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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Es wäre ein Abschied ohne Wehmut

Warum das Aus der deutschen Nationalmannschaft so leicht zu nehmen ist und Jogi Löws Abschied vor der Tür stehen sollte

Kommentar von Siegfried Zagler

Sang- und klanglos schied die deutsche Nationalmannschaft nach dem letzten Gruppenspiel gegen Südkorea aus – als Gruppenletzter. Das hat zwar eine historische Negativ-Dimension, ist aber leicht zu verschmerzen. Nur in den ersten 10 Minuten des Schweden-Spiels blitzte das ganze Vermögen einer der formal besten Mannschaften des Turniers auf. Eine Mannschaft, die alles hat, was den Fußballsport anziehend macht und nichts davon zeigte. Wenn eine hochbegabte und hochgehandelte Mannschaft drei Mal in Folge dergestalt hilflos und strukturlos auftritt, wie in den vergangenen Gruppenspielen der Russland-WM, dann ist ihr Auscheiden eine Erlösung, ja beinahe ein Genuss. Es stellt sich also nur die Frage, warum nach diesem Debakel eine Trainerdebatte nur langsam in Fahrt kommt.

Es mag zutreffen, dass die goldene Generation um Manuel Neuer, Jerome Boateng, Mats Hummels, Sami Khedira und Mesut Özil, die 2009 die U21-Europameisterschaft gewann – und zu der noch Thomas Müller und Toni Kroos hinzustießen, als Gerüst der Nationalmannschaft nicht mehr taugt. Und es mag zutreffen, dass die Abgänge von Sebastian Schweinsteiger und Philipp Lahm schwerer wiegen als angenommen. Doch das Problem des DfB-Flaggschiffs ist nicht der Mangel an erstklassigen Spielern, sondern die schwache sportliche Führung. Seit Beginn der Ära Löw wird das zu den besten philharmonischen Orchestern der Welt zählende DfB-Orchester von einem Bierzelt-Dirgenten geleitet. Übersetzt in die Fußballwelt soll dieser Vergleich unterstreichen, dass immer dann, wenn die deutsche Nationalmannschaft einen guten Trainer gebraucht hätte, eben keiner da war.

Bei dieser WM fiel das besonders auf. Bereits beim ersten Spiel gegen Mexiko war leicht zu erkennen, dass das Ergebnis nicht durch einen unglücklichen Spielverlauf oder wegen mangelnder sportlicher Qualität zustande kam, sondern durch die Summe von verhängnisvollen Trainerfehlern, die mit der Kaderzusammenstellung beginnen, bei den Mannschaftsaufstellungen weitergehen und bei den taktischen Ausrichtungen und Matchplänen aufhören. Löw hat zusammen mit Bierhoff und der DfB-Spitze die Tiefe des von Ilkay Gündogan und Mesut Özil verursachten Erdogan-Skandals verkannt und mit dem nicht sanktionierten politischen Handeln der beiden die Mannschaft belastet. Löw hat mit seinem Gerede („die Mexikaner pressen teilweise mit acht Mann“) vor dem Auftaktspiel den Mexikanern die Marschroute quasi vorgeschlagen und es schließlich eine Halbzeit nicht bemerkt, dass sie nicht pressten, sondern tief standen und Kross mit Manndeckung aus dem Spiel nahmen. Sich von einer altbackenen Kontertaktik überraschen zu lassen, zeugt von unübersehbarer Betriebsblindheit.

Weder gegen die kampfstarken Schweden noch gegen die nicht weniger limitierten Südkoreaner gab es einen funktionierenden Matchplan. In keinem Spiel war durchgängig eine taktische Ausrichtung, ein Spielsystem zu erkennen, in jedem Spiel fehlte Disziplin und Leidenschaft. Ein Achtelfinale mit deutscher Beteiligung wäre ein Sieg der Peinlichkeit gewesen. Jogi Löw ist mit der Performance „seiner Mannschaft“, die sich auf beschämende Art und Weise nicht als „unsere Mannschaft“ präsentierte, in Russland an seiner skurillen Selbstgefälligkeit gescheitert. Es wäre ihm zu wünschen, dass er das auch so sieht und seinen Abschied selbst gestaltet.



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