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Freitag, 23.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Vom Neo-Klezmer zum Anarcho-Rap

Zwei Konzerte auf Höchstniveau im Kurhaus

Von Frank Heindl

Zwei grundverschiedene Konzerte an zwei aufeinander folgenden Abenden, extreme Gegensätze, geeint nur durch höchstes Niveau – das gab’s diese Woche im Parktheater: Am Mittwoch David Orlowskys Klezmorim mit jiddisch inspirierter Musik, am Abend darauf die A-capella-Comedy-Truppe “iNtrmzzo” im Männlichkeitswahn – mit ihrem anarchisch-verrückten “Testosteron”-Programm.

David Orlowskys Klezmermusik mutet beim ersten Hören geradezu “klassisch” an. Kein Wunder, wurde der 28-jährige Klarinettist doch vom “Klezmer-Guru” Giora Feidman entdeckt und gefördert – und zwar schon als 16-Jähriger. Talente zeichnen sich oft durch die Begabung aus, die richtigen Begleiter auszuwählen – dabei hat Orlowsky ein ganz besonderes “Händchen”: Er spielt zum einen mit dem Gitarristen Jens-Uwe Popp, der mit brillanter Technik und feinster Dynamik glänzte, zum anderen mit dem Kontrabassisten Florian Dohrmann, der für viele Stücke des Trios verantwortlich zeichnet. Die raffinierte Fremdartigkeit seiner Kompositionen resultiert aus vehementen, geradezu ruckartigen Harmoniewechseln, die immer wieder zu einem regelrechten Stocken beim Zuhören führen. Doch diese Fremdartigkeit ist nicht allein dem Klezmerprinzip des rasanten Wechsels durch die Kirchentonarten der Musik des Balkan und Osteuropas zu verdanken. Bei Orlowskys Klezmorim kommt als weiteres Gestaltungselement der Jazz hinzu. Ein strenger, kammermusikalischer Jazz ist das, und zwar weniger im Sinne von Improvisation und Freiheit, mehr als Kompositionsprinzip, als institutionalisiertes Hinterfragen und Aufbrechen von Hörgewohnheiten. So ist bei den “Klezmorim” nicht nur jedes Stück eine Überraschung, sondern oftmals jeder Takt. Zumal Orlowsky es schafft, mit seiner Klarinette jede Phrase bis ins Detail auszuleuchten, ihr Farbe, Dynamik und feinste Nuancierung zu verleihen. So war dieses Konzert zum guten Teil auch eine Herausforderung an den Hörer: Weit entfernt von Giora Feidmans bisweilen allzu routinierter Klezmerseligkeit fordert Orlowsky Aufmerksamkeit fürs kleine Detail, synthetisiert er Kammermusik, Klezmertradition und jazzinspirierte Komposition zu eine Art neoklassischem Klezmerstil der Extraklasse.

Weitaus weniger anstrengend und doch ebenso niveauvoll ging’s am Abend darauf bei iNtrmzzo zu. Allerdings verstand man auch hier vieles erst beim zweiten Zuhören. Die bombastische Ankündigung des Quartetts, aus dem Off geradezu mit Pauken und Trompeten verkündet, ließ sich relativ schnell als Ironie entlarven, waren doch beispielsweise die “professionellen Tanzdarbietungen” schnell als laienhaftes Rumgehüpfe dekuvriert. Im Anschluss wurde alles in die Mangel genommen, was dem Manne heilig ist. Lionel Richie wurde ebenso glänzend parodiert wie grölendes Soldatendummheit und geschlechtsstolzes Cowboygehabe. Besser kam Prince weg: Er erhielt keine Parodie, sondern ein Upgrade, “Sign o’ the times” wurde als Solonummer noch einmal unsterblich gemacht. Überhaupt war es zwischendurch eher bedauerlich, dass man vor lauter Comedy zu wenig von den wunderbaren Arrangements und – vor allem! – von den perfekten Stimmen der vier Herren zu hören bekam. Besonders hervorzuheben die geniale Umdeutung des Elvis-Hits “Heartbreak Hotel”: Der mehr als 50 Jahre alte Schmachtfetzen wurde zum Requiem, erhielt vor dem Hintergrund von Maschinengewehrsalven und Granatexplosionen beklemmende Aktualität und handelte plötzlich von weit mehr als bloß blues-dusseligem Liebesschmerz und der Angst vorm Verlassenwerden. Zu diesem Zeitpunkt deutete sich schon an, dass der programmatische Testosteronüberschuss das Quartett zu weit mehr als jeder Menge unter der Gürtellinie platzierter Männerwitze inspiriert hatte. Immer irrsinnig-anarchischer wurde deren Witz, angst und bange mag es der Dame in der ersten Reihe geworden sein, als sie in aufdringlichster Weise gleich von allen vieren (wenn auch nur auf spielerische Weise) belästigt wurde. Und als sich die ganze Truppe am Schluss in grünen Unterhosen die beinahe letzte Blöße gab, hatte sich mal wieder aufgeplusterte Männlichkeit als lächerlicher Popanz entlarvt. Atemberaubend, wie sich höchste Sangeskunst, bizarrer Humor und nur wenig übertriebener Männlichkeitswahn zu einem derart perfekten Programm verdichteten – ganz hart an der Grenze zwischen gutem Witz und echtem Irrsinn.