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Freitag, 19.10.2018 - Nr. 292 - Jahrgang 6 - www.daz-augsburg.de
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Von allen guten Geistern verlassen

Warum Augsburgs Oberbürgermeister auf skandalöse Weise den Geist des Augsburger Hohen Friedensfestes konterkariert

Kommentar von Siegfried Zagler

Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl hat sich von einer Veranstaltung des Kulturprogramms des Augsburger Friedensfestes distanziert und mittels OB-Verfügung veranlasst, dass das Kulturprogramm des Friedensfestes künftig dem Kulturausschuss vorgelegt werden muss. Der erste Vorsitzende des Kulturausschusses ist – wenn er daran teilnimmt – Kurt Gribl. Wo bisher künstlerische Freiheit der Programmmacher angesagt war, soll von nun an politische Kontrolle walten. Die Begründung für diese Kontroll-Verfügung ist an den Haaren herbei gezogen und konterkariert nicht nur den Geist des Augsburger Friedensfestes, sondern bringt auch Kurt Gribl als Augsburger Stadtoberhaupt verschärft in die Kritik.

„Ich bin nicht der Auffassung, dass vormals terrorismusnahen Personen eine Plattform gegeben werden muss. Erst recht gilt dies, wenn es der betroffenen Person nicht gelingt, in eindeutiger Weise die Fragen von Protest und Gewalt voneinander klar zu trennen. Dies gilt umso mehr im Kontext der aktuellen Diskussion um die Gewaltexzesse beim Hamburger G20-Gipfel. Gerade die Friedensstadt Augsburg muss der Gewalt als Protestmittel eine klare Absage erteilen.“ So Gribl, der mit der „betroffenen Person“ den 76-jährigen Thorwald Proll meint, der zusammen mit den späteren RAF-Ikonen Andreas Baader und Gudrun Ensslin vor einem halben Jahrhundert Brandsätze in zwei Frankfurter Kaufhäusern legte.

Baader und Ensslin sollten wenig später mordend in den Untergrund gehen, zusammen mit Prolls Schwester Astrid, während sich Thorwald Proll von der Gruppe loseiste, weil er, wie er vor einem Jahr in einem Gespräch mit dem Hessischen Rundfunk sagte, sich sicher war, dass aus dieser Gruppe heraus wieder etwas Autoritäres entstehen würde. Prolls Lebensgeschichte ist schnell erzählt. Er stellte sich, saß seine Strafe ab und hielt sich eine Weile mit verschiedenen Tätigkeiten über Wasser, bis er in Hamburg einen Buchladen eröffnete und diesen zusammen mit seiner Frau fast 35 Jahre führte. In regelmäßigen Abständen veröffentlichte Proll Gedichtbände, die kaum Leser und kaum publizistische Aufmerksamkeit fanden.

Heute ist Thorwald Proll ein freundlicher älterer Herr, der uneitel und präzise über seine APO-Zeit und seine Beziehung zu Andreas Baader und Gudrun Ensslin zu berichten weiß. Proll gilt als Person der Zeitgeschichte, die – wie Proll selbst sagt – nie etwas mit Terrorismus, nie etwas mit der RAF zu tun hatte. Dieser Status wird von den staatlichen Überwachungsdiensten bestätigt, doch darauf kommt es nicht an. Denn selbst wenn er „vormals eine terrorismusnahe Person“ gewesen wäre, sollte es möglich sein, einen Mann wie Thorwald Proll in der Friedensstadt Augsburg willkommen zu heißen.

In zahllosen wie preisgekrönten Werken von Nobelpreisträger Heinrich Böll, Margarethe von Trotta oder Oscar-Gewinner Volker Schlöndorff, in Theateraufführungen von Rainer-Werner Faßbinder u.v.m. wird aus der Perspektive von RAF-Mitgliedern oder deren Freunden und Verwandten erzählt. Es gibt preisgekrönte Fernsehdokumentationen über die Gefangenen von Stammheim und zahllose essayistische Abhandlungen von Adorno, Habermas und Luhmann darüber, wie sich die junge Bundesrepublik im Verhältnis zu ihren radikalsten Feinden konstituierte. Wenn man die „Bleierne Zeit“ der 60er Jahre verstehen will, den politischen Terror der 70er Jahre, ja – wenn man die Bundesrepublik Deutschland verstehen will, dann muss man die Aufarbeitung der Gewalt dieser Zeit ernst nehmen. Dann muss das Sprechen und Denken darüber, warum gebildete Bürgerkinder im späten Nachkriegsdeutschland in den Krieg zogen, zu den Pflichtprogrammen einer aufgeklärten Zivilgesellschaft gehören.

Wenn also Thorwald Proll sehr ausführlich im Hessischen Rundfunk über sein Mitwirken bei der APO erzählt, warum soll er darüber nicht in der Augsburger Kresslesmühle sprechen dürfen? Wer sich davon distanziert, dass differenziert über diese Phase der politischen Geschichte der Bundesrepublik mit beteiligten Personen der Zeitgeschichte diskutiert wird, hat den Auftrag der Friedensstadt nicht verstanden. Ein Auftrag übrigens, der nicht irgendwie in den Wind gestreut ist, sondern im Jahre 2005 vom Kuratorium PAX 2005 formuliert und fixiert wurde.

„Augsburg soll sich als ein Mittelpunkt der Forschung und des theoretischen Diskurses über die kulturellen und religiösen sowie die politischen Bedingungen von Friedensfähigkeit, verbunden mit der Ursachenanalyse über das Wesen der Konflikte in Deutschland und darüber hinaus etablieren. Das ist die unverzichtbare theoretische Basis für alle denkbaren Veranstaltungen und Inszenierungen der Friedensstadt Augsburg.“ Unterzeichnet wurde das Papier u.a. von Markus Ferber (MdEP), Prof. Karl Ganser, Weihbischof Dr. Josef Grünwald, Friedenspreisträger Helmut Hartmann, Stadtdekanin Susanne Kasch, Prof. Eckart Nagel (Nationaler Ethikrat) sowie dem damaligen Regierungspräsidenten Ludwig Schmid.
Es ist ein Skandal, dass OB Kurt Gribl vor dem großen Bezirksparteitag auf Druck diverser CSU-Netzwerker und der Jungen Union reagiert und eine im Sinne des hochkarätigen Kuratoriums PAX 2005 klug zusammengestellte Podiumsveranstaltung als eine die Grenze der zumutbaren Provokation überschreitende Veranstaltung bewertet. Kurt Gribl hat sich wohl dergestalt aberwitzig positioniert, anders lässt sich diese grobe Verfehlung nicht erklären, um sich vor dem großen Bezirksparteitag der Augsburger CSU vorauseilend von möglichen Anfeindungen von rechts zu wappnen. Gribl fürchtet wohl nach den G20-Krawallen, dass er innerhalb der CSU eine offene Flanke hätte, würde er eine Friedensveranstaltung mit einem „Kaufhausbrandstifter“ für passend halten. OB Gribl stellt damit CSU-Parteipolitik höher als die überparteilichen Pflichten eines Oberbürgermeisters.
Das ist schlimm genug. Noch schwerer wiegt allerdings die OB-Verfügung, dass das Kulturprogramm des Friedensfestes künftig vom Kulturausschuss kontrolliert und zugelassen werden soll. Ein politisches Gremium als Kontrollbehörde für Kunst und Kultur? Was würde Andre Bücker machen, wenn er sein Programm vor jeder Theatersaison vom Kulturausschuss kontrollieren und beschließen lassen müsste? Anders gefragt: Wer würde sich als Intendant unter diesen Voraussetzungen noch nach Augsburg holen lassen? Wer würde sich unter diesen Voraussetzungen noch breitschlagen lassen, das Augsburger Brechtfestival zu kuratieren?
Diese OB-Verfügung trifft nicht nur das zum Kulturreferat gehörende Friedensbüro, sondern die Freiheit der Kunst, die Freiheit des Denkens und die Freiheit eines offenen gesellschaftlichen Diskurses. Das politische Klima in der Stadt Augsburg ermöglicht offenbar Tiefschläge wie diesen ohne große Aufregung und Debatten. Erkennbar wird dadurch, dass der Niedergang der politischen Stadt weit fortgeschritten ist.


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