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Freitag, 17.05.2024 - Jahrgang 16 - www.daz-augsburg.de

Brauchtum

Turamichele vor der Tür

Das Turamichele darf wieder morden

Von Siegfried Zagler

Foto: swa/Hosemann

Der Namenstag des heiligen Michael, der 29. September, ist in Augsburg seit 498 Jahren ein spezieller Tag. Fast fünfhundert Jahre wird das Fest des Turamichele gefeiert. Es ist das älteste Figurenspiel im Raum Augsburg, wenn nicht eines der ältesten in Deutschland: Von 10 bis 18 Uhr schauen am Samstag, 23., Sonntag, 24. und Donnerstag, 29. September zu jeder vollen Stunde hunderte Kinder auf dem Rathausplatz hoch zum Perlachturm, wenn der Heilige Michael den Teufelsdrachen mit einer Lanze auf barbarische Weise absticht.

Das grausame Schauspiel symbolisiert den Kampf Gut gegen Böse. Das bedenkliche Spektakel im Sinne einer öffentlicher Hinrichtungen des Mittelalters soll bereits 1526 Premiere gefeiert haben. Nach Eingliederung der Reichsstadt Augsburg in das Königreich Bayern (1806) wurde der Brauch von der bayerischen Regierung verboten, da man das animalische Gemetzel für prähistorisch und im Sinne der Aufklärung abträglich hielt.

“Mit Kultur und Bildung oder einem Wertekanon der Aufklärung hat das barbarische Spektakel nichts zu tun”, wie es DAZ-Autor Bernhard Schiller in früheren Turamichele-Kritiken zum Ausdruck brachte. “Ein hellhäutiger, männlich-jugendlicher Charakter dominiert einen dunklen, animalischen Untermenschen und metzelt diesen – ohne auch nur mit der Wimper zu zucken – ab. Das ist blanker Rassismus, der in der mystischen Überhöhung eines metaphysischen Kampfes (Gut gegen Böse) wie jeder fundierte Rassismus seinen pseudoreligiösen Überbau hat. Zweitens zählt die in dem dualistischen Weltbild vom Turamichele verkörperte Macht über Leben und Tod und die bedingungslose Ausübung von Gewalt zu den kulturellen Zeichen des Faschismus. Bis auf den heutigen Tag macht sich die Stadt Augsburg in Komplizenschaft mit dem Stadtmarketing, den Stadtwerken und angeschlossenen Unternehmen ein seit Jahrtausenden fortgeschriebenes Tötungsritual aus völlig profanen Motiven zu eigen und verpasst ihm einen scheinheiligen Anstrich.”

So Bernhard Schillers Positionierung zu einem überhöhten wie überholten Gedöns, das zur Friedensstadt Augsburg nicht so recht zu passen scheint.