben.



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