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Samstag, 25.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Mother Courage aus vielerlei Perspektiven

Brechtfestival: „Theater of War“ im Thalia-Kino

Von Dr. Michael Friedrichs

Beim Brecht Festival Augsburg gab es einen sehenswerten Film über eine Mutter-Courage-Inszenierung in New York zu sehen: „Theater of War“ (der übliche Ausdruck für „Kriegsschauplatz“, zugleich Signal für einen politischen Theaterfilm).

„Theater of War“ lief im Rahmen des Brechtfestivals am Montag im Thalia.


2006 hatte bei dem jährlichen kostenlosen Sommertheater im New Yorker Central Park Brechts Mother Courage auf dem Programm gestanden. Das war eine Sensation in mehrfacher Hinsicht. Brecht in den USA ist immer etwas Besonderes; hier kam dazu, dass der gefeierte Theaterautor Tony Kushner eine neue Übersetzung vorgelegt hatte. Die Hauptattraktion war aber sicher: Meryl Streep in der Titelrolle.

Das Delacorte Theater spielte fast vier Wochen täglich dieses Stück vor 2000 Zuschauern. Initiator Tony Kushner hatte vor Jahren zu Meryl Streep gesagt, eines Tages müsse sie die Mutter Courage spielen. Der Krieg gegen den Irak war beherrschendes Diskussionsthema, und das Ensemble setzte sich sowohl mit dem Drama und seinen historischen Bezügen zu Europa wie auch mit der Aufführungsgeschichte auseinander, der berühmten Modellinszenierung des Berliner Ensembles von 1949. Theateraufführungen leben für gewöhnlich nur weiter im Gedächtnis ihrer Besucher. Hier wurde eine Ausnahme gemacht. Aber es wurde nicht die Inszenierung verfilmt, sondern der Entstehungsprozess.

Regisseur des Films ist John Walter, als Dokumentarfilmer Spezialist für Kulturgeschichte. Er zeigt hier nicht nur den Probenprozess, er lässt Schauspieler, Regie, Komponistin und Experten zu Wort kommen, die gleichzeitig stattfindenden Demonstrationen gegen den Irak-Krieg kommen ins Bild, und Walter hat sich Unterstützung vom Brecht Archiv in Berlin und von Barbara Brecht-Schall geholt, die selbst zu Wort kommt. Walter war über Godard-Filme in den Achtzigerjahren zu Brecht gekommen; ihn faszinierte u.a., wie viel von Brechts Theatertheorie sich im Film umsetzen lässt. Sein Ziel im Film ist “a dialogue between the 21st century production and the 1949 production, between what’s going on inside the theater and outside the theater, between the ideas that influenced Brecht and Brecht influencing other artists, the balance between learning and entertaining” (Auf deutsch: “Ein Dialog zwischen der Produktion des 21. Jahrhunderts und der von 1949, zwischen den Vorgängen im Theater und außerhalb des  Theaters, zwischen den Einflüssen auf Brecht und Brechts Einfluss auf andere Künstler, die Balance zwischen Lernen und Unterhaltung.“ Das Interview stammt aus dem Jahr 2008 und ist nachzulesen auf www.filmmakermagazine.com. Übersetzung: DAZ).

Der Versuch ist gelungen, das Ergebnis ist der einzige für ein englischsprachiges Publikum produzierte Brechtfilm. Nicht einzusehen, warum es noch keine deutsche Version gibt.

Unser Gastautor Michael Friedrichs ist Redakteur beim im Wißner-Verlag erscheinenden „Dreigroschenheft“. Der Text ist ein Vorabdruck seines Beitrags im „Dreigroschenheft“ 2/2012.