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Samstag, 24.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Nichts für Heimattümler

Die Lange Nacht der Heimatkunst – ein Querschnitt



Von Frank Heindl


Jessica Treffler und Leonie Pichler stellen die Frage, die lange Kunstnacht gab Antworten

Jessica Treffler und Leonie Pichler stellten die Frage, die lange Kunstnacht gab Antworten


Punkt 19 Uhr am Zeughausplatz. Einsam steht ein Sonnenschirm im Nieselregen, daneben ein gelbes Auto, dazwischen eine Wäscheleine, daran bunte Zettel und Stifte. „home is …“ steht drauf. Aber dass wir hier sind, ist ein Irrtum – vielleicht ist Heimat ja da, wo man sich trotz gemeinsamer Sprache missversteht und deshalb der Auftakt zur Langen Nacht der Heimat erst mal danebengeht. Aber das Wetter wird überraschenderweise besser. Und dem ein bisschen verrückten Onesie-Bärchen-Pärchen werden wir später doch noch begegnen…

Heimattag in Augsburg – die lange Nacht der Kunst widmet sich einem Begriff, der eine Renaissance erlebt, obwohl er lange Zeit für bräsige Tümeligkeit und biederes Stubenhockertum stand. Doch davon ist in der Nacht von Samstag auf Sonntag nichts zu spüren. Zunächst schon mal nicht bei „Text will Töne“ im Holbeinhaus am Vorderen Lech. Karla Andrä hat wunderschöne Gedichte ausgegraben und trägt sie, begleitet von Ehemann Josef Holzhauser an der Gitarre, im Haus des Kunstvereins vor. Draußen vor der Tür hat Johannes Althammer vom Altstadtverein Plakate aufgestellt. Er kämpft dafür, dass seine Heimat weiterhin für Einwanderer offen bleibt: „Deutschland war schon immer ein Einwanderungsland“, liest man da, und Althammer belegt seine These mit historischen Beispielen seit der Einwanderung der Hugenotten im 16. Jahrhundert. Heimat bleibt für den streitbaren Bürger nur Heimat, wenn sie auch Heimat für andere werden kann.



Heimat ist nicht Krieg und Heimat braucht Einwanderer


Drinnen ist Karla Andrä beim Singen und Rezitieren schon räumlich ebenfalls mittendrin im strittigen

Die „Arche“ auf dem Rathausplatz bekommt am Ende sogar Flügel

Die „Arche“ auf dem Rathausplatz bekommt am Ende sogar Flügel


Thema: Im Kunstverein endet an diesem Abend eine Ausstellung der Künstlerin Tanja Boukal, die sich ebenfalls mit Flüchtlingen beschäftigt – und den Mauern, die gegen sie errichtet wurden und werden. Nun also die Schauspielerin Andrä mit ihrer Auswahl aus dem, was deutsche Dichterinnen zum Thema zu sagen haben. „Heimat ist nicht Krieg“, sagt, beispielsweise, Elisabeth Borchers. Eva Strittmeier schwärmt vom Schwimmen im Heu, damals, und von Quellen und Libellen. Hildegard Knef erzählt von der Birke, der die Heimat nicht gut genug war und die deshalb als Kommode endet. Und Hilde Domin konstatiert, bewegend einmal mehr, aus der Perspektive der Vertriebenen,: „Man muss weggehen können / und doch sein wie ein Baum: / als bliebe die Wurzel im Boden, / als zöge die Landschaft und wir ständen fest.“ Heimat: für die einen der Ort, der sie zum Fliehen zwingt, für die anderen der, an dem sie nicht erwünscht sind, für die Dritten der Ort der Sehnsucht. Und für viele dies alles gleichzeitig.

Rauschender Applaus für Andrä/Holzhauser – und nichts wie weg, denn im Maxmuseum warten die Schwäbischen Wirtshausmusikanten. Allerdings nicht auf uns, denn dort ist’s schon voll. „Geht doch rüber in den Jazzclub“, raten freundliche Menschen, und in der Schlange dort angekommen heißt es: „Im Museum soll’s noch Plätze geben.“ Hilft ja nix, wir bleiben stehen und kommen doch noch zu „TubAkkord“. Fabian Heichele, normalerweise Tubist bei den Augsburger Philharmonikern, ist auch ein Heimatvertriebener: Sein Theater ist kaputt, und wenn’s denn saniert wird, dann, so freut er sich, kann er „in fünf bis acht Jahren“ zurückkehren. Dann geht furios die Bach’sche Toccata in einen Piazzolla-Tango über und zwei schon rein größenmäßig recht unterschiedliche Instrumente wie Tuba und Akkordeon finden wenigstens für einen Abend eine neue Heimat im Jazzclub.



Schlafzimmermöbel als Heimat-Synonym? – Ja, auch das geht heute!


Leif EricYoung und Lu Kim Ranalter mit Beziehungsstress im IKEA-Bett – aber bluespots productions nehmen gebrauchte Herzen zurück

Leif Eric Young und Lu Kim Ranalter mit Beziehungsstress im IKEA-Bett – aber bluespots productions nehmen gebrauchte Herzen zurück


Wir hören nicht lange zu – ab aufs Rad und rüber zum Hofgarten. Die Bluespots finden wir nicht, den handschriftlichen Hinweis auf die Verlegung in die Soho Stage zeigen uns dann wieder freundliche Mitsucher. Im Soho-Keller dann eine typische Bluespots-Idee: In Leonie Pichlers Stück  „Dein Herz? Wir nehmen es zurück!“ geht’s um Möbel und um Beziehungen und darum, wie Möbel Beziehungen prägen. Dürfen wir Möbel heute Abend als Synonym für Heimat interpretieren? Ja doch! Joe (Leif Eric Young) und Lu (Kim Ranalter) suchen bei IKEA ein Bett – doch die Betten von IKEA stehen auf der ganzen Welt, und sie stehen in der Erinnerung für intime Erlebnisse. So erfährt Lu im Möbelladen „die schmerzhafte Präsenz von Vergangenheit“. Seit Jahren haben die Bluespot Productions versucht, Pichlers Stück bei IKEA aufzuführen. Vergeblich, und nun reicht’s! Pichlers frech-subversive Idee: Das Stück hier https://bluespotsproductions.bandcamp.com/releases aufs Smartphone runterladen, dann ab zu IKEA, Kopfhörer auf, 50 Minuten lang durch die betreffenden Abteilungen bummeln. Und am Ende vielleicht doch kein Bett kaufen …

Zurück zum Kunstverein? Echt jetzt? Also gut, den Loop leisten wir uns und diesen Kalauer auch: Denn

Panta rhei: alles fließt mit Loops, Gitarren, Drums: Michael Kaiser und Eric Zwang-Eriksson vor rauschendem Lech

Panta rhei: alles fließt mit Loops, Gitarren, Drums: Michael Kaiser und Eric Zwang-Eriksson vor rauschendem Lech


jetzt gibt’s dort Lech Loops von Michael Kaiser und Eric Zwang-Eriksson. Der erste hat komponiert, der zweite den Lech gefilmt, der eine spielt Gitarre, der andere Schlagzeug, und zusammen ergibt das eine nahezu kontemplative halbe Duo-Stunde bei schönen Bildern vom Lech mit schwirrenden Drum-Sounds und auf den Gesichter der Musiker flirrenden Sonnenstrahlen vom Beamer, mit Kuhglocken und Vogelgezwitscher, mit Blues-Techno-Swing, viel Rhythmus, viel strömendem Wasser – panta rhei: alles fließt.

Ein leicht verrücktes Bärchen-Pärchen

Uns sollte der Strom jetzt eigentlich ganz schnell ins Thalia-Café treiben – aber vor dem Holbeinhaus sitzen nun diese beiden etwas verrückten Bärchen: Leonie Pichler und Jessica Treffler haben sich mit zwei Onesies (vorher recherchiert: das sind einteilige, sehr kuschelige Schlafanzüge) als Bärchen-Pärchen verkleidet, sind viele, viele Kilometer im kleinen gelben Fiat und per Fähre nach Griechenland und auf den Balkan gekurvt, haben nicht nur Grenzbeamte und Polizisten, sondern auch viele harmlose Passanten mit ihrem etwas gewöhnungsbedürftigen Outfit verblüfft, sind so mit unzähligen Menschen ins Gespräch gekommen und haben diesen am Ende jeweils eines ihrer Zettelchen zum Ausfüllen hingehalten: „home is …“. Nach dem Ausfüllen wurden die Opfer mit der Polaroid fotografiert – fertig. Nun haben die beiden  einen Zettelkasten respektive Kofferraum voll authentischer, spontaner Zitate und Interpretationsmöglichkeiten des Heimatbegriffs. Uns selbst ist auch nach ganz langem Überlegen nur ein Paul-Simon-Zitat eingefallen ist: „Home ist … where my music’s playing“. Noch peinlicher: Wir haben’s als eigenen Gedanken ausgegeben…

Jetzt aber doch noch schnell ins Thalia, vorbei an Kneipen voller Menschen, die auf irgendwas starren, lauschen, darüber reden. Menschen mit oberstudienrätischem Kultureifer, die mit Programmheft und Stadtplan durch die Gassen eilen auf dem Weg zum nächsten Event, vorbei an fröhlich Unbeschwerten, die sich treiben lassen und mal hier, mal dort reinschauen, in einer Stadt, die ein bisschen in Kunst, Musik, Literatur und Theater schwingt und swingt – das könnten wir jeden Samstag vertragen!

Einmal volles Klischee bitte – jawoll, das passt

Im Café dann nochmal Piazzolla-Tangos – diesmal von „Màs que Tango“, phantastisch am Bandoneon Ezekiel Lezama Camili, brillant an der Geige Martin Franke, verblüffend am Klavier Iris Lichtinger, die man doch auch als virtuose Flötistin kennt – und hinreißend der Schauspieler Sebastián Arranz: Im Theater hat man ihn schon oft als nahezu karikaturhafte Inkarnation des Spanier- resp. Südamerikanertums schlechthin wahrgenommen – und hier tut er genau dasselbe, und wieder passt’s: Schreit den „Loco, locoloco“ aus Piazzollas Song hinaus wie ein Verrückter, lockt und schmalzt und brüllt und trällert, dass es eine Wonne ist. Schade, wir sind zu spät gekommen und müssen früher wieder raus, weil am Rathausplatz die Arche wartet.



Hoffnungsvolles Staunen mit Feuer und Fantasie


Muss man das verstehen, was das Teatr Òsmega Dnia da erzählt? Die Bilder sind gewaltig, bedrohlich, martialisch, überbordend, farben-, feuer-, poesie- und assoziationshaltig, die Geschichte, die erzählt wird, handelt vom Feiern, von der Vertreibung, der Flucht, der Rettung, von diesem verdammten Kreislauf des Leidens und der kurzfristigen Erlösung kurz vor dem Übergang ins nächste Leiden. Was uns retten kann? Vordergründig die metallene Arche, die das Ensemble mitgebracht hat, aber noch besser wohl die Phantasie, der Optimismus, der Glaube ans Weiterleben, der diesem unglaublichen und seltsamen Gefährt am Ende auch noch rote Flügel verleiht. In Anbetracht der Lage mag es schon ein Beweis für die Notwendigkeit des Theaters sein, wenn so eine Truppe uns für eine Stunde in hoffnungsvolles Staunen versetzt.

Ein weit gereistes Akkordeon und eine heimatlose Tuba: zusammen heißt das „Tubakkord“.

Ein weit gereistes Akkordeon und eine heimatlose Tuba: zusammen heißt das „Tubakkord“.


Verdauen und verstehen werden wir das frühestens am Sonntag, denn jetzt müssen wir weiter, weil Erwin Schletterer im Thalia Kurzfilme zum Heimatthema zeigt, wir dürfen ein paarmal herzlich lachen, bevor wir oben im Café noch ein bisschen Tim Allhoff zuhören, der sich wie immer wild und virtuos am Flügel verrenkt, bevor wir müde nach Hause aufbrechen und dann doch auch nochmal im Jazzclub hängenbleiben, wo die üblichen Verdächtigen, also Holstein/Holzhauser/Bittner/Fiedler/Eberhard in den Morgen jazzen – von Heimat war bei diesen beiden letzten Veranstaltungen erleichternderweise nicht mehr die Rede. Und um 3 Uhr stand fest: Home is, where my bed is. Und für Stubenhocker und Heimattümler war nix dabei.