„Amsterdam“ auf der Brechtbühne
Fremdheit und Nähe, die Rolle des Einzelnen im Schwarm und eine kriminologische Recherche klingen in dem spannenden Stück von Maya Arad Nasur an, das Regisseurin Simone Geyer in Schwarz und Weiß auf die Brechtbühne bringt.
Von Halrun Reinholz
Vier schwarze Vögel tänzeln trotz ihrer Unförmigkeit leichtfüßig auf die Bühne, drehen sich im Takt der Musik. Im Hintergrund zeigt ein Video Schwärme schwarzer Vögel. Es sind Stare, erfährt man aus dem Programmheft, und auch, dass sie symbolhaft stehen für die Inszenierung des Stücks „Amsterdam“ der israelischen Autorin Maya Arad Nasur. Ein Schwarm aus Staren, erfahren wir, ändert seine Richtung ohne Leittier innerhalb von Sekunden, weil sich die Vögel an ihren unmittelbaren Nachbarn orientieren, daraus entsteht das „Paradox des individuellen Kollektivs“, eine vielstimmige „Murmuration“.

Performance im Regen: Mehdi Salim, Sarah Maria Grünig, Katja Sieder, Jannis Roth (Fotos: Jan-Pieter Fuhr)
Auf der Brechtbühne schälen sich die zwei Schauspielerinnen (Sarah Maria Grünig, Katja Sieder) und zwei Schauspieler (Jannis Roth, Mehdi Salim) nach und nach aus den Vogel-Hüllen und stehen alle komplett weiß gekleidet da. Sie erzählen – mal chorisch, mal abwechselnd – die Geschichte einer namenlosen Frau, einer israelischen Geigerin und Komponistin, die in Amsterdam in einem Haus an der Keizergracht lebt und eines Tages eine Gasrechnung über 1700 Euro von der Stadt Amsterdam erhält, die zudem aus dem Jahr 1940 stammt. In vielstimmiger „Murmuration“ kommentieren die vier Darsteller die Ereignisse – reflektieren, beratschlagen, ermitteln in kriminologischer Manier, wie es zu der Rechnung kam, wieso diese nie bezahlt wurde und warum die Stadt Amsterdam sie jetzt noch einfordert. Im Fokus steht dabei einerseits die aktuelle Situation der jungen Israelin, die, wie man erfährt, hochschwanger ist, und die erst seit kurzem in Amsterdam lebt. Sie wird zum Supermarkt begleitet, zum Kontrolltermin beim Frauenarzt und anderen Alltagssituationen. Selbst der Gaza-Konflikt klingt an – mit der Anregung der Agentin an die Komponistin, doch ein Requiem für tote palästinensische Kinder zu schreiben.
Gleichzeitig wird die Vergangenheit der Wohnung thematisiert, bis sich zum Schluss ein Puzzleteilchen an das andere fügt und der wahrscheinliche Hergang rekonstruiert wird, der zur nicht bezahlten Rechnung führte. Spannende Assoziationen kommen zur Sprache – Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, die liberale Tradition Amsterdams, die Zivilcourage von Widerstandskämpfern und die Bereitschaft zur Kollaboration klingen an. Letztlich sind es Vermutungen, die geäußert werden, Gerüchte, keine Tatsachen. Denn die Hauptakteure – die junge Frau, die frühere Mieterin, der alte Nachbar Jan – kommen selbst nicht zu Wort.
Kein Stück, dem man als Zuschauer leicht folgen kann. Ohne festen Kontext wird das „Gemurmel“ durch die vier Kommentatoren vermittelt. Beiläufig springen sie von einem Thema zum anderen, Bühnenaktivität ist kaum vorgesehen bei der Inszenierung der jungen Regisseurin Simone Geyer zusammen mit der Kostüm- und Bühnenbildnerin Mona Marie Hartmann. Die Zuschauer werden frontal bespielt, es gibt kaum Interaktion zwischen den Darstellern, die das Verständnis der Situationen, der abrupten Wechsel, erleichtern könnte. Das ist schade, bei dem hoch spannenden und interessant konstruierten Stück. Umso befremdlicher, weil Simone Geyer hauptsächlich Videokünstlerin und ihr der Umgang mit Bildern wohl durchaus vertraut ist. Mag der eine oder andere Einsatz von Videoprojektionen im Theater zuweilen fragwürdig bis überflüssig erscheinen – bei diesem Stück hätte sich die Zuhilfenahme von Bildern förmlich angeboten, um die Spielebenen deutlich zu machen. Die Regisseurin entscheidet sich aber für strenges Schwarz-Weiß, beschränkt die Videokunst auf die Star-Metapher, legt den Fokus auf den Text. Hier scheint die Metapher übrigens auch immer wieder auf, denn das Hauptwerk der Komponistin heißt: „Das Paradox der Stare“.
Ein Mehrwert zu einem Hörspiel ergibt sich vor allem durch die engagierte Vermittlungsarbeit der vier Darsteller, deren Texte fast ohne visuelle Unterstützung daherkommen. Intensive Momente werden sogar noch mit lauter Musik hinterlegt, sodass die Botschaft herausgeschrien werden muss und trotz der Mikros kaum zu den Zuschauern dringt. Und schließlich stehen die vier auch noch eine ganze Weile wortwörtlich „im Regen“ da – auch wieder eine Anspielung auf den Starenschwarm, der im Regen zu einer ruhigen Linie wird. Metaphorisch gesehen heißt das: Wenn die Geschichten zusammengeführt werden.
Fazit: Bei diesem intensiven Theaterabend fällt vor allem die hervorragende Performance ins Gewicht, die die vier Schauspieler abliefern und womit sie sich den Schlussapplaus des Premierenpublikums mehr als verdient haben.





