Wozu dient Erinnerung? – Die Enkel der Vertriebenen haben Europa im Blick
Als einzige Stadt in Bayern und wahrscheinlich auch bundesweit richtet die Stadt Augsburg aufgrund einer Vereinbarung im Koalitionsvertrag der Stadtregierung alle zwei Jahre einen Empfang für die ost- und südostdeutschen Landsmannschaften aus, die im Bund der Vertriebenen auch lokal organisiert sind. Am 9. Februar fanden sich zum zweiten Mal im Gögginger Parktheater mit den Vertretern aller landsmannschaftlichen Gruppen parteiübergreifend Mitglieder der Stadtregierung, des Landtags und der Kommunalpolitik ein, um sich über die Formen der Erinnerung und deren Wert für die Gestaltung der Zukunft auszutauschen.
Von Halrun Reinholz
Blick in den gut gefüllten Saal des Parktheaters (Fotos: Halrun Reinholz)Federführend für den „Empfang der Landsmannschaften“ ist das Büro für gesellschaftliche Integration, das seit der schwarz-grünen Stadtregierung für alle Migrantengruppen zuständig ist. Dessen Leiterin, Dr. Margret Spohn, koordinierte den Festabend. Eröffnet wurde er von der Augsburger Oberbürgermeisterin Eva Weber, die den Landsmannschaften für ihre Präsenz und ihr Engagement im städtischen Leben dankte. In Augsburg dominierten lange Zeit die Sudetendeutschen, von denen nach der Vertreibung 1945 rund zwei Millionen in Bayern heimisch wurden. Mittlerweile zeigen die Banater Schwaben, die Siebenbürger Sachsen und die Russlanddeutschen aufgrund der späteren Aussiedlung, hauptsächlich ab den 1970er- und 1980er-Jahren, mehr Präsenz im Stadtleben. Sie seien in der Stadt „sichtbar, hörbar, spürbar und schmeckbar“, sagte Weber nicht ohne Augenzwinkern unter Anspielung auf die ausgeprägte Backtradition in den Vertreibungsgebieten und erwähnte dabei die vielen Anlässe, bei denen sie und andere Mitglieder der Stadtpolitik Gelegenheit zur Teilnahme und zur Begegnung hatten.
Neben der Oberbürgermeisterin war die Zweite Bürgermeisterin Martina Wild anwesend, in deren Referat das Integrationsbüro verortet ist, und auch der Dritte Bürgermeister Bernd Kränzle, ein häufiger Gast bei den Veranstaltungen der BdV-Gruppen, ebenso wie die Landtagsabgeordneten Cemal Bozoğlu und Andreas Jäckel, letzterer gleichzeitig BdV-Vorsitzender auf Bezirksebene. Im Saal waren vor allem Funktionsträger des BdV und der Landsmannschaften aus Augsburg sowie von den Landesverbänden Bayern vertreten, allen voran der BdV-Landesvorsitzende Christian Knauer, ehemals Landrat in Aichach-Friedberg. Daneben hatten sich zahlreiche Aktive, Verbandsmitglieder und Gäste zum Festakt eingefunden. Die Lokalpresse glänzte dagegen durch Abwesenheit. Die musikalische Begleitung erfolgte durch die Musikkapelle der Banater Schwaben Augsburg. Noch vor Beginn des offiziellen Programms heizten die Musiker von der Bühne aus die Stimmung im gut gefüllten Saal an und sorgten zuweilen für kleine Tanzrunden am Rande.
Die BdV-Kreisvorsitzende Dr. Hella Gerber, gleichzeitig auch Kreisvorsitzende der Banater Schwaben und CSU-Stadträtin, dankte der Stadt und der Oberbürgermeisterin für die Wertschätzung, die sie den Vertretern der Vertriebenen und Aussiedler sowie deren Nachkommen mit diesem Empfang erweise. Sie erinnerte daran, dass sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs Millionen von Menschen aus den Ostgebieten und aus Südosteuropa in Bayern und auch in Augsburg im öffentlichen Leben eingebracht haben. Schon früh hätten sie sich in der Charta der Heimatvertriebenen zu Demokratie und Verzicht auf Vergeltung bekannt, dabei aber ihre Werte und Traditionen gepflegt und die alten Heimatgebiete im Herzen bewahrt. Zu diesen Gebieten bildeten heute alle Landsmannschaften wichtige Brücken.

Festredner Dr. Florian Kührer-Wielach, Leiter des IKGS an der LMU München
Unter dem Motto „Vergangenheit verstehen – Verantwortung für die Zukunft“ diente der Empfang der Landsmannschaften auch der fachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Flucht, Vertreibung und Integration der landsmannschaftlichen Gruppen. Dr. Margret Spohn übernahm die Moderation und bat den Festredner Dr. Florian Kührer-Wielach ans Rednerpult, der als Historiker und Leiter des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München zum Thema „Erinnerung“ sprach – „eines der wertvollsten Dinge, die Sie besitzen“, wie er in Hinwendung zum Publikum präzisierte. Er merkte an, dass Augsburg durch den Zustrom an Vertriebenen nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs um 15 Prozent gewachsen ist und dass durch den weiteren Zustrom derer, die sich danach aus den Ländern des Ostblocks für das „Gehen“ und gegen das „Bleiben“ entschieden, zahlreiche weitere Menschen als Aussiedler und Spätaussiedler in die Stadt kamen. Was sie bei aller Verschiedenheit einte und von anderen Zuwanderern unterschied, war „das Bekenntnis zur deutschen Sprache und Kultur“. Mit ihren Erinnerungen haben sie das „Gedächtnis dieser Stadt“ über die Jahre mitgeprägt und ihre kulturellen Werte in den Integrationsprozess eingebracht. Der Referent stellte drei Fragen in den Mittelpunkt seiner Ausführungen: Was, wie und warum soll erinnert werden? Weil in der „Erinnerungslandschaft“ einer Gruppe unterschiedliche „Gewächse“ blühen, gebe es ein „Mosaik an Identitäten und Geschichten“ – mit schmerzvollen, aber auch mit guten Erinnerungen. Persönliche und kollektive Erinnerung müssten sich ergänzen, damit ein Bild entsteht.

Die Tanzgruppe der Siebenbürger Sachsen in ihren Trachten
Wie kann dieses komplexe Gedächtnis wachgehalten werden? Die Vertriebenengruppen sind mittlerweile teils in der dritten Generation hier ansässig. Wer die „alte Heimat“ nicht selbst erlebt hat, erfährt über Erzählungen der Eltern und Großeltern, wie es dort war. Doch über die Enkelgeneration hinaus gibt es kaum persönlichen Kontakt; hier wirkt das „kulturelle Gedächtnis“: Die Erinnerung wird über Traditionen oder Gedenktage weitergegeben. Es mündet im „institutionellen Gedächtnis“, das über „Erinnerungsspeicher“ funktioniert – Museen, Archive oder Bibliotheken. Schon seit 1952 sorgt der „Kulturparagraf“ (§ 96) im Bundesvertriebenengesetz für die Förderung entsprechender Institutionen; für Augsburg sei etwa das Bukowina-Institut ein prominentes Beispiel dafür. Der Redner hob hervor, dass auch der (wissenschaftliche) Blick von außen wichtig sei für die Einordnung des Geschehens: Erinnerung müsse „mit Herz und Hirn“ funktionieren, Emotion mit Information verbunden werden.
Warum aber soll überhaupt erinnert werden? Viele Entwurzelte hätten sich dafür entschieden, einen Schlussstrich zu ziehen, um weder sich noch andere mit der Vergangenheit zu belasten. Dennoch sei es vielen anderen von Anfang an auch ein Bedürfnis gewesen, die Gemeinschaft zu suchen. In der Gruppe war es leichter möglich, nach den verheerenden Erfahrungen der Vertreibung und Diskriminierung wieder Wertschätzung, Selbstvertrauen und Würde zurückzugewinnen. Die Gemeinschaft sei der Rahmen und die Traditionspflege der Landsmannschaften nicht weniger als die Demonstration gelungener Integration – ein Zeichen, dass man als „produktiver und positiver Teil einer Gesellschaft“ gesehen werden will, ohne sich „das Eigene“ nehmen zu lassen.
Dem Festvortrag folgte eine Podiumsdiskussion zur Frage „Wie erinnern?“, an der neben dem Festredner noch die Leiterin des Bukowina-Instituts an der Universität Augsburg, Prof. Dr. Jana Osterkamp, der BdV-Landesvorsitzende und ehemalige Landrat von Aichach-Friedberg, Dr. h.c. Christian Knauer, und der Vorsitzende der Sudetendeutschen Stiftung, Dr. Ortfried Kotzian, teilnahmen. Knauer ließ es sich nicht nehmen, der Stadt Augsburg ein großes Kompliment auszusprechen für diese „einzigartige Veranstaltung“, die es seines Wissens nirgends sonst gebe. Er hob insbesondere die Brückenfunktion der Vertriebenen und ihrer Nachkommen hervor, die nach dem Kalten Krieg über die Jahre gute Beziehungen zu den Herkunftsländern aufgebaut hätten und dort mittlerweile „herzlich willkommen“ seien. Andererseits sind die ehemaligen Vertriebenen nunmehr wesentlicher Bestandteil der Stadtgemeinschaft.
Auf die Frage der Moderatorin, wer sich für Institutionen wie das Bukowina-Institut oder das IKGS in München interessiere, antworteten Jana Osterkamp und Florian Kührer-Wielach einmütig, dass bei den Studierenden oft – konkret etwa zu einem Viertel bis einem Drittel – persönliche oder familiäre Bezüge vorhanden seien. Das Interesse an Osteuropa sei aber generell recht groß. Ortfried Kotzian hob den guten Zuspruch für das erst vor wenigen Jahren mit einer modernen Konzeption aufgebaute Sudetendeutsche Museum in München hervor. Man habe hier mit Förderung des Freistaats gezielt einen kulturhistorischen Schwerpunkt bei der Museumskonzeption gesetzt und darauf verzichtet, nur auf Flucht und Vertreibung zu fokussieren. Das Museum habe für diesen Ansatz zu Recht den Deutschen Museumspreis erhalten. Auch Jana Osterkamp sieht die Zukunftsfähigkeit der Vertriebenengeschichte darin, dass sie Teil der (deutschen) Kulturgeschichte ist und auch so vermittelt werden muss. Am Bukowina-Institut werde über Interviews mit Zeitzeugen die „Geschichte des Ankommens“ untersucht, aber auch die „Geschichte der Weitergabe“. Einig war man sich darüber, dass jetzt der „letzte Moment“ sei, in dem es noch Zeitzeugen gibt, deren Erlebnisse es festzuhalten gilt.
Ortfried Kotzian zog das Fazit, dass es trotz aller Förderung über die Jahre nicht gelungen sei, das Wissen über die ostdeutsche Kultur „ins breite Volk“ zu vermitteln, was vor allem an den Schulen versäumt worden sei. Auch Knauer hat die Erfahrung gemacht, dass es sehr im Ermessen der Lehrkräfte liege, ob die ost- und südostdeutsche Geschichte im Unterricht überhaupt thematisiert wird.
Dass die Augsburger Öffentlichkeit von diesem Empfang der Landsmannschaften so gut wie nichts mitbekam, ist symptomatisch. Die Nachkommen der Flüchtlinge und der Heimatvertriebenen sowie die Aussiedler und Spätaussiedler der 1970er- bis 1990er-Jahre machen einen großen Prozentsatz der Bevölkerung in Bayern aus und treten auch im Augsburger Stadt- und Vereinsleben aktiv in Erscheinung – ob beim Plärrerumzug, bei der Lechhauser Kirchweih oder beim Europatag. Durch Vermittlung der Sudetendeutschen kam Augsburg beispielsweise zur Städtepartnerschaft mit Liberec, früher Reichenberg, in der Tschechischen Republik. Im Mai 2025 feierte der Landesverband Bayern der Banater Schwaben sein 75-jähriges Bestehen mit einem Kulturtag in Augsburg. Mehrere hundert Trachtenpaare zogen mit Musik durch die Innenstadt und tanzten auf dem Rathausplatz. Zum Festakt in der Kongresshalle kam Ministerpräsident Markus Söder als Festredner. Dieses Ereignis fand in der lokalen Berichterstattung keine Erwähnung. Vielleicht erklärt sich diese Ignoranz dadurch, dass so mancher mit dem Begriff „Landsmannschaft“ eine gewisse Rückwärtsgewandtheit verbindet: Das waren die „Ewiggestrigen“, die in Zeiten des Kalten Krieges ihre Gebietsansprüche betonten. Mit den Jahren hat sich allerdings einiges geändert; im vereinigten Europa sind neue Generationen herangewachsen. Schon die zweite Generation der Vertriebenen hat sich von den revanchistischen Ansprüchen ihrer Landsmannschaften distanziert und einen eigenen Jugendverband gegründet: „DJO – Deutsche Jugend in Europa“. Die Jugendgruppen der heutigen Landsmannschaften haben Europa sozusagen in die Wiege gelegt bekommen – weil sie durch ihre Eltern oder durch ihre eigene Biografie den „direkten Draht“ in die Herkunftsländer haben. Aber gleichzeitig sind sie ohne Wenn und Aber hier in Augsburg zu Hause, das ist auf keinen Fall ein Widerspruch.



