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Sonntag, 19.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Meinung

Nationalmannschaft: Das Elend muss ein Ende haben

Kicker-Leser vertreten laut einer Umfrage mit knapp 70.000 Teilnehmern zu 89 Prozent die Auffassung, dass man auf Fußball-Länderspiele in Corona-Zeiten verzichten sollte. Die Spieler der deutschen Nationalmannschaft sehen das wohl ähnlich.

Von Siegfried Zagler

Foto: DAZ-Archiv

Jeder Fußballer kennt Spiele, die bestenfalls so zu erklären sind: “Zuerst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu.” Jürgen Wegmann beschrieb mit diesem Kalauer eine zu hohe Niederlage, die seiner Auffassung nach damit zu tun hatte, dass vorne zu viele Chancen vergeben wurde, während beim Gegner jeder Schuss ein Treffer war. Damit hatte das 0:6 gegen Spanien nichts zu tun. Diese Partie entsprach dem Muster eines Trainingsspiel: A- gegen B-Mannschaft.

Es ist ermüdend zum Geschehen der deutschen Nationalmannschaft seit 2012 immer und immer wieder das Gleiche zu schreiben: Mit Jogi Löw steht beim DFB ein Mann in der sportlichen Verantwortung, der nicht die besten Elf aufstellt, simple Matchpläne entwickelt und für taktischen Feinschliff die Mentalität und das Auge fehlt. Seit einer Ewigkeit steht der wichtigsten Mannschaft im deutschen Fußball ein Trainer zur Verfügung, der seinen Job nie richtig verstanden hat.

Der in vielerlei Hinsicht limitierte Zufallsbundestrainer Jogi Löw konnte lange 16 Jahre im Amt bleiben, weil er auf einem veralteten Tanker mit Strukturproblemen und Hobby-Kapitänen auf der Brücke anheuern durfte. Wäre der DFB nämlich mehr als ein in sich selbst gefangener und in die Jahre gekommener Dino, der sich in immer kürzerer werdenden Taktungen im Netz der Steuerfahndung verfängt, wären ad hoc-Bundestrainer aus dem Off, wie Löw, Klinsmann, Völler oder Ribbeck und auch Beckenbauer niemals auf der Bildfläche erschienen.

Jogi Löw konnte so lange im Amt bleiben, weil ihm ab 2008 bis heute stets ein Kader zur Verfügung stand/steht, mit dem man nicht nur jedes FIFA-Turnier hätte gewinnen können, sondern auch jedes Jahr die Champions League. Ähnlich wie Helmut Schön, dessen Ära ebenfalls zu lange dauerte, konnte und kann Löw stets auf eine Weltauswahl zurückgreifen.

Das coaching-bedingte Dauerausscheiden in den Halbfinals der großen Turniere konnte man noch hinnehmen, zumal die WM 14 gewonnen wurde. Doch dann kam die WM 2018. Die deutsche Nationalmannschaft schied als Gruppenletzter aus und gab ein erbärmliches Bild ab, was in erster Linie am Coaching lag.

Danach muss wohl Grindel, um seinen Posten zu retten, auf die Schnapsidee “Umbruch” gekommen sein. Wäre unmittelbar nach der WM Löws Kopf gerollt, hätte das Grindel als DFB-Präsident kaum überlebt. Die Rede von der “schonungslosen Aufarbeitung” ließ die Schnapsidee “Umbruch” folgen.

Um es kurz zu machen: Es hätte keine Aufarbeitung der WM gebraucht, da die drei Gruppenspiele schlagartig für alle offen legten, was spätestens seit der Euro 2012 viele wussten und fast alle ahnten: Ein Weltklasse-Ensemble muss mit dem Dirigat eines Bierzelt-Dirigenten klarkommen. Dass Özil und Khedira nicht mehr zu den Stützen zählen, wäre jedem Jugendtrainer aufgefallen. Einen “Umbruch” muss es bei nationalen Auswahlmannschaften nicht geben, denn dort spielen einfach nur die besten Spieler ihres Landes. Das ist das große Ganze, wie es die DAZ bereits vor genau einem Jahr beschrieb.

Aktuell stehen u.a. falls verletzungsfrei, folgende weltklasse Spieler für die deutsche Nationalmannschaft zur Verfügung: Neuer, ter Stegen, Sane, Kimmich, Süle, Reus, Boateng, Hummels, Müller, Havertz, Gündogan, Goretzka, Werner, Draxler, Gnabry, Kroos.

Die “Umbruchsopfer” sind kursiv geschrieben. Alle Spieler spielen in Weltklubs und gehören zu den Topverdienern im Profifußball. Alle Spieler könnten in jeder anderen europäischen Spitzenmannschaft zur Stammformation gehören.

Die Besten ihres Fachs von der Nationalmannschaft mit einer sich selbst schützenden Pseudo-Strategie des Umbruchs auszubooten, ist ein außerordentlicher Vorgang, der die Aufgabenstellung eines Bundestrainers konterkariert. Es handelt sich dabei um eine sportliche Verfehlung, die es in der Geschichte des Fußballs noch nie gab. Seit 120 Jahren gibt es den DFB, er hat die Kaiserzeit überdauert, die Weimarer Republik, die Nazidiktatur überlebt, der Bonner Republik ein wenig nationale Identität gestiftet und die Wiedervereinigung schadlos überstanden. Doch nun wirds ernst: Der DFB demontiert sich selbst.

Fritz Keller, der aktuelle DFB-Präsident, Nachfolger des “Umbruch-Präsidenten” Grindel, ist von der Süddeutschen Zeitung zutreffenderweise als “substanzlos” erkannt worden. Hätte Keller Substanz, wäre Löw längst im Ruhestand.