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Donnerstag, 26.05.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Krieg und Frieden

Kommentar: Wir sind Kriegspartei und befinden uns im Krieg

Wir befinden uns im Krieg. Nicht nur gegen Kriegsverbrecher Putin und seine willigen Vollstrecker, nicht nur gegen Putins Oligarchen, sondern gegen Russland. Wir führen auch einen Krieg gegen die russische Bevölkerung. Das ist eine schwer zu ertragende Wahrheit, aber diese Wahrheit gehört zur schrecklichen Wirklichkeit einer Welt, die am Abgrund steht.

Kommentar von Siegfried Zagler

Demonstration in Augsburg gegen Russlands Krieg – Foto: DAZ

Der Westen und mit Verzögerung auch die Bundesrepublik verstärkten die Wirtschaftssanktionen gegen Russland seit dem russischen Überfall auf die Ukraine und treffen damit in erster Linie nicht Putin und die russische Nomenklatura, sondern die russische Bevölkerung. Der Gedanke, der dabei mitschwingt, geht in die Richtung, dass aufgrund der wirtschaftlichen Not des Volkes sich dieses von seiner Regierung abwendet, Putin an Rückhalt verliert und mit diesem Machtverlust zum Spielball von Intrigen diverser Eliten werden könnte. Das ist nicht viel mehr als eine vage Hoffnung. Aktuell sieht es eher danach aus, als würden die Sanktionen und die damit verbundene wirtschaftliche Not Putin stärken, da der Zusammenhalt in Russland wächst und der Westen verteufelt wird – und nicht Kriegstreiber Putin.

„Den Krieg unterstützen 87 Prozent der Russen! Nicht die Hälfte, sondern 87 Prozent, die absolute Mehrheit! Das ist die Richtung. Und das ist nicht nur die Schuld der Propaganda, das ist nicht nur das Fernsehen, sondern auch die Universitäten, das ist die Denkweise, die verbreitet wird. Ich als Künstlerin schaue nicht weg, was in meinem Land passiert. Und wenn in meinem Land politische Probleme entstehen würden, würde ich mich genauso dagegen einsetzen“. Dies sagte kürzlich in der ZEIT die berühmte ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv, die seit Januar 2022 Generalmusikdirektorin des Teatro Comunale di Bologna/Italien ist.

Die Einschätzung, dass über 80 Prozent der russischen Bevölkerung zu Putin steht, lässt sich nicht nur mit der russischen Propagandamaschine erklären, sondern auch damit, dass die überwiegende Mehrheit der russischen Bevölkerung den Traum Putins vom alten russischen Großreich mitträumt. Putin hat dieses Ziel seit mehr als 20 Jahren in häufiger Redundanz formuliert und zum Credo seiner Politik erhoben. Putins Traum ist Russlands Ziel.

Vieles erinnert dabei an die Verhältnisse in Deutschland nach der Olympiade 1936, als ein Adolf H. zu einem heldenhaften Tribun der überwiegenden Mehrheit der deutschen Bevölkerung wurde. Wie H. trifft Putin mit seinen verbrecherischen Repressionen nach innen und seiner kriegerischen Unternehmung nach außen die Gemütslage der Mehrheit des Volkes, ohne dessen Unterstützung ein faschistisches System kaum funktionieren würde. Presse, Justiz und Exekutive sind gleichgeschaltet. Andersdenkende riskieren ihr Leben. Die überwiegende Mehrheit der russischen Bevölkerung beugt sich und unterstützt mit wachsender Begeisterung eine faschistische Herrschaft, die ihr Regieren als eine Notwendigkeit der Geschichte begreift.

Man muss also von einem faschistischen Russland sprechen. Aus diesem Grund ist unser Krieg gegen Russland ein gerechter Krieg gegen einen grausamen Aggressor, dem alles zuzutrauen ist.

Wer das anders sieht, will sich die Welt so hindrehen, wie sie ihm gefällt. Natürlich darf man dem Westen schwere Versäumnisse vorwerfen und natürlich ist es nicht falsch, wenn man von einer „Mitschuld“ spricht. Doch die Phase der Relativierung ist nach dem Massaker von Butscha vorbei. Was nach der Welle der Empathie für die Kriegsopfer und des zivilen Engagement neben den Waffenlieferungen, die uns zu einer Kriegspartei machen, folgen muss, ist ein formuliertes Friedensziel der westlichen Allianz, die nicht nur die Unabhängigkeit der Ukraine unterstützen sollte, sondern auch die Aufgabe hat, die Außengrenzen der EU gegen weitere Landgewinnungsfeldzüge der russischen Faschisten zu schützen.

Das schreibt sich leicht. Ist die Entschlossenheit und Einigkeit des Westens gegenüber Russland nicht mit der atomaren Abschreckungsdoktrin verbunden? War es nicht Putin selbst, der kaum verdeckt mit einem atomaren Szenario gedroht hat, falls die NATO ins Kriegsgeschehen eingreifen sollte?

Die Menschheit stand zum ersten Mal im Oktober 1963 vor dem Ausbruch eines atomaren Krieges, als 13 Tage das Schicksal der Welt an einem seidenen Faden hing. Stichwort „Schweinebucht“: Die USA waren fest entschlossen, die Stationierung sowjetischer Atomraketen auf Kuba mit allen Mitteln zu verhindern. Das bedeutete, gegebenenfalls auch einen Dritten Weltkrieg zu riskieren. Seit dem 24. Februar 2022 steht die Weltgemeinschaft zum zweiten Mal vor dem Abgrund eines Horrors, den man sich kaum vorzustellen vermag. Russland wird diesen Krieg vermutlich nicht mehr gewinnen, dass ihn Russland verliert, kann man sich noch weniger vorstellen. Finstere Zeiten, in die wir hineingeboren wurden. Gefährlicher war es nach 1945 in Europa noch nie.

„Was tun?“, möchte man mit Lenin fragen. Niemand kann aktuell darauf eine Antwort geben. Nur eine Sache scheint festzustehen. Falls die Menschheit heil und geheilt diesen Krieg überstehen sollte, wird der 24. Februar 2022 als die wahre Geburtsstunde der EU in die Geschichtsbücher eingehen.