Mit dem Untertitel „Schauspiel für Liebende“ hatte eines der weniger bekannten Goethe-Stücke Premiere in der Augsburger Brechtbühne. Ein großartiges Kammerspiel über Liebe und Beziehungen, das nach über 200 Jahren erstaunlich heutig wirkt.
Von Halrun Reinholz
Natalie Hünig (Cäcilie, links) und Mirjana Miloslavljevic (Stella)
Aus Goethes Biografie wissen wir schon seit dem Deutschunterricht in der Schule, dass er der Liebe theoretisch und praktisch sehr zugetan war und dazu durchaus auch Ansichten vertrat, die von der gängigen Moral abwichen. Offenbar gab es auch in diesen Zeiten im praktischen Leben seines Umfelds Beispiele von außergewöhnlichen Beziehungskonstellationen. Eine authentische „ménage à trois“ soll ihn zu dem Stück „Stella“ inspiriert haben, ergänzend zu der Legende des thüringischen Grafen von Gleichen, der mit der aus dem Orient importierten Geliebten und der heimischen Ehefrau mit Genehmigung des Hl. Stuhls „eine Wohnung, ein Bett und ein Grab“ teilte, was der Grabstein im Erfurter Dom bis heute belegt.
Die Augsburger Inszenierung von Milena Mönch konzentriert sich voll auf die Dreiecksbeziehung zwischen Fernando, Stella und Cäcilie. Selbst die Tochter Lucie wird weggelassen. Mit einer emotionalen Ansprache wendet sich Stella (Mirjana Milosavljevic) zu Beginn an das Publikum, berichtet von der „unendlichen Liebe“, die sie für Fernando empfunden und die dieser erwidert habe. Dass er sie schon länger verlassen habe, die gemeinsame Tochter inzwischen gestorben sei, schildert sie leidvoll, aber ohne Vorwürfe an den Geliebten, dessen Rückkehr sie eigentlich immer noch jeden Moment erwarte, ersehne. Doch aus praktischen Erwägungen tritt zunächst mal Cäcilie (Natalie Hünig) in ihr Leben, die ihr in ihrer Einsamkeit Gesellschaft leisten soll. Die beiden Frauen finden gleich einen Draht zueinander, der sich zu echter Zuneigung entwickelt. Stella schwärmt von Fernando, erfährt, dass Cäcilie ebenfalls von dem geliebten Ehemann verlassen worden ist. Anhand des Porträts, das Stella ihr zeigt, erkennt Cäcilie den eigenen Ex-Mann, behält das aber für sich. Als dieser (Patrick Rupar) tatsächlich wieder auftaucht, nimmt die Geschichte ihren Lauf. Das Glück Fernandos mit Stella scheint vollkommen. Doch die Gegenüberstellung mit Cäcilie veranlasst ihn dazu, Stella wieder zu verlassen und mit Cäcilie heimlich fliehen zu wollen. Es sind die Frauen, die sich ernsthaft Gedanken darüber machen, wie das Problem gelöst werden kann: „Der Knoten lässt sich lösen, zerreiß ihn nicht“, mahnt Cäcilie den ungestümen Fernando. In der ersten Fassung des Stücks lässt Goethe das Stück in der „ménage à trois“ – oder zumindest der Möglichkeit dazu – enden. Eine Lösung des Knotens, mit der die Beteiligten wohl leben können, nicht aber das gesellschaftliche Umfeld. Unter dem Druck der Kritik machte Goethe aus dem „Schauspiel für Liebende“ eine veritable Tragödie: Fernando erschießt sich und Stella nimmt Gift.
Eine zeitgemäße Inszenierung, das sieht auch Milena Mönch so, kann nicht die moralisierende Tragödie, sondern nur wieder die ursprüngliche Absicht des Stücks herausarbeiten: zu zeigen, wozu Liebe fähig ist und welche Spielarten sich daraus ergeben. Die Personen treten auf der Brechtbühne einzeln über Drehtüren auf, oben steht der Name. Alle nutzen die Gelegenheit, über ihre Gefühle zu sinnieren, ihre Konflikte allein oder im Dialog auszubreiten. Stella, die Emotionale, fragt empathisch ins Publikum: „Wer von Ihnen hat schon jemals unendlich geliebt?“ Fernando ist in seinen Gefühlen hin- und hergerissen, schwankt, will sich durch (heimliche) Flucht entziehen. Er bietet radikale Lösungen an, obwohl auch ihm der Ausgleich sichtlich am liebsten wäre. Cäcilie ist die Reflektierte, sie sucht die Schuld für Fernandos Weggang bei sich und erwartet nichts. Dennoch bringt das Wiedersehen ihre Gefühle durcheinander, was sie aber nicht durch Worte, sondern durch Tanzbewegungen ausdrückt. Dezent, aber passend begleitet die Musik von Paul Pötsch die inneren Monologe und die Dialoge. Pfiffig auch die Kostüme (Sophie Rieser), eine verspielte Mischung aus historischen und heutigen Elementen als Hinweis auf die Zeitlosigkeit der Liebeskonflikte. Dass diese Konflikte auch im KI-Zeitalter kein „alter Zopf“ sind, zeigt der Hinweis des Dramaturgen Max Sauer auf endlose Soaps und Partnerschafts-Spiele „in den Weiten der sozialen Medien“, die mit der Sehnsucht nach „dem Mann/der Frau fürs Leben“ die Unterhaltungslandschaft besiedeln und Millionen dabei mitfiebern lassen.
Die Inszenierung bietet für die Dreiecksgeschichte um Cäcilie, Fernando und Stella keine Lösung des Knotens an, aber auch kein tragisches Ende – der Ball geht ans Publikum, das die Premiere mit großem Applaus bedachte.