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Dienstag, 23.11.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Tobias Werner, mon amour

Warum Tobias Werner ein besonderer Spieler ist

Von Siegfried Zagler

In den vergangenen Tagen hatte der FC Augsburg mit Ragnar Klavan und Jeong-Ho Hong Abgänge zweier Innenverteidiger hinzunehmen, die den Bundesligisten sportlich treffen. Nun verlässt mit Tobias Werner ein Spieler die Stadt, der mit der Geschichte seiner persönlichen Entwicklung den Aufstieg und den Glanz des FCA verkörpert wie kein anderer. Es handelt sich also um einen schmerzvollen Abschied, weil mit Tobias Werner ein Spieler geht, der mit seiner bescheidenen Art und seinem freundlichen Wesen zu den wenigen Figuren im Profifußball gehört, die über das Sportliche hinaus einen seltenen Faktor in das aufgeregte Geschäft des Spitzenfußballs einbringen: Charakter.

Die vergangene Saison verlief für Werner persönlich schlecht. Nach langen Verletzungsphasen fand er nur langsam in seine Spur zurück und gehörte meist nicht zur Startelf. Mit Werner geht aber nicht nur „ein“ Spieler, sondern der Spieler des FCA, der im Prinzip alles in sich vereint, das den FCA als unverstehbares Phänomen erscheinen ließ. Die Augsburger zogen als „echte Aufsteiger“ in die Bundesliga ein und gehören nun – nach fünf erfolgreichen Jahren – beinahe schon zum Inventar einer der stärksten Ligen in Europa. Das Geheimnis des FCA kennt viele Facetten, aber nur vier Fußballer: Baier, Callsen-Bracker, Verhaegh, Werner. Zu Beginn ihres FCA-Engagements war man sich nämlich nicht sicher, ob diese Spieler in der Zweiten Liga zum Stammpersonal avancieren würden. Taten sie auch teilweise nicht, doch es sollte sich etwas Außergewöhnliches ereignen, eine evolutionäre Sensation. Fast alle Zweitligaspieler bestanden den Härtetest. Werner und Baier entwickelten sich nach dem Aufstieg sogar zu großartigen Bundesligaspielern, die zusammen mit anderen Zweitligaspielern das erste Jahr im Oberhaus stemmten sollten, um schließlich im zweiten Jahr dergestalt an physischer und spielerischer Klasse zuzulegen, sodass der FCA zur Überraschung aller Experten sich auch fußballerisch in der Liga etablierte. Tobias Werner kämpfte, lief und ackerte in jeder Partie und bildete in den besten Phasen des FCA zusammen mit Baier und Altintop ein magisches Dreieck, das raffinierte Angriffe vortrug und zugleich robust zu verteidigen verstand. Bis 2019 bekam Werner beim VfB Stuttgart einen Vertrag. Für einen 31-jährigen Linksaußen ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte. Mit seinem Wechsel nach Stuttgart kehrt Werner zu seinem ersten großen Trainer zurück. Jos Luhukay sah allerdings in Werner zunächst nur einen Spieler, der die linke Außenbahn zu bearbeiten hatte. Bei Markus Weinzierl konnte sich Werner breiter entfalten und wurde zu einem Schlüsselspieler mit Gestaltungsauftrag. Luhukay wollte ihn unbedingt wieder haben, weil er weiß, wie wichtig Tobias Werner für die Herausbildung eines nachhaltigen Teamspirits ist.

Tobias Werner war sportlich – auch als es bei ihm gut lief – unter der Augsburger Anhängerschaft nie völlig unumstritten, doch selbst die ältesten Fußballanhänger der Brechtstadt können sich nicht daran erinnern, wann zuletzt ein Spieler für den FCA die Schuhe geschnürt hatte, der auch nur annähernd so beliebt war, wie das bei Tobias Werner der Fall war und ist. Werner kam 2008 nach Augsburg, hat am Stadtrand von Augsburg gebaut und in den vergangenen acht Jahren etwas erreicht, wozu andere länger als ein Leben brauchen: Er ist ein Augsburger geworden. Mit Werner geht eine Persönlichkeit, die aufgrund ihrer menschlichen Größe unersetzlich ist. Aus diesem Grund ist zu hoffen, dass Tobias Werner zurück kommt, als Trainer, Manager oder was auch immer. Alles andere wäre kaum auszuhalten.