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Mittwoch, 20.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Tiefsee, Stratosphäre, Luigi Nono

„Fragmente …“ im Rahmenprogramm zu „Intolleranza 1960“

Von Frank Heindl



Vor eineinhalb Jahren tauchte der Regisseur James Cameron alleine in einem U-Boot auf den Grund des Marianengrabens und erreichte so als dritter Mensch den tiefsten Punkt der Erde. Am heutigen Montag ist es ein Jahr her, dass der Fallschirmspringer Felix Baumgartner in einem Ballon in die Stratosphäre aufstieg und sich anschließend in die Tiefe stürzte – 39 Kilometer im freien Fall. Was diese beiden Ereignisse mit Luigi Nonos Komposition „Fragmente – Stille, an Diotima“ zu tun haben, konnte man am Freitagabend in der Goldschmiedekapelle von St. Anna erfahren. Das Konzert fand im Rahmenprogramm zu Nonos Oper „Intolleranza 1960“ statt, die noch bis zum Sonntag am Stadttheater aufgeführt wurde.

Der Abend begann mit einer elektronischen Komposition von Markus Mehr und Harald Alt. Nonos kompositorischem Versuch, Stille in Musik zu fassen, stellten die beiden Augsburger Musiker einen Live-Mix aus Samples dieser beiden Ereignisse gegenüber: den Funkverkehr Baumgartners mit der Bodenstation auf seinem Weg in die Stratosphäre sowie Camerons Kommentar nach seiner Reise in die unmenschlichen Tiefe des Ozeans. Dramatisch gesteigert wurde dieser Sound durch Baumgartners Höhenangaben: „item eleven“ zeigte an, dass er sich auf 11.000 Metern Höhe befand, mit „item 39“ war er zwar oben, hatte aber den riskanten Teil der Unternehmung noch vor sich: den Sturz in die Tiefe. Die grenzenlose Isolation, die auf beiden Abenteurern gelegen haben muss, konnte man mithilfe der aufgenommenen Geräusche tatsächlich erahnen: beängstigende 11.000 Atmosphären Druck auf der Hülle des U-Boots, erschreckende 39 Kilometer Abgrund unter dem Springer – und kein Mensch und keine Hilfe weit und breit. Stille konnte man hier definieren als den Moment höchster Isolation, in dem die Welt dem Menschen sehr nahe kommt, ihn gefangen nimmt, auf ihn einstürzt.

Fragmente von Höderlin und fragmentarische musikalische Momente

Nonos Musik ließ diese Vorüberlegungen zunächst vergessen: Die „Fragmente…“-Komposition weist die Musikern an, beim Vortrag Zitate aus Gedichten Friedrich Hölderlins „mitzudenken“ oder gar „mitzuspielen“ – dem Zuhörer allerdings verweigert Nono die Einsicht in diese Texte, die über die Noten verstreut sind. Das Ensemble Zukunftsmusik mit Jehye Lee und Felicitas Schwab an den Violinen, Christian Döring an der Viola und Johannes Gutfleisch am Cello spielten Nonos Werk in konzentriertester Ruhe, zeigte, dass Stille bei Nono auch das lange Anhalten einzelner Noten – ein- oder mehrstimmig – bedeuten kann, machte die vielen und langen Pausen, die Fermaten als sinngebenden Bestandteil der Partitur greifbar. In dieser Stille wirkten die wenigen ekstatischen Ausbrüche wie verstörende Explosionen. Und dass mit „Fragmenten“ womöglich nicht nur die Hölderlin-Passagen gemeint sind, dass sich der Titel vielmehr auch auf diese Collage aus unterschiedlichen Farben, Gefühlen, Temperaturen und Lautstärken beziehen könnte, war nicht zu überhören.

Die Instrumente rezitieren Hölderlin

Hohe Konzentration forderte das Stück auch vom Zuhörer – belohnt wurde man mit Hörerlebnissen eines nahezu „absoluten Klangs“, wie ihn wohl nur die atonale Musik mit ihrer Ablehnung von tonalen Bezügen innerhalb der Komposition zu erzeugen vermag. Doch bevor diese Empfindung sich allzu sehr verfestigen kann, setzt Nono jeweils – Pausen. Diese Momente plötzlicher und unerwarteter Stille sind nicht nur Gedankenstriche, Interpunktionen im „Text“ seiner Musik – sie erzeugen auch atemberaubende Spannung, bis der Klang schließlich im Pianissimo endgültig versinkt. Doch an diese Stelle hatte die Veranstaltung den nahtlosen Übergang zurück zu den Cameron-Baumgartner-Samples gestellt. Und zu einer Stimme, die verkündete, sie habe den Planeten verlassen, um wieder zu ihm zurückzukehren. War das nun Baumgartner nach der Landung, war das Cameron nach dem Auftauchen? Die Zusammenstellung des Programms könnte auch so zu verstehen sein, dass es Nono war, der hier seine Zuhörer aus irdischen Zusammenhängen gerissen und sie in all ihrer Einsamkeit und Isolation mit seiner Musik konfrontiert hatte – ein grandioses Hörerlebnis allemal!

Noch grandioser wohl für die Musiker: Cellist Johannes Gutfleisch wusste von sehr anstrengenden und langen Proben zu berichten – aber auch von dem überraschenden Ergebnis, am Ende hätten sich beim „Mitdenken Hölderlins“ tatsächlich geradezu phonetische Übereinstimmungen eingestellt – als ob sein Instrument sozusagen den von Nono angegebenen Text rezitiert hätte.