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Mittwoch, 04.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Zweifelhafte Moral

Kommentar von Maja Silvia Steiner

Dass die Geschäftstüchtigkeit Gunter von Hagens’ nicht gerade ein sympathischer Zug ist, wurde hier im Rahmen der Besprechung der Körperweltenausstellung schon einmal angemerkt. Auch die neue Aufregung um ein anstößiges Exponat, das ab heute in der Ausstellung “Eine Herzenssache” hätte zu sehen sein sollen, ist mit einiger Gewissheit wohl kalkuliert und sollte der offenbar nicht ganz so erfolgreich wie erhofft laufenden Körperweltenschau in der Ferienzeit noch einmal einen kräftigen Schub verpassen. Das ändert aber nichts daran, dass das städtische Verbot des “Liegenden Aktes” willkürlich wirkt und der Moral derjenigen zuwider läuft, die Hagens´ Körperwelten nach Augsburg geholt haben. Wer den “Stark extrahierten Körper” oder “Den Torhüter” ausstellen lässt, der kann sich heutzutage bei einem dargestellten Liebesakt wahrlich nicht mehr auf die Würde des Menschen berufen, um das was ihm nicht zusagt unterbinden zu lassen. Bei Körperwelten handelt es sich um eine Anatomieausstellung, die schon seit Jahren Körper in mehr oder weniger typischen Posen des Alltags – manchmal auch in makabrer Weise – zeigt. Dass in der Ausstellung, die sich im Rahmen der Herzenssache auch dem Phänomen der Sexualität annimmt, nun auch ein Liebesakt gezeigt werden soll, ist bei aller darüber herrschenden Aufregung letzten Endes konsequent. Die Verstorbenen haben nach Einlassung von Hagens’ zu Lebzeiten ihre Einverständniserklärung zu dieser Darstellung gegeben. Ist es ihnen gegenüber würdig, sie als unmoralische Exhibitionisten zu brandmarken? Wo bleiben Respekt und Achtung vor ihrer letztwilligen Verfügung?