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Dienstag, 16.04.2024 - Jahrgang 16 - www.daz-augsburg.de

Kulturausschuss: Hilferuf aus den Tiefen der Verwaltung

Ein Paukenschlag im Kulturausschuss sorgt für hohe Wellen und Handlungsdruck. Es geht um Defizite in allen Bereichen bei den städtischen Kunstsammlungen.

Von Siegfried Zagler

Christof Trepesch und Kerstin Lidl im Kulturausschuss © DAZ

Im gestrigen Kulturausschuss hielt der Leiter der städtischen Kunstsammlungen und Museen Dr. Christof Trepesch einen kurz gehaltenen Power-Point-Vortrag über die aktuelle Situation seiner Häuser. Im Gegensatz zu den Kinos und den Theatern sind die Augsburger Museen auf dem besten Weg, die Besuchereinbrüche der Corona-Jahre und der Post-Corona-Zeit hinter sich zu lassen. Mit knapp 245.000 Besucher sind die Kunstsammlungen 2022 bei zirka 70 Prozent der Vor-Corona-Jahre angelangt. Bessere Werte gibt es in keiner anderen Sparte und selbst in der bayerischen Museenlandschaft werden diese Besucherzahler nur von den Pinakotheken in München übertroffen.

Auf überraschend hohe Resonanz stoßen die Angebote zur Kunst- und Kulturvermittlung. Die Ein-Euro-Sonntage und die Webseiten der Kunstsammlungen boomen und keine andere Kultureinrichtung der Stadt hat bessere Werte in der kulturellen Vermittlung bezüglich der Ukraine-Geflüchteten. Die aktuelle H2-Ausstellung von Herlinde Koelbl kann man jetzt schon als großen Erfolg bezüglich des Publikumszuspruch bezeichnen. Trepesch gab einen kurzen Ausblick auf das Kommende, besonders auf die mit Spannung erwartete Ausstellung zum Holl-Jubiläum.

Dr. Trepeschs Vortrag wäre vom Kulturausschuss mit wohlwollender Kenntnisnahme goutiert worden, wäre damit der Tagesordnungspunkt beendet worden. Doch unmittelbar danach folgte ein emotionaler Vortrag mit einem Appellgehalt wie man es so coram puplico nicht kennt, wenn die Verwaltung vor dem Kulturausschuss referiert. Ohne Schuldzuweisungen und politische Wertungen hielt die Verwaltungsleiterin der Kunstsammlungen Kerstin Lidl eine Brandrede, die bei den Stadträten für hohe Betroffenheit und “Entsetzen” (Sieglinde Wischnewski/SPD) sorgte. Dabei listete Lidl im öffentlichen Teil der Sitzung lediglich auf, was den Stadträten ohnehin bekannt sein müsste, da nichts Neues dabei war.

Die Defizite der Kunstsammlungen wurden offenbar noch nie gelistet und mit einem Vortrag dramatisiert. Und da dies beim Lidl-Vortrag der Fall war, entstand bei den Stadträten eine verschärfte Aufmerksamkeit und politischer Handlungsdruck. Zu vermuten ist eine Verzweiflungsstrategie von Trepesch und Co., da die Kunstsammlungen in den vergangen Jahren mit ihren Anträgen und internen Vorträgen meist abperlten und vertröstet wurden.

Die Verwaltung sollte per Beschluss beauftragt werden, entsprechende Anmeldungen zur Stellenplanung und zum Haushalt vorzunehmen, um die personelle und finanzielle Situation der Kunstsammlungen und Museen zu verbessern. Außerdem sollten die notwendigen Schritte zur Erfüllung des Büro- und Flächenbedarfs sowie zur Verbesserung der Sicherung der Vermögenswerte unternommen werden. Zu verbessern sei die finanzielle, räumliche, sicherheitstechnische und insbesondere die personelle Situation bei den Kunstsammlungen und Museen. Dabei gehe es nicht um Bittstellungen, sondern um die Gewährleistung eines modernen Museumsbetriebs und die Sicherheit in den einzelnen Häusern.

Nachdem Kerstin Lidl die dramatischen Mängelverwaltung bei den Kunstsammlungen detailliert orchestriert hatte, zeigten sich die Stadträte quer durch alle politische Couleur geschockt. Kulturreferent Jürgen Enninger versuchte erfolglos die Dramatik zu dimmen, indem er sagte, dass die Verwaltung natürlich Bedarfe abarbeite. Doch damit konnte der düpierte Kulturreferent die Situation nicht entschärfen. Über den Antrag wurde wegen der politischen Höhe nicht abgestimmt. Der 3. Bürgermeister und ehemalige CSU-Kulturpolitiker Bernd Kränzle bezeichnete die Entwicklung der Augsburger Museen und Kunstsammlungen als “Erfolgsstory”. Die Kunstsammlungen seien durch die Veranstaltungsbreite auf dem richtigen Weg. Nun seien jedoch interne Beratungen nötig. Der ehemalige Kulturbürgermeister der Stadt Augsburg Peter Grab nannte das Vorgehen der Kunstsammlungen einen “Hilferuf”.

Wie mit dem Hilferuf aus den Tiefen der Verwaltung in der Politik weiter verfahren wird, ist derzeit völlig offen.