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Montag, 19.02.2024 - Jahrgang 16 - www.daz-augsburg.de

Meinung

Kommentar: Es gibt keine unpolitische Haltung zu Brecht

Das Staatstheater Augsburg bringt in der nächsten Spielzeit „Mutter Courage und ihre Kinder“ auf die Bühne. Eine Programminformation, die kulturpolitische Schlussfolgerungen zulässt

Kommentar von Siegfried Zagler

Bert Brecht in Augsburg/Bleich – Foto: Staatsbibliothek Augsburg

Der Sachverhalt, dass das Staatstheater Augsburg zum von der Stadt gefeierten 125-jährigen Brecht-Jubiläum kein Brecht-Stück zeigt, hat in der Stadt Augsburg für Irritationen gesorgt. Staatstheater-Intendant André Bücker verwies in diesem Zusammenhang kürzlich darauf, dass man ja ein Brechtstück in der kommenden Spielzeit zeigen werde. Um welches es sich dabei handeln wird, wollte Bücker nicht sagen. Eine taktische Informationspolitik, die damit zu tun hat, dass das Augsburger Staatstheater sein gesamtes Programm gerne in einer Art Vorstellungsshow präsentiert. Wenn man aber wissen will, welches Brechtstück wo und von wem inszeniert wird, genügt in der Regel ein Anruf bei den Rechteinhabern.

Ein „Staatsgeheimnis“ aus einem zukünftigen Spielplan zu machen, ist ohnehin nicht mehr zeitgemäß, auch wenn die Geheimniskrämerei meistens funktioniert, da der Informationsdruck bezüglich der Theaterspielpläne in der Regel nicht besonders hoch ist.

In diesem Fall ist das jedoch anders, was damit zu tun hat, dass die schwache künstlerische Teilhabe des Staatstheaters im Zusammenhang mit dem Brechtjubiläum zu einem Politikum geworden ist. Mit ein paar kleinen Veranstaltungen in Kriegshaber und einem „Frag-Brecht-Bot“ auf der Homepage arbeiten Bücker und Co. das Brechtjahr quasi im Vorbeigehen ab. Als es im Augsburger Stadttheater zu Vottelers Zeiten eine ähnliche Situation gab, reagierte die Stadt mit einem kulturpolitischen Statement.

Es wurden Verträge zwischen Festivalleitung und dem Stadttheater geschlossen – und dem Stadttheater sogar städtische Sondermittel zur Verfügung gestellt, die nur für Beiträge zum Brechtfestival verwendet werden durften. Der Hintergrund dafür war die Unlust der damaligen Intendantin Juliane Votteler, Brechtfestivalleiter Joachim Lang „ihr“ Theater zur Verfügung zu stellen. Lang wollte ins Große Haus und perlte mit seinem Ansinnen bei der Intendantin ab.

Heute legt wohl Brechtfestivalleiter Julian Warner mit seiner Konzeption eher wenig Wert auf den „Spielort Staatstheater“, weshalb eher er und die Stadt in der Kritik stehen sollten, als Intendant André Bücker, der weder von Warner noch seitens der Stadt (also von Kulturreferent Jürgen Enninger) diesbezüglich öffentlichen Druck erhielt. Kein nennenswerter Beitrag des Staatstheaters zum Veranstaltungsreigen der Stadt zum 125-jährigen Geburtstag von Brecht, aber dafür das Brechtstück schlechthin im Jahr darauf. Das ist schwer hinzunehmen und ein offensichtlicher Verweis auf die kulturpolitische Schwäche der städtischen Theaterpolitik. Auch ein Staatstheater ist keine weit entfernte Insel.

Es lassen sich zwei Schlussfolgerungen ziehen: Entweder Intendant Bücker und die Stadt Augsburg haben eine rechtzeitige Planung zum Jubiläumsjahr verschlafen, oder Bücker zeigt die gleiche Haltung wie seinerzeit Votteler und lässt somit die Stadtgesellschaft ahnen, dass ihm das Jubiläumsgedöns zu Brecht am verlängerten Rücken vorbei geht. Letzteres ist wahrscheinlicher. Kulturreferent Enninger steht deshalb in der Pflicht, eine städtische Theaterpolitik zu Bertolt Brecht zu gestalten. Der aktuellen Stadtregierung darf man vorwerfen, dass sie eher als Verwaltung, denn als politische Gestaltungseinheit agiert. In Sachen Brecht fällt das besonders negativ auf. Zu Brecht lässt sich keine unpolitische Haltung einnehmen.