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Freitag, 08.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Warum man eine neue Festivalleitung braucht

Nach sechs Jahren Lang ist es Zeit, sich auf etwas Neues zu freuen

Kommentar von Siegfried Zagler

Man muss kein grundsätzlicher Gegner der Festivalkultur in Sachen Brecht sein, um das Ende des Brechtfestival unter der künstlerischen Leitung von Joachim Lang herbeizusehnen. Man muss nur einen kurzen Blick auf das Programm des kommenden Festivals werfen, um zu erkennen, dass es sich nicht um ein Festivalkonzept handelt, sondern um ein Programm, das in seiner Redundanz und seiner gestalterischen Armut den Eindruck verfestigt, als fände es ununterbrochen wie der Wiener Prater seit einer gefühlten Ewigkeit statt. Abbott, Peschke, Münsch, Pichler, Friederichs, Knopf, Schall, Thieme, Licht, Daher, Seidel, das Augsburger Philharmonische Orchester und natürlich Joachim Lang selbst, der seine Selbstinszenierungen „Festivaltalks“ nennt, sind Kunstschaffende, deren Rang als Künstler an dieser Stelle nicht im Geringsten in Frage gestellt werden soll. Es geht um etwas anderes: Warum sollen jedes Jahr im Rahmen eines Festivals Künstler auftreten, die man vom vorigen Festival her kennt oder in Augsburg ohnehin das ganze Jahr zu beäugen sind und zur Stadt gehören wie der Lech?

Viele Formate haben sich durch Redundanz überholt: Festivaltalks, Slams, Nachtlinien, klassische Konzerte, Knopfs Brechtplauderei, skurrile Uraufführungen der Brecht-Enkelin sowie die Idee, einen in die Jahre gekommenen weiblichen Star (Milva, Faithfull, Lemper, Smith) als Soloereignis zu präsentieren oder die Nummer-Revuen bekannter Fernsehschauspieler im Großen Haus als Galaformat und natürlich immer irgendetwas mit Kindern. All das nervt auch deshalb in seiner Redundanz, weil es zum Beispiel nicht vom Kulturamt oder von Kurt Idrizovic, quasi nebenbei erstellt wurde, sondern von einem künstlerischen Leiter, der dafür jedes Jahr von der Stadt 53.000 Euro kassiert. Und was ist mit der langen Brechtnacht? Darauf darf man sich (wie jedes Jahr) freuen, ist aber als Format ebenfalls seit Jahrzehnten unter dem Label „Honky Donk“ eingeführt.

Das Engagement des Berliner Ensembles, das mit dem Stück „Mutter Courage und ihre Kinder“ von Lang im Kulturausschuss als „ein absoluter Höhepunkt“ angekündigt wurde, hatte am BE seine Premiere 2005. Auch Klaus Peymann konnte das Berliner Ensemble nicht aus seiner künstlerischen Versenkung retten. Seit 2005 tourt Peymann mit diesem Stück durch die Weltgeschichte. Wenn man es polemisch darstellen möchte: Joachim Lang agiert wie der Leiter einer Stadthalle, der Tschaikowskys „Nussknacker“ des Bolschoi-Staatsballetts als Weltsensation verkauft.

Es geht darum, dass ein Festival nur dann einen Sinn hat, wenn es mit Neuem zu glänzen versteht. Zur wissenschaftlichen Kernaussage des Festivals, dass mit dem Festival eine neue Phase der Brecht-Rezeption anbreche, sollte man nicht viel mehr sagen als ein Wort: Unsinn.

Joachim Lang hat als Festivalleiter sechs lange Jahre die Stadt gespalten. Nun sind auch seine Unterstützer und Befürworter der vergangenen Jahre zur Auffassung gekommen, dass sich die Handschrift Langs nicht mehr als der neueste Zauber von Paris anfühlt und dass sechs Jahre im Allgemeinen genug sind, um sich auf etwas Neues freuen zu können. Im März dieses Jahres gab es in Augsburg einen Politikwechsel und wie 2008 (als es ebenfalls einen erdrutschartigen Politikwechsel gab) will der fürs Brechtfestival zuständige neue Referent ein anderes Format. Wie damals ist dieses Wollen politisch umkämpft. Damals entschied sich der Kulturausschuss in nichtöffentlicher Sitzung mit einer Stimme Mehrheit gegen Albert Ostermaier und somit für Joachim Lang.

Auch damals gab es Kämpfe hinter den Kulissen, wenn auch ganz anderer Art: Die abgewählte Regierung wollte mit aller Macht mit Ostermaier weitermachen, scheiterte aber an der neuen Mehrheit im Kulturausschuss. Die politische Situation ist heute eine andere: Für Lang ist im Grunde nur noch ein Politiker: Karl-Heinz Schneider, der zwar kein Mandat mehr hat, aber großen Einfluss auf die Rathaus-SPD, deren Fraktionsvorsitzende Heinrich sich unlängst eindeutig für Lang positionierte. Heinrich hat in Sachen Brecht nicht das geringste Interesse. Bei der CSU ist Lang zwar verbrannt, die CSU hat aber wenig Aktien im Brechtfestival, weshalb sich die CSU des Koalitionsfriedens willen ein weiteres Jahr mit Lang als Festivalleiter vorstellen kann. Und so kam es, dass ein Rentner aus dem Ruhestand heraus Politik machen konnte und wohl immer noch kann.

Der eigentlich Skandal des Gezerres besteht also darin, dass ein unsichtbarer SPD-Geist die Konzeptlosigkeit der Grab-Ära in der Kulturpolitik möglicherweise fortsetzt und der neue Kulturreferent damit zum Hanswurst degradiert wird. Ein weiteres Jahr mit Lang macht genauso wenig Sinn wie drei weitere Jahre. Nach der Berichterstattung der Augsburger Allgemeinen zu diesen Vorgängen sind alle beschädigt, also nicht nur Lang, die SPD, die CSU und der Kulturreferent, sondern auch der Name Bertolt Brecht im Zusammenhang mit seiner Heimatstadt.