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Sonntag, 18.10.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Staatstheater: Endlich wieder spielen

Mit einer Samstag-Abend-Show präsentiert das Staatstheater seine Pläne für die nächste Spielzeit

Von Halrun Reinholz

Tagebuch eines Wahnsinnigen © Jan-Pieter Fuhr

André Bücker ist nicht Thomas Gottschalk, das hat man sich schon vorher denken können. Mit einem „Wetten dass … wir spielen“- Livestream wandte sich das Theater direkt an das Publikum, um das Spielzeitprogramm für die (hoffentlich) kommende Saison anzukündigen. Das war die vierte „Wohnzimmer-Party“, mit der das Theater seine Fans bei Laune halten will. Alle Sparten hatten sich beteiligt – Schauspieler, Sänger, Orchestermusiker, das Ballett – ja selbst die Theaterpädagogik ließ Shakespeares „Sturm“ als Geräusch-Performance lebendig werden. Doch auch die besten Schauspieler sind nicht die geborenen Moderatoren, von Dramaturginnen ganz zu schweigen, deshalb war die Chat-Reaktion des Publikums auch nur mäßig euphorisch.

Nun eben eine weitere Show mit Seitenblick auf bewährte Fernsehformate. Eins funktionierte dabei besonders: Man überzog schon mal eine knappe Stunde die Sendezeit! Was für einigen Ärger bei der Chat-Community sorgte. Aber es gab auch viele Fans, die das gerechtfertigt fanden. Denn es ging immerhin um die Zukunft, um Positives, um Aussichten. Denn endlich bewegt sich in der Theater-Szene was. 

Kurz vor dem Live-Stream hatte die Bayerische Staatsregierung Lockerungen der Corona-Maßnahmen angekündigt und auch den Theatern, den Künstlern, wieder Perspektiven aufgezeigt. Für die gegenwärtige Saison lässt das zwar keine großen Sprünge mehr zu, aber immerhin erscheint die Planung der nächsten realisierbar. Vorgaben, klar. Weniger Publikum, Schutzmaßnahmen, Abstände. Aber doch endlich wieder spielen. Für die Künstlerinnen und Künstler existenziell, für das Publikum ein Hoffnungsschimmer. Nach dem Live-Stream-Geplänkel werden wir uns nicht zurücksehnen, schon gar nicht nach einer weiteren dreistündigen Samstag-Abend-„Show“. 

Da sind wir eher gespannt auf das Live-Angebot auf den Bühnen. Einiges stellte uns das Theater tatsächlich auch noch für diese Spielzeit in Aussicht: Eine Musical-Gala am Roten Tor statt „Kiss me Kate“ und „Herz aus Gold“, aber mit Mitwirkung der Stars, die bei diesen Produktionen mitgewirkt hätten. Und dann was ganz Neues, apropos Freiluft-Theater (der ganz große Trend Dank Abstandsregeln – so das Sommerwetter mitmacht): Die Wiese im Martinipark soll eine feste Bühne für kleine Produktionen bekommen. Näheres steht noch nicht fest, aber der Plan gefällt dem Theater so gut, dass diese Bühne für die nächste Spielzeit als fester Sommer-Spielort eingeplant wird, mit „Cyrano de Bergerac“.

In der neuen Spielzeit tauchen einige Produktionen auf, die Corona zum Opfer gefallen sind und verschoben werden konnten, andere fallen ganz weg. Die Programmplanung wurde so mehr denn je zur Herausforderung. „Eigensein“ ist das Spielzeit-Motto, es soll zur Reflexion gegenwärtiger Themen und Lebenssituationen animieren. Wie sonst in den Pressekonferenzen zur Spielplanvorstellung üblich, stellte jede Sparte einzeln ihre Pläne dazu vor. Diesmal eben etwas publikumswirksamer im Small Talk mit dem Intendanten (daher die Länge der Veranstaltung) und selbstverständlich auch mit künstlerischen Beiträgen. Die waren beim Musiktheater besonders effektvoll, zumal der mit komödiantischem Talent gesegnete Stefan Sevenich seinen Part aus der Oper „Viaggio a Reims“ von Rossini mit Gesichtsmaske absolvierte.

Musikdramaturgin Sofie Walz stellte die geplanten Produktionen vor. Als erstes wird die für Mai geplante Premiere von Orfeo et Euridice nachgeholt. Die Produktion, für die das Theater die 3D-Brillen angeschafft hat, die nun wegen Corona (mit guter Resonanz) für „ananas@home“ genutzt werden. Neben der Rossini-Oper dürfen die Zuschauer sich auch auf eine konzertante „Elektra“ freuen, auf eine Uraufführung („Das Ende der Schöpfung“ von Bernhard Lang (auf der Grundlage von Haydns Schöpfung), eine musikalische Satire von Schostakowitsch (Moskau Tschernomuschki) und eine Kammeroper von Philip Glass (In der Strafkolonie) freuen. Auf der Freilichtbühne ist das Musical „Chicago“ geplant.

Ballettchef Ricardo Fernando stellte in seiner Sparte die Uraufführung „Winterreise“ nach der Musik von Franz Schubert in Aussicht, die er selbst choreografiert. Eine weitere Uraufführung ist der Kammertanzabend „Creations“. „Dimensions of Dance“ wird nachgeholt und das sehr erfolgreiche Projekt „Made for Two“ wieder aufgenommen. Und eine Ballettgala soll es im nächsten Jahr wieder geben.

Lutz Keßler stellte die Pläne der Sparte Schauspiel vor, die Ende September mit dem Stück „Nacht ohne Sterne“ von Bernhard Studlar auf der Brechtbühne startet. Immer und gerade jetzt wieder sehr aktuell: Dürrenmatts „Physiker“ stehen auf dem Spielplan. Als Uraufführung der Liederabend „Fliegende Bauten“, inszeniert von Elsa Vortisch. Gespannt kann man auch auf die Bühnenadaption von Thomas Manns „Zauberberg“ sein. „Wittgensteins Mätresse“ von David Markson kommt als deutschsprachige Erstaufführung, ebenso wie Neil LaButes „Die Antwort auf alles“. Für das Brechtfestival hat das Regieduo Kühnel und Kuttner Heiner Müllers Theatertext „Medeamaterial“ auserkoren. Das Familienstück wird diesmal Cornelia Funkes „Tintenherz“ sein. Fürs Komödiantische sorgt die musikalische Märchenkomödie „Der Drache“ von Jewgeni Schwarz, aber auch Georg Ringsgwandels „Die Kunst des Wohnens“. Und im nächsten Sommer dann eben: Cyrano de Bergerac auf der Martinipark-Wiese.

Ein abwechslungsreiches Konzertprogramm stellte GMD Domonkos Héja post-corona in Aussicht. Es startet Ende September mit einem „slawischen“ Programm, an dem der Pianist Evgeny Konnov als Artist in Residence der neuen Spielzeit mitwirkt. Auch in der neuen Konzertsaison wird es Ungewöhnliches geben: Mozart versus Jazz, ein Bandoneon-Konzert von Astor Piazzola oder ein Gastspiel von Giora Feidmann im Dialog mit Prokofiew. Ein „ungarisches“ Programm wird es ebenso geben wie ein „Wunschkonzert“ aus Anregungen von Zuschauern.

Was es in der neuen Spielzeit nicht geben wird, ist das gewohnte Spielzeit-Heft. Das ist eine Folge von Corona, die vielleicht gar nicht so nachteilig ist. Wir haben uns inzwischen immer mehr daran gewöhnt, digital zu agieren und zu „konsumieren“. Denn das wird auch bleiben von den Corona-Angeboten: Die VR_Brillen kann man nach wie vor bestellen. Nach „Judas“ und der sehr inspirierenden Ballett-Produktion „shifting perspectve“ (Drehstuhl dringend empfohlen!) kündigt das Theater soeben die dritte Produktion an: Nikolai Gogols „Tagebuch eines Wahnsinnigen“. Eine Idee, die fortgeführt wird und das Repertoire des Theaters als weitere „Sparte“ ergänzt. Denn es geht ja darum: Endlich wieder spielen. Auch wir Zuschauer sind freudig gespannt  auf die „neue“ Normalität.

Ach ja, die „Wetten-dass-Show“ hatte natürlich noch eine adäquate Parallele zum echten Fernseh-Leben: Die (Saal-)Wette des Intendanten, der gerne den „größten Online-Chor Bayerns“ auf die Beine stellen möchte und alle zum Mitsingen auffordert. Per Zoom soll „You Never Walk Alone“ vielstimmig aus Augsburg erschallen. Na dann kann ja nichts mehr schief gehen! Alle Details unter www.staatstheater-augsburg.de