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Donnerstag, 18.04.2024 - Jahrgang 16 - www.daz-augsburg.de

FCA und die Bundesliga

Neuer FCA-Trainer Thorup: Licht am Ende eines langen Tunnels?

Jess Thorup, der neue Trainer des FC Augsburg hat beim FCA noch kein Spiel gecoacht, noch keinen Punkt gewonnen – und dennoch gestern seinen ersten Sieg erzielt, und zwar auf eine Art, wie sie bisher in Augsburg noch nicht zu sehen, noch nicht zu hören war.

Von Siegfried Zagler

Jess Thorup © DAZ

Knapp eine Stunde dauerte die gestrige Pressekonferenz, auf der der neue FCA-Trainer Jess Thorup vorgestellt wurde. Es blieb kaum eine Frage offen und Thorup beantwortete alle Fragen ohne die üblichen Sprachschablonen mit einer sympathischen Authentizität, wie man sie in dieser verdichteten Situation der Aufmerksamkeit nicht erwartet hätte. Zum bisherigen Arbeitsnachweis des neuen FCA-Trainers wäre viel zu sagen, doch man kann es auch verkürzt darstellen: In Belgien und Dänemark hatte Thorup bei drei Klubs überdurchschnittlichen Erfolg und international gespielt. In seiner aktiven Zeit hat er eine kurze Zeit in Deutschland in der Zweiten Liga bei Uerdingen gekickt. Jess Thorup ist 53 Jahre alt, hat zwei erwachsene Kinder und ist  “seit langer Zeit verheiratet”. Deutsch ist für den Kopenhagener Thorup, dessen Vornamen man wie das englische “Yes” ausspricht, nach Englisch die Drittsprache. Dennoch hielt Jess Thorup, der alle Journalisten nach skandinavischer Art duzte, die komplette PK in deutscher Sprache – ohne größere Unfälle.

Die dänische Hauptstadt Kopenhagen gehört zu den Städten mit höchster Lebensqualität – weltweit, weshalb es Thorup auffiel, dass man in Augsburg am Sonntagabend länger suchen muss, um ein geöffnetes Restaurant zu finden. Mit dieser bedeutsamen Petitesse schimmerte durch, warum Thorup und der FCA vor einer längeren Beziehung stehen könnten. Mit Krawatte, Anzug und seiner bescheidenen Bestimmtheit bringt Thorup genau jene Aura mit, die die wichtigste Personalie des Klubs zu einem Botschafter der Stadt machen könnte. Und somit nicht nur die Mannschaft, sondern auch das matte Image des FCA aufpolieren könnte. Die bisherigen Trainer des FCA hatten eher einen provinziellen Touch, der sich durch das Augsburger Engagement eher verstärkte und sich wie eine unerkannte Krankheit auf den Klub übertragen hatte.

Der FCA hat nach Manuel Baums Freistellung 2019 jeden der vier folgenden Trainer kaum länger als eine Saison beschäftigt und ist in dieser Zeit in eine Identitätskrise geschlittert. Die von der Vereinsführung jährlich ausgegebene Zielformulierung “Nichtabstieg”wurde von den Fans nur noch murrend geteilt. Der in diesen vier Saisons gezeigte Fußball war phasenweise der schlechteste Fußball, der in der Bundesliga gespielt wurde. Seit mehr als vier Spielzeiten befindet sich der FCA in einem dunklen Tunnel in der hinteren Tabellenregion: Für den Abstieg einen Tick zu gut, für alles andere zu schlecht. “Man schämt sich fast, nicht abgestiegen zu sein” titelte die DAZ nach dem Katastrophenkick in Gladbach am letzten Spieltag der Vorsaison.

“Ich weiß, dass ich nichts weiß.” Mit dieser wissenschaftlichen Kernaussage könnte man Thorups Antworten bezüglich des FCA zusammenfassen. Wobei man das Nichtwissen als sokratische Höhe verstehen muss, demnach als ein herausgearbeitetes wie differenziertes Nichtwissen. Ergebnisse liefern und darauf aufbauend Mannschaft und Spieler weiterentwickeln, so schlicht und überzeugend beschrieb Thorup seine Aufgabenstellung in Augsburg. Keine Versprechung, keine Selbstdarstellung, keine falschen Töne waren in seinen Erklärungen enthalten. Thorup weiß, dass man im Profisport einem Trainer, der keinen sportlichen Erfolg hat, auch sonst nichts zutraut. Er werde genau hinsehen und sich dann entscheiden, welches Spielsystem zur Mannschaft passt. Natürlich sieht Thorup im Kader des FCA großes Entwicklungspotenzial und versteht die Augsburger Sehnsucht nach mehr als Nichtabstiegsfußball.

Michael Ströll, Jess Thorup, Marinko Jurendic (v.l.) © DAZ

Mit Jess Thorup hat der FCA nach vielen Fehlgriffen einen Trainer gefunden, der beim FCA funktionieren könnte. Es ist nicht nur seine Trainervita, die passend andockt und wirken könnte, es ist vielmehr seine Persönlichkeit, die zum schwäbischen Augsburg passt: Seine Bescheidenheit ist gepaart mit Sicherheit im Wollen, seine Schlichtheit verbunden mit Eleganz, seine Freundlichkeit hat nichts Anbiederndes, sondern pflegt respektvolle Distanz. Mit Thorup kommt datenbasierte Wissenschaft zum FCA, und mit ihm beginnt – nach den autokratischen Provinzfürsten in der Vereinsspitze und einer Reihe von Schaumschlägern auf der Trainerbank – möglicherweise eine neue Ära. “Möglicherweise” deshalb, da alles anders aussieht, sollte der FCA die nächsten drei Spiele verlieren.

Jess Thorup ist kein Mann, der Angst hat, die Kabine zu verlieren, ist kein Typ, der sich bezüglich des Kaders den Qualitätsbehauptungen von Jurendic und Co. anschließen wird, falls er zu einer abweichenden Einschätzung kommen sollte. Und nun sind wir beim von der sportlichen Leitung wohl behüteten Kernproblem: Jurendic erklärte, dass der in der Champions League erfahrene Trainer bewiesen habe, dass er Teams entwickeln könne. Er hoffe deshalb auf mehr als Abstiegskampf in Augsburg. „Diese Sehnsucht haben wir alle.“

Des Pudels Kern besteht jedoch darin, dass es beim FCA vom Torhüter bis zur Sturmspitze beinahe durchgehend im Kader zu viele Spieler gibt, die den letzten (kleinen oder größeren) Schritt zur Bundesligatauglichkeit noch nicht vollzogen haben. Der Kader, das ist zutreffend, hat Potenzial. Doch was nützt das, wenn es nur phasenweise aufblitzt?

In der Tabelle belegt der FCA in dieser Saison nach sieben Spieltagen und fünf Punkten nur den 15. Platz – auch 2021/22 und 2019/20 startete der FCA mit derselben Punktezahl nach sieben Spielen. Abgestiegen ist man noch nicht, aber der FCA hat 2019 den Tunnel betreten, in dem er nun im vierten Jahr umherirrt. Mit Jess Thorup an der Seitenlinie wirkt dieser Tunnel nicht mehr ganz so düster und man darf sogar wieder auf Tageslicht hoffen.