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Sonntag, 18.10.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Was schert sich der Markt um die Menschenwürde?

Kinoverleiher Michael Hehl stellt den bemerkenswerten Film „Der Wert des Menschen“ im Liliom vor.

Von Sophia Winiger

Wie nimmt einer die Welt wahr, der seit fast zwei Jahren keine Arbeit findet? Der zu alt ist für eine neue Laufbahn, aber zu jung für die Rente? Dem die kalte Distanziertheit des kapitalistischen Systems entgegenschlägt, in Form sich häufender Absagen, schrumpfender Finanzen, erzwungener Verkäufe, sodass in der Existenznot das Lebenswerk den Bach hinunterzugehen droht? Und wie nimmt die Welt so jemanden andererseits wahr? Deckt sich das Bild? Stéphan Brizés Drama „Der Wert des Menschen“ befasst sich porträthaft mit dem Kampf gegen eine Situation, deren Last den Protagonisten kampfunfähig zu machen droht. Am Samstag hat der Augsburger Kinoverleiher Michael Hehl „seinen“ neuen Film im Liliom vorgestellt. Anschließend gab es ein Publikumsgespräch.

Held oder Antiheld?

Michael Hehl

Michael Hehl


Thierry Taugourdeau (Vincent Lindon) steht im Zentrum des Films. Er wirkt passiv, ist schweigsam in sich gekehrt – hat er aufgegeben, oder ist „Ihr könnt mir alle kreuzweise den Buckel runterrutschen“ auch eine Kampfhaltung? Thierry ist 50 Jahre alt, seit 20 Monaten auf Arbeitssuche, hat eine Frau und einen behinderten Sohn zu versorgen. Gutmütig erscheint er, als er für die Berufslaufbahn seines Sohnes einen weiteren Kredit aufnimmt, aller Schwierigkeiten zum Trotz. Ausnutzbar, unterordnend aber auch, als die Bankangestellte ihm zusätzlich eine Lebensversicherung aufdrücken will: „Was ist wenn Ihnen etwas zustößt? Ich meine ja nur.“ – „Mhm.“ Als Zuschauer hält man Thierrys Phlegma kaum aus, nicht weil man ihn verachtet, sondern weil er trotz allem der Sympathieträger, der Gute in der Geschichte ist, den man wachrütteln und wieder in den Vollbesitz seiner Handlungsmöglichkeiten bringen will.

Zweimal erhebt Taugourdeau dann aber doch die Stimme: Ex-Kollegen wollen ihn zu einem Aufstand in der Firmenzentrale des ehemaligen Arbeitgebers anstiften. „Ich habe genug. Mich da nochmal reinzuknien würde bedeuten, den ganzen Mist noch einmal durchzumachen“, ist seine gereizte Reaktion. Eine der wenigen Stellen, an denen man einen Blick hinter die Fassade, auf die Handlungs-, oder eben Nichthandlungsmotive des Charakters erhascht. Hier will er sich unnötige Scherereien vom Hals halten. An anderer Stelle dagegen lässt er ein Stück Reststolz aufblühen. „Ich bin nicht als Bettler hier!“, wirft er den möglichen Käufern seines Wohnwagens wütend entgegen, als diese seine Situation ausnutzen und den Preis in unverschämte Tiefen drücken wollen. Dann wieder verschwindet jedes Aufbegehren im Angesicht der Demütigungen. Diesmal kommen sie ausgerechnet von anderen Arbeitslosen, die doch vermeintlich im selben trübe vor sich hin schippernden Boot sitzen. Auf einem Seminar bewerten sie Taugourdeau anhand eines per Video aufgezeichneten Bewerbungsgesprächs. „Kalt, nicht sehr sympathisch“ wirkt er.

Im Visier sind die Verlierer der Kapitalismusmaschine

Zusammengesunken, nicht richtig da, niemand, mit dem man sich gerne unterhält, ziehen sie Thierry immer weiter in den Dreck. Und der Seminarleiter bemüht sich keineswegs um Ausgleich, sondern setzt mit anerkennenden „Sehr Guts“ der Abwertung noch ein I-Tüpfelchen auf. Arbeit um jeden Preis? Schließlich bekommt Thierry doch einen Job – als Supermarkt-Detektiv. Die Überwachungskamera ist der Spiegel des eigenen Lebens. Im Visier sind die Verlierer der herzlosen Kapitalismusmaschine, in der er nun wieder ein Zahnrad ist. So kommt es, dass er nicht nur Rentner und Kleinkriminelle, sondern auch die eigenen Kollegen zur Rechenschaft ziehen muss, wegen einbehaltener Rabatt-Coupons oder zu viel gesammelter Treuepunkte. Regisseur Brizé selbst meinte in einem Interview, er persönlich komme gar nicht dazu wütend zu werden. Es sei vielmehr „ekelerregend, so viel menschliche Intelligenz und Energie zu ignorieren“, weil nur an den größtmöglichen eigenen Profit gedacht wird. Ekel trifft gut die Grundstimmung, die Thierrys Arbeitsplatz hervorruft. Penibel bis voyeuristisch wird nach Fehltritten bei den eigenen Leuten gezoomt, um Personal entlassen zu können. Und so Geld einzusparen. Der Mensch als Ware, der Mensch als Mittel zum einzigen Zweck des wirtschaftlichen Wachstums. Passend dazu der Originaltitel: „La Loi du Marché“, das Gesetz des Marktes. So kommt es, dass auch Thierry Taugourdeau, ein Mensch mit inneren, wenn auch meist innen bleibenden Werten, es nicht mehr aushält. Er wirft hin, und der Zuschauer verbleibt rätselnd: Resignation oder Trotz, ist Taugourdeau ein leiser Feigling oder ein stiller Gewinner? Die Realität – grau bis grauenhaft.

Das Grunddilemma des Films ist: Authentizität bedeutet bei diesem Thema Mut- und Perspektivenlosigkeit, Trübsinn, zerfressende Leere. Nichts, zu dem man sich hingezogen fühlt, weder im wahren Leben noch als Kinozuschauer. Und je besser man diese Stimmung aus der Realität kennt, desto mehr sucht man nach der rosaroten Leinwand-Brille, wie sie Hollywood bietet: Eine Prostituierte wird zur glücklich verliebten Millionärsgattin. Und nicht: Ein lethargischer Arbeitsloser wird am Ende wieder arbeitslos. Brizé trifft ins Schwarze der Hölle, zeichnet auf, was sich niemand wünscht: In der eigenen Hilflosigkeit auf die Gunst derer angewiesen zu sein, die man in Wahrheit verabscheut. Viele Szenen sind bewusst schmerzhaft langgezogen, wie die Diskussion um den Wohnwagen. Taugourdeau mag einfach nicht wahrhaben, dass die Interessenten sich nicht an den telefonisch abgesprochenen Preis halten wollen. Die immer gleichen Argumente werden hin- und hergeschoben, das Gespräch wirkt hohl. Es gibt keine Steigerung im Geschehen, vielmehr kriecht es öde vor sich hin. Das betrifft nicht nur diese Szene, sondern den gesamten Film. Schnitte gibt es wenige, und sie kommen unverhofft. Dann öffnet sich eine neue Einöde vor dem Zuschauer. Das Grau des  Filmgeschehens in all seinen Schattierungen ist brillant, aber schwer zu ertragen.

“Sie können genauso gut einen Verliebten fragen, was die Liebe ist”

Vincent Lindon ist der einzige Profischauspieler des Films, ansonsten sind nur Laien zu sehen. Das ist wiederum gelungene Originalität, denn man merkt es kaum. Die Charaktere erscheinen zwar blass und wenig ausgefeilt, aber genau das schwingt gut mit der Grundstimmung. Umso mehr glänzt dafür Lindon in seiner Rolle. Seine melancholisch schimmernden blauen Augen unter der gerunzelten Stirn sind so ausdrucksstark, dass er kaum Worte braucht um die Rolle des Thierry weiter auszumalen. Thierry ist verschlossen, aber zugleich mitfühlend, hilflos, aber zugleich würdevoll, passiv, aber zugleich direkt. All diese Facetten weiß Vincent Lindon bei einem Minimum an Handlung herauszukehren. In einem Interview zum Film soll Lindon seine Figur beschreiben. Dazu meint er: „Sie können genauso gut einen Verliebten fragen, was die Liebe ist. Der antwortet dann: „Aber ich bin doch verliebt!“ […] Thierry? Das bin ich!“

Insgesamt ist „Der Wert des Menschen“ ein Film, der durchaus mitnimmt. Ob man als Kinobesucher ausgerechnet in diese Welt, einer wasserlosen Wüste gleich, einsteigen will, ist die andere Frage. Womöglich erscheint dann aber das echte Leben umso erträglicher. Im Anschluss an die Vorstellung um 19:00 im Liliom gab es vergangenen Samstag noch eine Publikumsdiskussion mit Michael Hehl, der den Streifen mit seiner Firma „Temperclayfilm“ an die deutschen Kinos verliehen hat. Dabei gestand er, dass der Film nicht nur auf dem deutschen Markt schwer zu verkaufen sei. Selbst französische Cineasten empfänden ihn als langatmig.

Das Augsburger Publikum reagierte gespalten: Einerseits gab es großes Lob für Lindon, der im Übrigen in Cannes für seine Leistung ausgezeichnet wurde, andererseits wussten viele nichts mit der Handlungsarmut des Films anzufangen. Auch die Meinungen über die passive Hauptfigur waren unterschiedlich – das Urteil reichte von feige und träge bis authentisch und lebensweise. Unumstritten ist: „Der Wert des Menschen“ bietet Diskussionsstoff. Am morgigen Donnerstag, den 05.05. ist der Streifen wieder im Liliom-Kino zu sehen. Vorstellungsbeginn: 21.00 Uhr.