DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Sonntag, 18.10.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Staatstheater

Premiere: Mietspiegel mit Gesang

Der Liederabend „Fliegende Bauten“ überzeugt als dritte Premiere am Staatstheater

Von Halrun Reinholz

Slapstick auf dem Amt: Fliegende Bauten könnte ein Publikumsrenner werden Foto © Jan-Pieter Fuhr

„Fliegende Neubauten“ – erst im Laufe des Abends erschließt sich dem Publikum, dass es tatsächlich um Wohnungen geht, um das „Zuhause“, wie Daniel Schreiber in einem Essay im Programmheft präzisiert: „Zuhause ist ein Dach über dem Kopf“. Der verbindende Strang der vier Darsteller auf der Bühne ist ein Amt, nicht gleich als Wohnungsamt (oder sowas ähnliches) erkennbar. Nacheinander trudeln vom Regen durchnässte Menschen ein, unterschiedliche Typen, sprechen nicht, ziehen eine Nummer, mustern einander. Diese Anfangsszene lebt mehr als alle anderen vom darstellerischen Können der Schauspieler. Gesprochen wird nicht, der komödiantische Effekt kommt durch gekonnten, nicht überzeichneten Slapstick.

Komödiantisch geht es auch weiter, immer mehr kommt Musik ins Spiel. Bekannte Songs von Heinz Erhard bis Peter Fox erscheinen (teilweise abgewandelt) mit Statements zum Wohnungsmarkt. Dabei geschieht auch mit den Protagonisten eine Verwandlung: Die „grauen Mäuschen“, die ohne viel Hoffnung ihre Formulare ausfüllen und am Schalter abgeben, verwandeln sich durch die Musik zu Persönlichkeiten, die ihre Träume leben: als dralle Meerjungfrau, Playboy-Häschen, Muskelmann oder gar mit Tutu über den Männerbeinen. Instrumente werden wie von Geisterhand in den Raum gereicht, das Ganze gipfelt schließlich in dem Song vom „Mietspiegel“ der Band MCNZI, der zur Freude des Premierenpublikums noch einmal als Zugabe gebracht wird.

Dass ein solcher Spannungsbogen von der Leistung der Darsteller getragen wird, ist selbstverständlich. Die drei Ensemblemitglieder Anatol Käbisch, Julius Kuhn und Paul Langemann werden dabei flankiert von Marina Lötschert als Gast. Als gebürtige Augsburgerin und freie Schauspielerin hat sie es, wie die Presse im Vorfeld verkündete, nach jahrelangen Versuchen endlich geschafft, einmal im Augsburger (Staats-)theater zu spielen. Damit scheint dieses Haus ein ehernes Gesetz durchbrochen zu haben, wonach aus Augsburg stammenden Schauspielern gar nicht erst die Chance gegeben wird, sich vor heimischem Publikum zu präsentieren. Marina Lötscherts bemerkenswertes komödiantisches Talent konnte allerdings die im Vergleich zu den Kollegen doch sehr Stütze vermissende Gesangsstimme nicht kompensieren, im Saal anwesende Fans zeigten jedoch ihre Verbundenheit.

Herausragend, sowohl darstellerisch als auch bei der  Gesangsperformance, erwies sich Anatol Käbisch mit seiner Metamorphose vom Durchschnitts-Anzugsträger zum silbernen Playboy-Häschen. Die musikalische „Leitung“ hatte der Münchner Musiker Enik inne, der als der „Büro-Mann“ vom Amt die Fäden zog.

Die Idee der thematischen Liederabende ruft sofort Assoziationen zu den legendären abendfüllenden Programmen von Franz Wittenbrink hervor. Ein Vergleich damit wäre bei dieser Produktion vermessen, dennoch hat die Regisseurin Elsa Vortisch gemeinsam mit ihrem Ausstatter-Team Veronika Bleffert und Julia Ströder einen vergnüglichen Theater- und Liederabend geschaffen, der das Zeug zum Publikumsrenner hat. Wegen der Infektionsschutzverordnung blieben bei der Premiere allerdings viele Plätze in der Brecht-Bühne am Gaswerk frei. Die Anwesenden versuchten dennoch, mit Applaus in den Beat von der Bühne einzufallen und die gebotene Stimmung zu verbreiten.