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Sonntag, 28.11.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Von welcher Theatersanierung ist eigentlich die Rede?

Auf welcher Grundlage verhandelt Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl mit dem Freistaat über die Finanzierungshilfe seitens der Staatsregierung in Sachen Theatersanierung? Und worüber verhandelt er? Welche Sanierungspläne sind aktuell Verhandlungsgegenstand? Das sind Fragen, die sich Kurt Gribl gefallen lassen muss, weil sich die politische Kaste in Augsburg bezüglich der geplanten Theatersanierung in einem selbstgebauten Labyrinth befindet, aus dem sie offenbar ohne die Hilfe einer engagierten Bürgerschaft nicht mehr herausfindet.

Von Siegfried Zagler

Die Forderungen der Sanierungskritiker: Liegt ein Bürgerbegehren in der Luft?

Die Forderungen der Sanierungskritiker: Liegt ein Bürgerbegehren in der Luft?


Verhandelt Kurt Gribl auf der Basis der Grundsatzbeschlüsse von 2009 oder 2011, als die inzwischen nicht mehr aktuelle Planung eines Hamburger Büros zur Disposition stand? Wohl kaum. Verhandelt er auf Basis der vom Stadtrat abgestimmten Ausschreibung zur Sanierung des Großen Hauses im Jahr 2013? Dafür hätte er möglicherweise einen Auftrag des Stadtrats. Diese eine Verhandlungsebene steht aber so singulär wohl nicht im Verhandlungsprogramm, schließlich war immer die Rede davon, dass es darum ginge, dass man von den hohen Gesamtkosten herunter kommen müsse, damit sich der Freistaat stärker als gewöhnlich an der gesamten Finanzierung beteiligt. Die Sanierung des Großen Hauses ist aber „lediglich“ auf 118 Millionen taxiert. Inzwischen sei man von den 235 Millionen bei der Gesamtsanierung weg- und bei „lediglich“ 180 Millionen angekommen und der Freistaat habe signalisiert, dass er bei der Finanzierungshilfe verschlungene Wege mitgehe. Gibt es bezüglich der Gesamtsanierung im Planungskontext des Müncher Büros einen Stadtratbeschluss? Nein!

Von welcher Sanierung ist also eigentlich die Rede? Niemand scheint es zu wissen. Oder verhandelt Kurt Gribl völlig freischwebend mit der bloßen Kraft seines Amtes über eine irgendwie visionäre Sanierung eines maroden Theaterkomplexes, den man sich mehr als Drei-Sparten-Struktur denn als baulichen Sanierungsfall vorstellen muss? Verhandelt er mit der seit 1956 unausgesprochenen Übereinkunft zwischen Theater und Stadtgesellschaft, dass ein Augsburger Stadttheater ein Drei-Sparten-Haus sein muss? Sich auf diese möglicherweise rissig gewordene Übereinkunft zu berufen, wäre ein wenig luftig.

Oder verhandelt er mit einer Formel, die das Verschwinden des öffentlichen politischen Diskurses beschreibt: 23+1+13+7= 44. Das ist die Addition, die die Rathaus-Mehrheit der Stadtregierung darstellt. Doch selbst diese scheinbar so sichere Formel könnte sich in Luft auflösen: Die SPD könnte zum Beispiel in den kommenden Tagen um die Ecke kommen und eine Theatersanierung vorstellen, die weder den Neubau des Orchesterhauses noch den Neubau des Schauspielhauses enthält. Die Brechtbühne bliebe somit das Augsburger Schauspielhaus. Die Theaterverwaltung könnte in eine Immobilie in der Nähe umziehen undsoweiter. Wäre dann diese Planung die neue die Verhandlungsgrundlage in München oder entwickelt Kurt Gribl zusammen mit dem bayerischen Kunstministerium und dem bayerischen Finanzministerium ohnehin stetig neue Planungen? Sitzt Walter Achatz aktuell wieder über einer Planung, die mit der im Bauausschuss vorgestellten Planung nichts mehr (oder nur noch wenig) zu tun hat? Oder ist man angesichts der finanziellen Notlage der Stadt inzwischen mit den Ansprüchen soweit gesunken, dass man das komplizierteste und wohl teuerste Bauprojekt der Nachkriegsgeschichte nur noch irgendwie über den Zaun brechen will?

Warum auch nicht? Schließlich ist die „Präsentation der vollen Wahrheit“ (Kurt Gribl) im Februar-Bauausschuss nicht mehr als eine „Skizze, die mit einem Geldbetrag hinterlegt ist“, so Baureferent Gerd Merkle, der kürzlich einer kleinen Schar Kunstschaffender erklärte, dass eine Vorentwurfsplanung eigentlich kaum belastbar ist.

Die neuere Geschichte zur seit Jahrzehnten im Raum stehenden Theatersanierung ist ein Panoptikum von Chaos, Pleiten, Kapriolen und Zynismen, man denke nur an die politischen Kämpfe zurück, die die Entstehung der Brechtbühne evozierte. Man denke an das politische Versagen zurück, das zum Verlust der Komödie führte. Man denke an Juliane Vottelers Wutrede im Kulturausschuss, an die gescheiterte Container-Ausschreibung oder an die Unternehmung, den frisch operierten CSU-Stadtrat Wolfgang Kronthaler vom Krankenhaus in den Stadtrat zu transportieren, um die letzte Abstimmung zum Bau der Brechtbühne nicht zu verlieren. Man denke an den im Prinzip abenteuerlichen Plan, das Augsburger Stadttheater mit Sack und Pack für vier Jahre + x in das Kongresszentrum zu verlegen. Das Kongresszentrum („Kongress am Park“) wurde vor wenigen jahren mit Bundesmitteln (22 Millionen Euro) aus einem Konjunkturförderpaket saniert, das damals gebildet wurde, um eine Finanzkrise abzufedern.

Man denke nur an die bizarre Präsentation der Achatz-Planung in der Februarsitzung des Bauausschusses. Zehn lange Monate vor dieser Präsentation wurde das Projekt von einer städtischen Lenkungsgruppe begleitet, um schließlich eine Planung reifen zu lassen, die wie ein Luftschloss vom Himmel gefallen schien und nicht nur finanziell an den Möglichkeiten der Stadt vorbei schlitterte, sondern auch ästhetisch und städtebaulich viele Wünsche offen ließ.

Ist es nach den beschriebenen Wirrungen und Irrungen der Augsburger Kulturpolitik noch verwunderlich, dass es der Bürgerschaft zu bunt wurde? Liegt gar ein Bürgerbegehren in der Luft? Kulturreferent Thomas Weitzel hat sich zuletzt bei jeder Gelegenheit dahingehend wiederholt, dass ein Plebiszit in Sachen Kunst ein fürchterliches Drama wäre. Ist es in diesem Zusammenhang nicht auffallend widersprüchlich, dass sich Weitzel in der Augsburger Allgemeinen dergestalt äußert, dass eine „kleine Gruppe“ Kritiker sich zu „Theaterverhinderern“ aufschwingt? Hat eine Gruppe von 50 Unterzeichnern, die das Vorgehen der Stadtregierung in Sachen Theatersanierung kritisiert, keine Relevanz, weil sie klein ist, während die Einmischung der gesamten Stadtgesellschaft „verheerend wäre“?

Wenn man den desaströsen Auftritt der Stadt im Augsburger Presseclub mitrechnet, als Meinhard Motzko kürzlich zu Gast war, könnte man glauben, dass sich Thomas Weitzel genauso verhält, als wollte er die Sanierungskritiker in ein Bürgerbegehren zwingen.

Offenbar bettelt Thomas Weitzel darum, dass eine „kleine Gruppe“ von 50 Sanierungskritikern mehr Relevanz zulegt, indem sie sich vergrößert. Offenbar sind die finanziellen Möglichkeiten der Stadt durch das kürzlich entdeckte Finanzloch (40 Millionen Euro) dergestalt eingeschränkt worden, dass die Stadt es gerne sähe, könnte sie die Kritiker der von Walter Achatz vorgestellten Sanierung zu „Theaterverhinderern“ abstempeln. Möglicherweise sind die Sanierungskritiker für die Stadtspitze sogar willkommene „nützlichen Idioten“, die mit ihrem Gedöns davon ablenken, dass die Stadtregierung mit ihren Sanierungsplänen wohl längst aus haushalterischen Gründen gescheitert ist.

Bürgerbegehren ist auch Bürgerbeteiligung, wenn auch keine differenzierte, sondern eine gefährliche, weil dieser Prozess unter Umständen dazu führen könnte, dass nach dieser Form der Bürgerbeteiligung am Kennedyplatz kein Stein mehr auf dem anderen steht. Dass ein Bürgerbegehren aber nicht zwangsläufig in den Wald führen muss, zeigt folgendes Beispiel:

„Soll die Stadt Gütersloh trotz Finanzkrise ein neues Theater bauen“, so die Fragestellung eines Bürgerentscheids in der 100.000-Einwohner-Stadt Gütersloh. 18.462 Bürger stimmten mit „Nein“, 5.880 mit „Ja“. Das Quorum von 20 Prozent der Wahlberechtigten wurde erreicht, der Bürgerentscheid war erfolgreich im Sinne der Antragsteller, ein kostspieliger Theaterneubau wurde nach Bürgerintervention mittels Gemeindeordnung gestoppt. Das war im Jahre 2003. Nach der zweijährigen Sperrfrist wagte sich die Stadt ein zweites Mal an das Projekt, diesmal wurden die Bürger mitgenommen. Zwei Großsponsoren und eine private Initiative trugen 6 Millionen Euro zusammen. Nach einer Machbarkeitsstudie wurde der Hamburger Architekt  Friedrich (in Augsburg kein Unbekannter) verpflichtet, die Kosten zu deckeln. Im Dezember 2007 wurden das alte Theater abgerissen. Im Oktober 2008 feierten über tausend Menschen die Grundsteinlegung. Im März 2010, eröffnete das Theater mit einem Festakt und die Stadt Gütersloh hatte ein Großes Haus mit 530 Plätzen für Oper und Schauspiel. Die Kosten betrugen 21,75 Millionen Euro. Spricht man Kulturreferent Weitzel auf diese Geschichte an, betont er, dass es sich beim Gütersloher Theater um ein reines Tourneetheater handelt, dort also keine Werkstätten, Probebühnen, Produktionsstätten und andere Kostenfaktoren notwendig gewesen wären. Darauf kommt es bei dieser Geschichte allerdings nicht an, sondern darauf, dass erst durch die Einmischung der Bürgerschaft aus einer verfahrenen Situation etwas entstand, das zur Stadt Gütersloh passt.

Die Frage, welches Theater man aus dem Leib der Stadt Augsburg schnitzen müsste, ist bisher nur von einem Augsburger Politiker öffentlich und differenziert überlegt worden. Das liegt allerdings vier Jahre zurück. Aus diesem Grund hat die DAZ dieses bemerkenswerte Dokument aus Zeiten als es in Augsburg noch eine politische Sprache gab, neu aufgelegt. Dr. Stefan Kiefer ist längst nicht mehr Oppositionsführer, sondern Sozialreferent der Stadt Augsburg. „Die Ausrichtung des Theaters und der Adressatenkreis müssen sich verändern, wenn das Theater vor dem Hintergrund knapper werdender Ressourcen einen breiten Konsens in der Stadtgesellschaft haben soll“, so Kiefer damals, der sich mit dieser Aussage an die Spitze der Sanierungskritiker setzen könnte.