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DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Vom „Meilenstein eines Gesamtkonzeptes“ zum Senkblei eines Ordnungsreferenten

Das Ende des Süchtigen-Treffs in der Dinglerstraße: Warum Wurms Aktionsmus´ krachend gescheitert ist und gleichzeitig neue Probleme aufwirft

Kommentar von Siegfried Zagler

Branderstr.60 Ecke Grafstr.:Der neue Standort für den Süchtigen-Treff?

Branderstr.60 Ecke Grafstr.: Der neue Standort für den Süchtigen-Treff?


Was für ein Theater, was für eine Blamage! Mit dem Aus für das Projekt „Süchtigen-Treff Dinglerstraße“ hat sich die Stadtregierung und die Stadt Augsburg bis auf die Knochen blamiert. 50 Projekte wurden in Augenschein genommen, 20 wurden geprüft, zwei kamen in die engere Auswahl, dann die Entscheidung für die Dinglerstraße, die Ordnungsreferent Dirk Wurm lange geheim hielt, weil es Proteste seitens der Anwohner gab.

Kein Wunder: Die ausgesuchte Immobile ist ein Wohnhaus, in dem in den Obergeschossen zwei Familien mit jeweils zwei Kindern wohnen. Sie sprachen sich vehement gegen das Projekt aus. In diesem Moment hätte man mit ein wenig Verantwortungsgefühl und mit ein paar Gran politischer Vernunft von diesem Standort absehen müssen. In unmittelbarer Nähe der Dinglerstraße befinden sich zwei Kindertagesstätten (Kitas), eine Schule (Martinschule) und direkt gegenüber eine Unterkunft für Asylbewerber. Keine drei Gehminuten von der Dinglerstraße entfernt befindet sich das Wertachufer, wo sich vom Frühjahr bis in den späten Herbst hinein eine jugendliche Trinker- und Drogenszene trifft. An jeder vierten Ecke (gefühlt) befindet sich eine Bier- und Schnapskneipe, deren Kundschaft ebenfalls nicht leicht zu nehmen ist.

Kurzum: Dirk Wurm wollte mit aller Macht einen Süchtigen-Treff in ein Wohnhaus mit Kindern einrichten, das in einem schwierigen und sozial schwer belasteten Quartier liegt, um den 600 Meter entfernten Helmut-Haller-Platz am Oberhauser Bahnhof zu entlasten. Der Oberhauser Bahnhof ist jedoch mit „seinem Süchtigen-Treff unter freiem Himmel“, im Vergleich zu den Verhältnissen um die Dinglerstraße herum, ein eher unproblematischer Ort.

An drei Informationsabenden vor Ort musste sich Dirk Wurm von Oberhauser Bürgern Ende November eben genau dies erklären lassen, doch Wurm räumte die durchwegs sachlich vorgetragenen Bürger-Bedenken auf seine unverwechselbare Art und Weise aus dem Weg: Weglächeln und Kleinreden. Noch am 6. Dezember bezeichnete Dirk Wurm im Allgemeinen Ausschuss den Standort als „Meilenstein im Gesamtkonzept Oberhauser Bahnhof“. Ein Pseudo-Konzept, das als Zielführung angab, „die Dominanz der Menschen mit einer Suchterkrankung auf dem Platz aufzulösen“.

Mit „Platz“ ist der Helmut-Haller-Platz gemeint. Dass dieses „Konzept“ hätte funktionieren können, wollte ohnehin niemand glauben. Aufgrund der angeführten Sachverhalte ist es zu begrüßen, dass die Stadt Wurms Irrfahrt beendete, bevor er damit krachend im Stadtrat gescheitert wäre. Viel zu lange hat die Augsburger Doppelspitze Eva Weber und Kurt Gribl diesem absurden Theater zugesehen. Möglicherweise mit Kalkül, denn die Beschädigung des Ordnungsreferenten befindet sich nun auf kollateraler Höhe. Mit diesem Projekt hat sich Wurm selbst aus dem internen SPD-Verfahren genommen, das evaluiert, wer als OB-Kandidat 2020 gegen Kurt Gribl (oder Eva Weber) in Frage kommen könnte.

Unabhängig von Wurms Offenbarungseid wirft die neue Planung am neuen Standort in unmittelbarer Nähe des Oberhauser Bahnhofs neue Probleme auf. Mit der ehemaligen St. Christophorus-Apotheke würde die Stadt genau das einlösen, was Wurm stets als Argument in der Debatte um die Dinglerstraße gegen einen nahen Standort („Containerlösung“) einzuwenden hatte: Die Verfestigung der Drogen-Szene am Oberhauser Bahnhof. Nicht nur mit der Dinglerstraße, sondern nun auch mit dem neuen Standort hat sich Wurm als Ordnungsreferent vorauseilend unmöglich gemacht und zugleich dafür gesorgt, dass nun mit verschärftem Widerstand der Anwohner des neuen Standorts gerechnet werden muss. Mit seinem aktionistischen Vorgehen hat Wurm eine betreute Anlaufstation für Drogenabhängige in einem Wohngebiet von einem schwierigen Unterfangen in ein sehr schwer zu lösendes Problem verwandelt.



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