DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Mittwoch, 23.09.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

GESELLSCHAFT

Rassismus als Alltagserfahrung

Wenn man in Augsburg und anderswo in Sachen Rassismus einen sensiblen inneren Seismographen entwickelt hat, dann wohl deshalb, weil man schwarz sozialisiert ist. Wenn man zur weißen Mehrheitsgesellschaft gehört, dann muss man davon ausgehen, dass man für eine Rassismus-Seismologie nicht besonders empfänglich ist. Empfindsamkeit in Sachen Rassismus ist ein langer Prozess. Davon wissen die Gründer von “Open Afro Aux” zu erzählen.

Von Siegfried Zagler

Open Afro Aux: Janet Habtemariam, Johanna Kidane, Isabella Hans, Cynthia Udoh, Jessica-Believe Djigbondi Amesse, Saliu Bah, Wayene Tewlde, Fabienne Molela (v.l.) © DAZ

“Jim Knopf habe ich als Kind immer geliebt, an der Figur und an der Geschichte konnte ich damals nichts Rassistisches finden”, sagt Fabienne Molela. “Ja, ich auch – aber was die Stadt aus der Figur am Roten Tor-Spielplatz gemacht hat, ist durch und durch rassistisch. Die schwulstigen Lippen entsprechen nicht dem Orginal, wohl aber einem rassistischen Stereotyp”, erwidert Saliu Bah und findet damit ungeteilte Zustimmung bei allen von Open Afro Aux, eine Gruppe, die sich jeden Freitagabend trifft, um sich auszutauschen und Aktivitäten zu planen.

Einige kannten sich bereits vorher, doch nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd kam eine politische Dynamik in die Gruppe, die sich konstituiert hat, um sich beharrlich und mit mikroskopischer Genauigkeit gegen Rassismus in Augsburg zu engagieren. Man werde politisch agieren, aber parteiübergreifend. “Rassismus gibt es überall, weshalb man natürlich über die Stadtmauern hinaus vernetzt und organisiert ist, aber die Stadt Augsburg ist unsere Nummer eins”, so Isabella Hans.

Alle sind in Augsburg geboren und aufgewachsen, die meisten sind Studenten, einige arbeiten in sozialen Berufen. Sie sind alle in etwa gleich jung und sie verbindet etwas, das man nicht wie eine ausgelaugte Identität ablegen oder mittels sozialem Aufstieg überwinden könnte: Sie sind schwarz und besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit.

“Wir haben eine Rolle, die wir nicht wechseln können, also müssen wir hier klarkommen und dem Negativen entgegenwirken”, sagt Fabienne Molela, “denn schließlich geht es bei Open Afro Aux auch um uns selbst”. Ob man sich denn als Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse sehe – in einer Opferrolle?

Das Nein zu dieser DAZ-Frage kommt nicht entschieden, aber es kommt, obwohl alle rassistische Übergriffserfahrungen kennen. “Wir treffen uns auch, um rassistische Alltagserfahrungen auszutauschen”, sagt die Gruppe beinahe im Chor. “Schwarze sind meist coole Musiker, Comedians, Sportler oder Schauspieler, das ist deine Sicht, also eine weiße Sicht auf uns. Uns ist schon klar, dass in deiner Welt Schwarzsein Coolsein bedeutet, doch für uns sieht das anders aus.”

Damit meint Saliu Bah das Framing der weißen Mehrheitsgesellschaft. “Der Horizont, der uns mitgegeben wird, was von uns erwartet wird, ist eher flach,” so Bah, der erzählt, dass man sich in der Schule darüber wunderte, dass er so gute Noten habe, wo er doch (…) . Er spricht den Satz nicht zu Ende, sieht kurz zur Decke und sagt: “Meine Mutter ist weiß, als ich es ihr erklärte, verstand sie es nicht.”

“Meine Mutter ist schwarz, auch sie verstand es nicht, weil sie nicht in Europa aufgewachsen ist”, erwidert Isabella Hans und lacht. Es gehe darum, dass die Geschichte Europas zum Beispiel nur aus einer Perspektive erzählt wird und es kein multiperspektivisches historisches Narrativ gibt. Das N-Wort und das M-Wort komme zum Beispiel aus der Erzählperspektive der weißen Mehrheitsgesellschaft und habe selbstverständlich eine rassistische Konnotation.

Jeder in der Gruppe hat Erfahrungen der Herablassung und Ächtung im Zusammenhang mit diesen Fremdzuschreibungen gemacht, weshalb es sogar so ist, dass man getriggert werde, wenn man sie unvermittelt auch hier in der Gruppe höre, “selbst wenn es nur Zitate sind”. – “Ich hatte Phasen, da stand ich immer auf Hab acht”, so Janet Habtemariam.

Jim Knopf: Orginal und rassistische Replikation © DAZ

In Augsburg ist Rassismuskritik nach einer langen Wirkzeit angekommen. Das Drei M***** wird umbenannt – auch wegen der Black Lives Matter-Bewegung. Die Geschichte der Fugger und Welser bekommt nach einer Kritik-Kanonade am Fugger Welser Erlebnismuseum wohl eine zweite Erzählperspektive, woran gerade gearbeitet wird. Sie seien auch gefragt worden, ob sie daran mitarbeiten wollen. Sie wollen. In Kürze wird es in Augsburg eine Antidiskriminierungsbeauftragte geben. Beschlossen wurde diese Stelle bereits vor einem Jahr.

Angesprochen auf das Facebook-M*****kopf-Posting der Kreisvorsitzenden der Freien Wähler, gibt es bei Open Afro Aux keine zwei Meinungen darüber, dass dieses Posting rassistisch sei, weshalb Frau Lippert aber noch keine Rassistin sein müsse. Dabei verhalte es sich wie beim Gebrauch der N und M Wörter. “Wenn man sie weiterhin benutzt, obwohl man ihren rassistischen Hintergrund kennt, dann ist man auch Rassist”, sagt Fabienne Molela.

Konkrete Kontakte gibt es bereits mit der Fraktion der Grünen und auch mit den Jusos habe man bereits gesprochen. Mit Open Afro Aux kann man über ihre Facebookseite in Kontakt treten. Allen Fraktionen im Stadtrat sei dies an dieser Stelle empfohlen.