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Dienstag, 27.09.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Die Augsburger Fuggerei und ihre Legenden

Marketing mit Menschenfabrik – Kommentar zu den Fuggerei-Feierlichkeiten

Die Stadt Augsburg und die Firma Fugger setzen ab Mai ihre großangelegte Kampagne anlässlich des 500-jährigen Bestehens der Fuggerei fort. Zu diesem Zweck wird auf dem Augsburger Rathausplatz derzeit ein begehbarer „Fugger-Pavillon“ errichtet, um für die Vorhaben der Firma Fugger zu werben. Deren neuestes Konzept heißt „Fuggerei der Zukunft“, mit dem man weltweit expandieren will. Doch was ist eine Fuggerei? DAZ-Autor Bernhard Schiller hat sich auf Spurensuche in Literatur, Architektur und Grabkultur begeben. Die Bilanz weicht von den vorherrschenden Lesarten und Legenden erheblich ab.

Von Bernhard Schiller

Stadt feiert Jubiläum der Fuggerei  – Bildquelle: Screenshot von Sarah Scheel/Stadt Augsburg

Jakob Fugger, genannt der Reiche, lebte von 1459 bis 1525 in Augsburg und brachte nicht nur das ihm unterstellte Familienunternehmen zu unvorstellbarer Größe, sondern auch sich selbst zu unermesslichem Reichtum und großer Macht. In seinem letzten Lebensjahrzehnt gründete er drei Stiftungen, die bis in die Gegenwart Bestand haben. Zum einen die Prädikaturstiftung an der St. Moritz-Kirche in Augsburg, welche der Familie Fugger auch heute noch das Recht gewährt, den Pfarrer dieser Kirche und damit den katholischen De-facto-Stadtpfarrer zu ernennen. Zum anderen die Stiftungen der Fugger-Kapelle in der St. Anna-Kirche sowie – als bekannteste der drei Einrichtungen – die sogenannte Fuggerei.

Folgt man den gängigen Auffassungen und Veröffentlichungen, so scheint Fuggers Hauptanliegen und damit der Sinn und Zweck dieser Stiftungen ein Handel mit Gott gewesen zu sein, mit dem sich der Bankier und Händler erhoffte, nach seinem Tod dem ewigen Seelenheil näher zu kommen. Derlei Seelgerätstiftungen waren seit dem Mittelalter üblich und stellten nicht nur einen Deal zwischen reichen Menschen und Gott, sondern auch zwischen reichen Menschen und Kirche dar. Am ehesten dürfte dieser Vorgang auf die fuggersche Kapellen-Stiftung in der St. Anna-Kirche zutreffen.

Doch ist hier Skepsis angebracht, spricht die Architektur der Kapelle doch ebenso die Sprache der Verewigung von Ruhm und Macht. Bei der zumeist als „Sozialsiedlung“ bezeichneten Fuggerei muss die Idee der Seelgerätstiftung aus ähnlichen Gründen mit mindestens denselben Zweifeln hinterfragt werden. Dies kann aus einer gegenwärtigen Betrachtungsweise geschehen, die nicht vollständig ausschließt, dass Jakob Fugger aus Furcht sowohl um sein jenseitiges als auch um sein diesseitiges Seelenheil handelte.

Größenwahn – Im Mausoleum der Fugger

Zwei antike Krieger blicken ehrfürchtig nach oben. Sie tragen aufwändiges Gewand, Panzer, Helme, Waffen. Sie sind Teil der herrschenden Kaste und ihr verlängerter Arm. Im Gesichtsausdruck nicht sonderlich stolz, eher devot. Sie wissen, wer ihr Herr ist. Sie heben sein Wappen empor. Zwischen den Kriegern sitzen zwei Menschen in unglücklicher Lage. Entblößt, gefesselt, wehrlos. Die Hände hat er ihnen auf den Rücken binden lassen. Den Augen der Gefesselten begegnen wir nicht. Das Profil des Mannes auf der rechten Seite ist teilweise hinter dem Rock des Legionärs verborgen. Der Oberkörper zeigt hinunter zum Erdboden, wo die Füße des Gefangenen von einer Schlange gefesselt werden; Vielleicht bewegt er sich auch, windet sich, der Schlange gleich, in den engen Fesseln, wehrt sich gegen die Erniedrigung. Nicht so sein Schicksalsgenosse. Seine Füße stehen frei. Das rechte Bein vorgestreckt, wie im Ansatz zur Flucht. Das linke Bein steht – noch – fest auf dem Boden. Oberkörper und Gesicht sind vom Betrachter abgewandt. Den Blick richtet er auf das Malzeichen desjenigen, der ihm die Freiheit genommen hat.

Wem gehört dieses Zeichen, wem gehören Krieger und Gefangene? Sie gehören Jakob Fugger. Heiliges Idol der sogenannten „Fuggerstadt“. Die morbiden Darstellungen prangen auf seinem Grabmal in der sogenannten Fugger-Kapelle. Die Bezeichnung „Kapelle“ für diese gewaltige Selbstinszenierung aus Marmor und Gold stellt freilich eine ebenso irreführende wie unzulässige Untertreibung dar.

Grabmal in der Fuggerkapelle; Zeichnung: Hans Eduard von Berlepsch-Valendas, aus: A. Butt: Augsburg in der Renaissancezeit, Bamberg 1893, S. 39

Die Fugger-Kapelle ist identisch mit dem kompletten Westchor der Augsburger St. Anna-Kirche und beherrscht den Kirchenbau. Das ist keine Kapelle, sondern ein protziges Mausoleum. An der Rückwand des Mausoleums hängen die Grabmale der Fugger-Brüder. Jeweils eines für die Brüder Ulrich Fugger (1441 – 1510) und Georg Fugger (1453 – 1506), links und rechts eingefasst von den zwei Grabmalen des Patriarchen Jakob selbst. Orgeln füllen den oberen Teil Rückwand des Chors vollständig aus und rahmen ein darüber liegendes Glasfenster. Strahlendarstellungen auf der großen Orgel verlängern die Sonnensymbolik des kreisrunden Fensters ins Rauminnere. Das Glas wird durch ein Kreuz geteilt. Im Zentrum des Kreuzes prangt das Wappen der Fugger von der Lilie und somit dort, wo das göttliche Sonnenlicht in den vermeintlichen Sakralraum einströmt. Das Wappen ist von vier Engelsgestalten umgeben, die sich der Fugger-Sonne zuwenden, wie anbetende Cherubim dem Thron ihres Fürsten. Die imperiale Botschaft ist unverkennbar.

Fugger unterwirft und beherrscht Mensch und Welt

Vom Auftraggeber und seinen Handwerkern in diese vermeintlich gottgleiche Ordnung gebracht, strömen Licht und Klang vom fuggerschen Zentralgestirn aus und nehmen den Kirchenraum in Besitz. Die Bemächtigung wird zementiert durch eine Vielzahl von Familienwappen. An der Decke des Mausoleums sind im Bilde der Muttergottes abermals Kreuz und Liliendarstellungen kombiniert, die sich vierfach in alle Himmelsrichtungen erstrecken. Das Wappen prangt an Wänden, auf Stühlen und als Intarsien im Marmorboden. Der Gesamteindruck lässt kaum eine andere Schlussfolgerung zu: Fugger ist allgegenwärtig. Fugger unterwirft und beherrscht Mensch und Welt. Fugger ist Gott. Die Inschrift auf seinem Grabmal schreibt den Größenwahn dauerhaft fest. Jakob Fugger sei „im Leben mit keinem zu vergleichen“ gewesen und „auch nach dem Tode nicht unter die Sterblichen zu zählen“. 

Wie Marketing aus einem Ausbeuter einen Wohltäter macht

Wer ein solches Selbstverständnis besitzt, der bedarf der mageren Gebete einer Handvoll Bedürftiger nicht. Die Fuggerschen Stiftungen selbst haben diese Tatsache erkannt, wenngleich sie einen alternativen Schluss daraus ziehen. Auf einer Infotafel in der Fuggerei steht geschrieben, dass die Bewohner der Siedlung weniger häufig als die Bewohner anderer, zeitgenössischer Armensiedlungen für ihren Stifter hätten beten müssen, weil es Jakob Fugger „nicht nur auf sein Seelenheil angekommen“ wäre. Für die eigene Errettung habe der Frühkapitalist „vielmehr die Kapellen-Stiftung in St. Anna vorgesehen“, der er „umfangreiche Vorschriften zu Messen und Gebeten“ gemacht habe. 

„Keine Kapelle, sondern ein protziges Mausoleum“: Fuggerkapelle in der Annakirche Foto © DAZ

Das Mausoleum kostete den Geschäftsmann einen vielfach höheren Preis als den, der für die Errichtung der Fuggerei erforderlich war. Die Erzählung, Jakob Fugger habe die angebliche Armensiedlung „aus Frömmigkeit und hochherziger Freigebigkeit“ gestiftet, dürfte zu den Fuggerlegenden zu rechnen sein, die nicht wahrer werden, wenn man sie auf Infotafeln in Ausstellungen druckt. Auch dann nicht, wenn ein Dreiklang aus Oberbürgermeisterin, Ministerpräsident und Bischof an der 500-jährigen Legendenbildung mitwirkt, wie etwa anlässlich der Jubiläumsfeier im vergangenen Sommer. Die Bild- und Formensprache der sogenannte Fuggerkapelle berichtet von einem Sozialcharakter, der aus dem Zusammenwirken des historischen Zufalls, allerlei Intrigen, banalen Gewalttaten und der frühkapitalistischen Meisterschaft des Fuggerclans einen göttlichen Willen konstruiert.

Fuggerkapelle kostete mehr als die Fuggerei 

Das Mausoleum wurde ab dem Jahr 1509 errichtet und in den Jahren nach dem Tod des Jakob Fugger fertiggestellt. Der Bau der Fuggerei erfolgte zwischen 1514 und 1523. Die Konzeptionen der Armensiedlung und der Ruhmeshalle wurden also zeitgleich umgesetzt. Derselbe Jakob Fugger, der seinen Nachruhm mit brachialen Bildern der Erniedrigung zu sichern hoffte, soll aus reinster Güte gegenüber den armen und schwachen Menschen gehandelt haben? Das dynamische Nebeneinander unterschiedlicher Moralitäten in ein und derselben Persönlichkeit ist an und für sich nichts Ungewöhnliches. Die Gestalt des Jakob Fugger jedoch wird seit rund 500 Jahren zum allerfrommsten Herzensmenschen und seine Fuggerei zur mustergültigen Sozialsiedlung verklärt. Diesen Widerspruch gilt es dauerhaft sichtbar zu machen und die historische Wirklichkeit aus dem Griff einer schönfärberischen Geschichtsschreibung zu befreien, die zum Zwecke des Marketings aus einem Ausbeuter einen Wohltäter macht.

Fuggerei: Bereits zu Lebzeiten eine PR-Maßnahme von Jakob Fugger 

Das wurde und wird immer wieder versucht. Verschiedene Autoren legten in den vergangenen Jahrzehnten dar, welche Zwecke Jakob Fugger mit dem Bau der Siedlung verfolgte. Die Fuggerei sei eine wohlkalkulierte Maßnahme zur öffentlichen Aufwertung der Firma gewesen, mit der Fugger auf Vorwürfe des Verstoßes gegen das Zinsverbot und der Monopolbildung reagiert habe. Jakob Fugger wurde mit dem Montanhandel reicher und mächtiger und ließ Aufstände der von ihm ausgebeuteten Bergleute konsequent niederschlagen. Er war Geldgeber für den portugiesischen Sklavenhandel und finanzierte Kriege in nah und fern. Auch schreckte er nicht davor zurück, Proteste gegen seine ausbeuterischen Praktiken niederzuschlagen zu lassen und aufständische Bauern verfolgen zu lassen. Der Kaufmann und Bankier betrieb eine knallharte Preispolitik, bildete Syndikate und de facto ein Monopol, das ihn über altes Herkommen und jegliche Anstandsnorm zu stellen schien. Selbst der Augsburger Gelehrte Konrad Peutinger, der für das Haus Fugger Gefälligkeitsgutachten zu dessen Handels- und Geschäftspraktiken verfasste, beanstandete Jakob Fuggers Missachtungen von „lieb und treu mainen“ (Treu und Glauben). Historisch gesicherte Sachverhalte, die in der Fugger-Didaktik an vorderster Stelle berücksichtigt werden sollten.

Win-Win-Win-Situation zwischen Fuggern, Stadt und Kirche 

Stattdessen wurde und wird zum Zweck eines dreifachen Win-Win-Win-Geschäftes für Fuggererben, Kirche und Stadtmarketing das Narrativ vom reichen Wohltäter hochgezogen und eine Augsburger Dachmarke geschaffen. Die in der Fuggerei ansässige „Die Fugger GmbH“ vergibt Lizenzrechte auf die Marke Fugger. Wie etwa für den Fugger-Express, der im Regionalverkehr München, Augsburg und Ulm verbindet. Oder eine Schnaps-Linie, die ein bekannter Augsburger Szene-Wirt braut und im Supermarkt bei den Quengel-Regalen sowie in einem sogenannten Pop-up-Store unmittelbar neben der Tourist-Information am Rathausplatz anbietet. In demselben Geschäft werden auch Klamotten eines jugendlichen Augsburger Modeherstellers verkauft, der seine angeblich nachhaltigen Produkte folgendermaßen bewirbt: „Traumhaft gut aussehen und nebenbei noch die Welt retten.“ Ein Slogan wie maßgeschneidert für die Zusammenarbeit mit der Fuggerei-PR der „Friedensstadt Augsburg“.

 OB Gribl: Wir sind Fuggerstädter

Im Jahr 2009 beschloss der Augsburger Stadtrat anlässlich des 550. Geburtstages des Jakob Fugger, einen Platz in der Innenstadt in „Fuggerplatz“ umzubenennen. Damit sollten „die Fugger und ihre enorme Bedeutung für die Stadt gewürdigt werden“. 2017 feierte die Stadt Augsburg dann den 650. Jahrestag der Ankunft des Hans Fugger in Augsburg mit einem Festakt im Goldenen Saal des Rathauses „vor mehr als 400 geladenen Gästen aus Politik, Medien, Wirtschaft und Gesellschaft“. Als wäre die Ankunft des Webers Hans Fugger im Jahre 1367 in Augsburg ein messianischer Advent gewesen.

„Wir sind Fuggerstädter“ bekräftigte dementsprechend der damalige Oberbürgermeister Kurt Gribl (CSU) vor den Gästen im Goldenen Saal, als wäre Augsburg keine Gebietskörperschaft, sondern ein Fürstentum. Den vorläufigen Gipfel der Anbiederung erreichen nun die aktuellen Feierlichkeiten zum Bestehen der Fuggerei. Im August 2021 gratulierte die Stadt Augsburg der „Fuggerei zum 500-jährigen Jubiläum“ mit einem über 90 Quadratmeter großen Banner am Verwaltungsgebäude über dem Rathausplatz. Das sei ein „wichtiges und wunderbares Jubiläum für Augsburg als Fugger-, Stifter- und Friedensstadt“, wie die amtierende Oberbürgermeisterin Eva Weber (CSU) im Internetauftritt der Stadt Augsburg verlautbart und damit gleich mehrere Augsburg-Erzählungen zu einer einzigartigen Halluzination verdichtet. Seit fünf Jahrhunderten sei die Fuggerei „ein zukunftsweisendes Modell“, heißt es weiter auf der städtischen Homepage.

Fuggerei: „Die schnurgeraden Gassen und schmucklosen, nackten Häuserzeilen des riesigen Komplexes wirken wie die Gebäude einer Fabrik“ Foto: DAZ

Damit klinkt sich die Stadt Augsburg in das Narrativ der Fuggerschen Stiftungen ein, die behaupten, die Infrastruktur der Fuggerei sei „zukunftsweisend und visionär“. Die Sprechweisen der Firma Fugger und der Oberbürgermeisterin wirken abgestimmt, was möglicherweise an derselben Werbeagentur liegt. Corporate Wording für eine gemeinsame Marketingstrategie.

Alles andere als ein Idyll

„Bis heute“ spüre man „eine angenehm geordnete und idyllische Atmosphäre“, die durch die „geradlinige Anordnung von Häusern, Wegen und Plätzen“ hergestellt würde, behaupten die Fuggerschen Stiftungen über die Fuggerei. Gibt man die Begriffe Idylle, Idyll und idyllisch bei der Google-Bildersuche ein, erhält man als Ergebnis alles nur erdenklich Hügelige, Runde, Gebogene, Kurvenreiche, Geschlungene, Natürliche und Weite dieser Welt. Aber kein einziges Bild, das einer „geradlinigen Anordnung“, die noch dazu von Mauern umgeben ist, auch nur nahekäme.

Von der heutigen, scheinbaren Postkartenidylle der Siedlung war im 16. Jahrhundert noch nicht allzu viel vorhanden. Die ockerfarbene, weinumrankte, mit Brunnen und Bänken ausgestattete, weltweit vermarktete Touristenattraktion stammt aus späteren Jahrhunderten und kam in Jakob Fuggers Plänen nicht vor. Das Sprachdesign der Fuggerschen Stiftungen stellt jedoch nicht nur billiges Framing dar, es schafft vor allem alternative Fakten ohne historische Grundlage. In der von Jakob Fugger angelegten Siedlung gab es keine öffentlichen Plätze. Und zwar absichtlich nicht. Die ursprüngliche Infrastruktur der Fuggerei war darauf ausgelegt, die Bewohner von Müßiggang, Eigensinn und verdächtiger Zusammenrottung ab- sowie zur Arbeit anzuhalten und wies deshalb (im Gegensatz zu damaligen Armenhäusern) keine öffentlichen Plätze für Gemeinschaftsbildung und Erholung auf.

Konzept der Vereinzelung

Das Konzept zielte bewusst auf Vereinzelung ab. Die Bewohner wurden auf ihre Häuser verwiesen, wo sie fromm, fleißig und zu rechter Stunde im Bett zu sein hatten. Das gilt sogar heute noch. Nächtliche Zuspätkommer müssen an der Pforte eine Geldbuße bezahlen. Die mittlere Gasse der Fuggerei wird heute wie damals als „Herrengasse“ bezeichnet. Dort stehen die Verwaltungsgebäude, von dort aus wird das Geschehen in der Anstalt observiert. Im Stiftungsbrief von 1521 heißt es wörtlich, der in der Herrengasse ansässige Pfleger solle „zusehen“, dass in der Fuggerei nichts Unehrenhaftes geschehe. Erwünscht war die Anpassung an gewisse Verhaltensnormen, für die eines sicher gilt: Sie bestanden nicht zum Nachteil Jakobs des Reichen.

Für die Interpretation des Grabmals eröffnet diese Tatsache eine weitere Möglichkeit: Die zwei Gefesselten sind die vom Handelsfürsten disziplinierten Armen und stehen repräsentativ für eine „Fuggerei“, über der das Lilienwappen herrscht.  

Jakob Fuggers Arbeitersiedlung kann als beispiellos und „modern“ also vor allem deshalb bewertet werden, weil sie der disziplinarischen Bauweise späterer Jahrhunderte vorausgriff. Wie ein Raumschiff erscheint der Neubau der Fuggerei auf dem Stadtplan des Augsburger Goldschmieds Georg Seld aus dem Jahr 1521. Die schnurgeraden Gassen und schmucklosen, nackten Häuserzeilen des riesigen Komplexes wirken wie die Gebäude einer Fabrik. Aus der Zukunft in die Arbeitervorstadt der Renaissance teleportiert, nehmen sie Funktionalismus und Rationalisierung der Architektur späterer Jahrhunderte vorweg. 

Arbeitervorstadt der Renaissance: Augsburg im Jahr 1521, Stadtplan des Georg Seld – Quelle: Historisches Lexikon Bayern

Weshalb landete dieses Raumschiff am Anfang des 16. Jahrhunderts ausgerechnet zwischen Lech und Wertach? Zur Einordnung dieses Ereignisses genügen einige Kenntnisse über den Zusammenhang zwischen den systemischen Gegebenheiten der Epoche und jener zeitgeschichtlichen Figur, die am meisten von diesen Umständen profitierte.

Götze der neuen Zeit

Jakob Fugger war nicht nur der reichste und mithin auch einer der mächtigsten Männer seiner Zeit. Angeblich war er auch zutiefst verwurzelt im katholischen Glauben. Zumindest der Legende nach, die andauernd und vielerorts wiederholt wird: „Jakob Fugger war tiefgläubig und blieb bei der alten katholischen Kirche.“ So die Fuggerschen Stiftungen auf ihrer Homepage. „Tiefgläubig und der katholischen Kirche treu“ sei Jakob Fugger gewesen. So der Augsburger Bischof Bertram Maier im gleichen, vermutlich abgestimmten, Wortlaut beim Festgottesdienst zum Fuggerei-Jubiläum im vergangenen August. Tatsächlich stand Jakob Fugger in engster Verbindung mit der römischen Kirche. Wirtschaftlich und machtpolitisch. Sein Handels- und Geschäftsgebaren lässt indessen keine Rückschlüsse auf eine besondere Treue zu zentralen christlichen Inhalten und Geboten zu. Da das auch einigen seiner Zeitgenossen sehr klar war, liegt es auf der Hand, dass Jakob Fugger auch im Interesse der Firma einen gewissen Druck hatte, Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. Die grassierende Armut in seiner Stadt bot ein willkommenes Betätigungsfeld, um Großherzigkeit zu demonstrieren, ohne dabei die sozialen Verhältnisse antasten zu müssen. Eine auch heute noch erfolgreiche Strategie.

Renaissance: Kein Goldenes Zeitalter, kein Goldenes Augsburg, sondern bittere Armut

Das ausgehende 15. und das frühe 16. Jahrhundert waren (nicht nur in Augsburg) geprägt von Bevölkerungswachstum, Preissteigerungen (insbesondere bei den Lebensmitteln) und gewaltiger Not. Zur Armut nennt das Historische Lexikon Bayern konkrete Zahlen: Im Jahr 1492 lagen in Augsburg „gut 80 Prozent des Gesamtvermögens in Händen von 5 Prozent der Bürger“. Diese Kluft wurde immer breiter und die immense Armut des größten Teils der Bevölkerung geriet zunehmend zum sozialen Sprengstoff in der Reichsstadt. In Verleugnung dieser Tatsache ist vielfach die Rede vom „Goldenen Augsburg“ der Renaissance. Das Staatstheater Augsburg sprach anlässlich seines propagandistischen Fuggermusicals „Herz aus Gold“ sogar von der „glorreichen Vergangenheit“ einer „blühenden Metropole“. Tatsächlich war die wirtschaftliche Entwicklung in der Freien Reichsstadt des 15. und 16. Jahrhunderts sprichwörtlich golden nur für die exklusive Gesellschaft weniger, gut vernetzter Familien, die in ihren Stadtpalästen im Überfluss schwelgten, während die Verelendung des Großteils der Bevölkerung enorm zunahm und unter den Ärmsten und Hungernden vor allem stinkende und teuflisch juckende Hautausschläge blühten. 

Fugger-Musical des Augsburger Staatstheaters: Im Juli 22 gibt es die Wiederaufnahme 

Zwischen den Jahren 1400 und 1500 hatte sich die Zahl der in Augsburg lebenden Menschen verdreifacht. Aus den Gemeinden ringsum zogen die Menschen in der Hoffnung auf ein besseres Auskommen in die Stadt, angezogen von den Verdienstmöglichkeiten der Handelsstadt. Humankapital, das durch seine schiere Körperkraft wesentlich dazu beitrug, dass die Stolzen unter den Bewohnern der Freien Reichsstadt sich bald als Macher und Lenker eines Welthandelszentrums wahrnahmen.

Die ehemaligen Landbewohner waren zumeist völlig mittellos und viele konnten in der Konkurrenzsituation am Arbeitsmarkt der Stadt nicht bestehen. Die Menge derer, welche um Almosen betteln mussten, wuchs mit dem Kapital der wenigen Reichen. Durch das massive Armutsproblem und immer wieder aufkeimende Unruhen sahen sich die Verantwortlichen der Stadt gezwungen, die Armenfürsorge zu reorganisieren. Eine maßgebliche Rolle spielte dabei die Unterscheidung der Armen in solche, die als „verschämt“ (ehrbar) und solche, die als „un-verschämt“ angesehen und stigmatisiert wurden. Bereits seit Mitte des 14. Jahrhunderts war in Augsburg unterschieden worden zwischen Bettlern und den sogenannten Hausarmen. Als Hausarme galten diejenigen, die trotz geregelter Erwerbsarbeit zwar in Not geraten waren, aber dennoch willfährig ihre Arbeitskraft zu Markte trugen. Ihre Situation wurde als unverschuldet betrachtet, wohingegen den völligen mittel- und arbeitslosen Bettlern das Stigma der Schuld und der Schamlosigkeit angeheftet wurde. Letztere hatten kein Anrecht auf Almosen und andere Beihilfen. Wenn sie kein Bürgerrecht besaßen, mussten sie auch noch die Abschiebung aus der Stadt befürchten. Gewiss konnten die Armen nicht strikt in diese und jene unterteilt werden. Zur obrigkeitlichen Handhabung des Armutsproblems aber war diese instrumentelle Unterscheidung durchaus nützlich.

Die Fuggerei wurde buchstäblich auf dieser diskriminativen Grenze errichtet. Laut Stiftungsurkunde durften in der Siedlung nur Personen unterkommen, die eine „fromme“ Lebensführung vorweisen konnten. Die also der Kategorie der Hausarmen zugerechnet wurden und die zudem katholischer Konfession waren. Als Gegenleistung wurden eine jährlich zu entrichtende Zahlung von einem Rheinischen Gulden und drei täglichen Gebeten für den Stifter und seine Familie erwartet. Im Vergleich zu anderen Armenhäusern, deren Bewohner ein klösterliches Leben voller Gebete und Rosenkränze zu führen hatten, scheint das kein hoher Preis gewesen zu sein. Die Fuggerschen Stiftungen sehen darin sogar ein Zeichen dafür, dass es Jakob Fugger besonders gut mit seinen Hausarmen gemeint habe.

Jobcenter der Renaissance: Von der Moral zur Arbeitsmoral

Jakob Fugger „der Reiche“ nach Skizzen von Albrecht Dürer (1518) entstanden …

Tatsächlich dürfte der Grund für diese Güte woanders zu suchen sein. Das Raumschiff hatte insbesondere erzieherischen Charakter und sollte seine Insassen zur Arbeit disziplinieren. Die Bewohner anderer Armenhäuser waren zumeist alleinstehende Alte und Gebrechliche, für die der Arbeitsmarkt keine Verwendung mehr hatte. Die Bewohner der Fuggerei hingegen setzten sich aus Handwerkern und ihren Familien zusammen. Mit seiner von Mauern umgebenen, klosterähnlichen Anstalt gelang Jakob Fugger tatsächlich etwas, „das Maßstäbe setzte“ (Fuggersche Stiftungen): Die Gleichsetzung von Arbeit und Moral als Arbeitsmoral. Es dürfte einer der gravierendsten Irrtümer der Sozialgeschichtsschreibung sein, dieses Ethos allein dem Protestantismus angelastet zu haben. Stattdessen kann der „tiefgläubige“ und „der katholischen Kirche treue“ CEO der Renaissance als Inkarnation des Götzen der moralischen Ökonomie betrachtet werden. Die heutigen PR-Erben dieses nicht ganz so heiligen Vaters gehen so weit, anzunehmen, dass die Gegenleistung aus Gebeten und Gulden „die Würde der Bewohner sicherte“, die dadurch „keine Almosenempfänger sein mussten“. Ein eindimensionaler Begriff von Würde, der den mittelalterlichen Begriff der Ehrbarkeit nur ersetzt, Menschen ihre prinzipielle Gleich-Würdigkeit abspricht und Almosenempfänger aus dem heiligen Zirkel der Würde ausschließt.

Diese ideologische Spaltung der Armen kann nun erneut auf dem Grabmal des Frühkapitalisten entdeckt werden. Der Gefangene auf der linken Seite erscheint als der Hausarme. Weil er bereit ist, die Regeln seines Herrn zu befolgen, wird er würdig. Der andere versteckt sein Gesicht aus Scham vor der Ordnungsmacht. Die beiden Gefangenen haben größtmögliche Distanz. Statt einander anzusehen und sich zu solidarisieren, kehrt jeder dem anderen den Rücken zu. Sie sind, ganz im Sinne der fuggerschen Stiftungsarchitektur, vereinzelt und vergesellschaften sich nicht. Dennoch teilen sie eine bestimmende Gemeinsamkeit als Unterworfene des Fuggergötzen. Sie sind Gefangene der moralischen Ökonomie, die ihre Körper auf die Schamgrenze zwischen Ehrbarkeit und Ehrlosigkeit zwingt. Die Fuggerei wurde nicht auf dieser Grenze errichtet. Sie ist die Grenze.

Anders, als Sonntagsreden und Werbeprospekte glauben machen wollen, war und ist die Fuggerei gerade kein Zeichen christlicher Nächstenliebe. Ihre Mauern schließen nicht nur ein – sie schließen auch aus. Die Fuggerei steht strukturell für die sozialpolitische Trennung in Anspruchsberechtigte und Nichtberechtigte, die nur mittels Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen durchgesetzt werden konnte. Derartige Maßnahmen stellten zu Beginn des 16. Jahrhunderts jedoch einen Widerspruch zur mittelalterlichen Idee der Caritas dar, in der die Zuwendung nicht dem Kollektiv, sondern – ohne Ansehen der Person – dem Einzelfall galt. Wenn ein Reicher einen Armen mit Almosen versorgte, hatte die Grundlage eine freie und aufrichtige Herzensregung zu sein, was keine rationalistische, sozialpolitische Unterscheidung zuließ. Jakob Fuggers Diskriminationsanstalt wäre daher als Jobcenter der Renaissance weit treffender bezeichnet, denn als „Inspiration für die ganze Welt“ (Fuggersche Stiftungen). Die Entwicklungen der Sozialdisziplinierung und der Institutionalisierung des Armenwesens stehen markant am Übergang vom sogenannten Mittelalter in die sogenannte Neuzeit. Im Allgemeinen. Nicht ausschließlich dort, wo zufällig Fugger wohnten und wohnen.

… Jakob Fugger, wie er von Jörg Breu d. Ä. porträtiert wurde – und wohl auch ausgesehen hat

Und doch ist es eben möglicherweise gerade deshalb kein Zufall, dass eine Fuggerei genau dort entstand, wo der Reichste der Reichen dieser Zeit zu Hause war. Für den Götzen der neuen Zeit wurden neue Riten und neue Tempel gebraucht. Jakob Fugger baute mit seiner Disziplinaranstalt das Taufbecken für eine Wirtschaftsform, die den Menschen und seine Spiritualität vollständig verwertbar macht. Für sich und seinesgleichen ließ er mit der Kapelle in St. Anna den dazugehörigen Altar errichten. 

Käufliche Menschenwürde

Die heutigen Fugger deuten die Beweggründe ihres Vorfahren anders. Für eine „minimale spirituelle und monetäre Gegenleistung“ würde die Fuggerei Bedürftige „ermächtigen“, „ein selbstbestimmtes Leben in Würde zu führen“. Damit stünde sie in der Tradition des Jakob Fugger, der die Hilfe für Arme „besser, wirkungsvoller und nachhaltiger“ gestaltet und deshalb „ein völlig anderes Konzept“ erfunden habe. Nämlich die „Hilfe zur Selbsthilfe“. Dies sei der Kerngedanke der Fuggerei, so die Fugger über Fugger und die Fuggerei. Davon abgesehen, dass die Fuggerschen Stiftungen hier allen Ernstes die Menschenwürde zum einkaufbaren Gegenstand erklären, ist das ahistorischer Unsinn.

Die Begrifflichkeit der Hilfe zur Selbsthilfe gab es im 16. Jahrhundert in der heutigen Form nicht. Die Firma Fugger beansprucht hier als Alleinstellungsmerkmal eine Idee, die nur scheinbar wertvoll und wegweisend klingt. „Hilfe zur Selbsthilfe“: Der Begriff sagt, dass die betroffenen Menschen unfähig seien, sich selbst zu helfen und hat vor allem anti-emanzipatorische Wirkung. Heute, wie im 16. Jahrhundert, ist die soziale Frage vorrangig eine Frage nach der Gerechtigkeit des Wirtschaftssystems und nicht nach der angeblichen Ehrbarkeit der Menschen am Abgrund dieses Systems. Hilfe zur Selbsthilfe – demokratisch verstanden, nicht paternalistisch – wirkt zunächst auf die Schaffung von Möglichkeiten zur Einflussnahme auf die Produktionsbedingungen, zur gesellschaftlichen Teilhabe und insbesondere politischen Mitgestaltung hin, bevor sie Körper und Geist der Abhängigen moralisiert und die Betroffenen zur blindgläubigen Übernahme unhinterfragter ökonomischer Verhältnisse anhält.

Die Fuggerei als Menschen-Fabrik

„Unsere Bewohner sind Jakob Fugger dankbar, dass er ihnen im Heute die Sicherheit einer Wohnung gibt.“ Dieser Satz stammt von Wolf-Dietrich Graf von Hundt, Verwalter der Fuggerschen Stiftungen und Geschäftsführer der „Die Fugger GmbH“. Worte, die von Jakob Fugger wie von einer lebendigen Gottheit sprechen. Die Fuggerschen Stiftungen stellen laut eigener Aussage „seit einigen Jahren“ eine „steigende Tendenz“ bei der Nachfrage nach Wohnungen in der Fuggerei fest und einen Zusammenhang mit der aktuellen Wohnungsnot her. Diese oberflächliche Schlussfolgerung ist wahrscheinlich richtig.

Kunst in der Fuggerei Foto © DAZ

Doch die Schlussfolgerung aus der Schlussfolgerung geht dann eben auch so: Menschen, die heute in die Fuggerei ziehen, brauchen zuallererst eine Wohnung. Die Fuggerschen Stiftungen leisten sich dabei den Luxus, aus der Menge an Bewerbungen die Wunschbewohner für ihren touristischen Menschenzoo auszuwählen und zugleich die frühneuzeitliche Schamgrenze zu konservieren. Ganz im Sinne des Familiengötzen, der (so Verwalter Graf von Hundt) mit der Fuggerei einen Teil der Hausarmen von der „Sorge um ein Dach über dem Kopf befreit“ habe. Und nicht nur das! Viele hätten durch diese Sorgenfreiheit wieder arbeiten können. Die „für damalige Verhältnisse recht großen“ Wohnungen in der Fuggerei seien laut Graf von Hundt nämlich besonders geeignet gewesen, um darin ein Gewerbe zu betreiben – etwa als Weber im sogenannten Verlagssystem. Eine damals übliche Form der lohnabhängigen Heimarbeit. Neuartig war allerdings die im großen Maßstab konzipierte Konzentration einer Vielzahl von Heimarbeitern in einer dem Erwerbsfleiß und der fügsamen Lohnarbeit gewidmeten, geradlinigen, überwachten und ummauerten Siedlung. Jakob Fugger hat sich mit seiner Fuggerei eine eigene Fabrik bauen lassen. Seine Menschen-Fabrik.

Bevormundung und Herabwürdigung

Fügsame Menschen sollten im Laufe der Jahrhunderte durch noch fügsamere Maschinen ersetzt werden. Doch die Fuggerei blieb bestehen. Diese erstaunliche Beständigkeit liegt – zumindest, wenn man den Fuggerschen Stiftungen folgen will – am „Fuggerei-Code.“ Die bisherige Vorsitzende des fuggerschen Familienseniorats Maria Elisabeth Gräfin Thun-Fugger spricht auch von der „DNA der Fuggerei“, deren „Essenz“ zukünftig „Grundlage für soziale Innovationen auf der ganzen Welt“ sein solle. Gemeint ist der Plan, Fuggereien in Sierra Leone und Litauen zu installieren.

Die vierfache Tautologie aus Code, DNA, Essenz und Grundlage täuscht derweil göttliches Design dort vor, wo, wie bereits erwähnt, ein paar wenige Kausalitäten, viel Zufall und umso mehr Härte aus dem Nachkommen eines talentierten Landwebers einen ehrgeizigen Oligarchen werden ließen, dessen Erinnerungskultur in Form seines Grabmals einen blasphemischen Anspruch auf Ewigkeit erhob.

Hybris, die sich auch in der von den Fuggerschen Stiftungen erklärten Absicht niederschlägt, den heutigen Fuggerei-Bewohnern klarzumachen, was diese „zu einem gelingenden Leben“ bräuchten. Um in den (den Herren der Herrengasse selbstverständlich geläufigen) Genuss eines gelingenden Lebens zu gelangen, sollen die Fuggereibewohner „sich selbst reflektieren“ und „Spiritualität entwickeln“. Dieser Schritt sei jedoch „eine höchstpersönliche Entscheidung der Bewohner“ und könne „weder eingefordert noch kontrolliert werden“, wie es auf einer Schautafel in der Fuggerei heißt.

Größer könnte die moralökonomische Demütigung kaum sein, als materielle Mittellosigkeit kategorisch mit spiritueller Armut zu verknüpfen, die solchermaßen Armen für den Ausweg aus diesem erbarmungslosen Konstrukt radikal verantwortlich zu machen und dabei zugleich vollständig zu entmündigen. Diese Logik, die im Umkehrschluss Reichtum und Herrschaft mit göttlicher Auserwähltheit gleichsetzt, dient vor allem der ewigen Legitimation ihres Stifters, der wie seine Stiftung voller unvereinbarer Widersprüche steckt. Die Fuggerei ist zu einer Festung von Legenden geworden, zu einer dialektischen Festung. Zeit einen Ausweg zu finden.