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Dienstag, 07.06.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Interview

Interview mit Ingo Blechschmidt: „Für Kompromisse fehlt uns die Zeit“

Ingo Blechschmidt ist promovierter Mathematiker und Sprecher des Augsburger Klimacamps. Er kennt alle Wissenschaftsprognosen bezüglich des Weltklimas. Würden sich alle Nationen an das Pariser Abkommen halten, bestünde eine Chance, die Erderwärmung bei 1,5 Grad zu belassen. Sollte das nicht der Fall sein, droht der Erdbevölkerung eine Krise mit biblischen Dimensionen. Das ist der dramatische Sachverhalt, der Klimaaktivisten antreibt. „Think globally, act lokally“ lautet das Motto des Augsburger Klimacamps, das Ingo Blechschmidt mitbegründet hat. Gegen Augsburgs CSU-Oberbürgermeisterin reitet Blechschmidt im DAZ-Interview eine spitze Lanze: „Eva Weber nimmt das Klimacamp persönlich“ und verkenne dabei, dass es zum System gehöre, „da ihr eigener Systemblick einen eingeschränkten Blickwinkel hat“.

Dr. Ingo Blechschmidt Foto © DAZ

DAZ: Herr Blechschmidt, Sie kennen die Stadtratsdebatte zum Antrag von Bruno Marcon?

Blechschmidt: Ja, wir verfolgen immer wenn es unsere sonstigen Verpflichtungen zulassen die Ausschuss- und Stadtratssitzungen, schreiben mit und veröffentlichen unsere Protokolle auf unserer Website klimacamp.eu. Wir helfen so der Stadt in Sachen Transparenzarbeit. Aufzeichnungen der Sitzungen gibt es ja anders als in München keine und die stadteigenen Protokolle bleiben hinter Verschluss.

DAZ: Sagen wir: Sie sind schwer zugänglich. Von welchem Antrag wird das Klimacamp besser mitgenommen? Von Marcons Antrag oder dem Koalitionsantrag?

Blechschmidt: Brunos Marcons Antrag. Er betont ganz deutlich, dass der Stadt durch ihre von vornherein zum Scheitern verurteilten Experimente zur rechtswidrigen Auflösung des Klimacamps ein Imageschaden entstanden ist und Augsburg immer noch weit davon entfernt ist, einen Pfad hin zu Klimagerechtigkeit einzuschlagen. Noch steigt etwa immer noch die Anzahl Autos – kein Wunder, wenn die Tram- und Buspreise demnächst sogar wieder erhöht werden sollen. Ihren juristischen Eifer hätte die Stadt lieber in die Zulassung von bürgergenossenschaftlichen Windkraftanlagen oder von einfachen Solarbalkonkraftwerken bei Wohnungen der städtischen WBG investieren sollen.

DAZ: Wie bewerten Sie das Verhältnis zwischen den Augsburger Grünen und dem Klimacamp?

Blechschmidt: Die Augsburger Grünen haben es mit ihrem Koalitionspartner wahrlich nicht leicht. Was manche CSU-Stadträt*innen in Bezug auf die Klimakrise in den öffentlichen Stadtratssitzungen von sich geben, macht einen fassungslos. Erst ein genauerer Blick offenbart einige positive Ausnahmen, die innerhalb der CSU mehr Gewicht bekommen sollten. Trotzdem erwarten wir deutlich mehr von der grünen Stadtratsfraktion, wenn sie unser parlamentarischer (stadträterischer) Arm sein soll. Sie lässt sich viel zu sehr von der CSU zur Passivität und Verwaltung des status quo antreiben – oder besser gesagt: ausbremsen.

DAZ: Und dafür fehlt Ihnen die Geduld?

Blechschmidt: Das ist keine Frage der Geduld. Das können wir uns in Zeiten der Klimakrise nicht leisten! Es ist gut, dass der Augsburger Stadtverband sowie die bayerischen Grünen mehr von der grünen Stadtratsfraktion in Augsburg einfordern.

DAZ: Das Verhältnis Klimacamp zur Oberbürgermeisterin Eva Weber ist angespannt. Woran liegt es genau?

Blechschmidt: Eva Weber nimmt das Klimacamp persönlich. Das wurde zuletzt deutlich, als sie sich bei der Verleihung unseres Zukunftspreises die Aufgabe gemacht hatte, statt die Laudatio zu sprechen, uns die Leviten zu lesen. Was sie in ihrer Rede vermittelte: „Ich, ich, ich“, 24 Mal „Ich“. Das war sicher keine Laudatio im etablierten Sinn dieses Worts. Frau Weber hat ein besonderes Demokratieverständnis, akzeptiert das demokratische Mittel der Versammlung nicht als demokratiezugehörig und verkennt unsere Gremien- und Transparenzarbeit. Sie sieht das Klimacamp als „außerhalb des Systems“, da ihr eigener Systemblick einen eingeschränkten Blickwinkel hat.

DAZ: Sie wissen, dass man das Klima mit Augsburger Maßnahmen zum Klimaschutz nicht retten kann? Selbst wenn die Stadt nun alle ihre Forderungen erfüllen sollte, würde das für die Rettung des Weltklimas keine Rolle spielen.

Blechschmidt: Über Jahrzehnte betrachtete Augsburg die Atmosphäre als private CO2-Müllhalde – und tut es noch, nicht zuletzt, da die Stadt und ihre Beteiligungen immer noch toxische Investitionen in die fossile Energiewirtschaft tätigt. Die Stadtregierung trägt daher Verantwortung. Auf andere zu deuten, führt nur zu Verantwortungsdiffusion und führt dazu, dass am Ende gar nichts gemacht wird.

DAZ: Gar nichts?

Blechschmidt: So kommt es mir zuweilen vor. Die Maßnahmen für Klimagerechtigkeit hätten ja zudem allesamt einen zusätzlichen Effekt: Die Stadtgesellschaft würde profitieren. Die Maßnahmen verbessern die Lebensqualität in Augsburg. Weniger Lärm, mehr Raum für Menschen, bessere Luft, höhere Aufenthaltsqualität, kühlere Innenstadt, ein sicherer und besser fließender Verkehr. Ganz praktische Errungenschaften, die sobald sie Wirklichkeit werden, von niemandem mehr rückgängig gemacht werden wollen.

DAZ: Da wäre ich mir nicht sicher!

Blechschmidt: Kennen Sie jemanden, der für eine Verkleinerung der Fußgängerzone ist? Anders als die Stadt, die erst wieder mit ihrer „Klimawette“-PR-Kampagne Privatpersonen zur CO2-Einsparung aufforderte, ohne dafür geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, wälzen wir unsere Verantwortung nicht ab. Wir leben in Augsburg, gehen hier zur Schule oder in die Ausbildung oder sind hier berufstätig. Daher wirken wir auf Augsburgs Stadtregierung ein. Nebenbei helfen wir beim Schutz rodungsbedrohter Wälder in der Umgebung und inspirieren Menschen in anderen Städten ebenfalls Druck zu machen. Das Augsburger Klimacamp zog ja deutschlandweit viele Dutzend Camps nach sich.

DAZ: Nochmal und ganz kurz: Was muss die Stadt tun, damit Sie die Zelte abbrechen?

Blechschmidt: Wir bräuchten nur die Gewissheit, dass die Stadt die Schwere der Klimakrise versteht. Solange selbst Laien offensichtliches und leicht umsetzbares Verbesserungspotenzial entdecken können oder die Oberbürgermeisterin aus irgendwelchen Fernsehreportagen „wir hätten noch Zeit“ zitiert, wäre es von uns verantwortungslos, zu gehen.

DAZ: Sorry, aber das ist mir zu psychologisch, geht es konkreter?

Blechschmidt: Um uns angesichts der andauernden, auch rein kommunikativen Enttäuschungen diese Gewissheit zu vermitteln, müsste die Stadt sehr bald einen konkreten Umsetzungsplan vorlegen, der finanziert, mit einem belastbaren Zeitplan versehen und gleichzeitig ambitioniert genug ist, um einen echten Unterschied zu machen, Augsburg auf einen Pfad hin zu Klimagerechtigkeit zu bringen.

DAZ: Hat die Stadt doch angekündigt!

Blechschmidt: An diesem Plan wird sich die Stadt von uns messen lassen müssen. Wir werden dann die Umsetzung von außen kritisch begleiten und bei großen Abweichungen ein neues Camp errichten. Wo Rahmenbedingungen von Land und Bund es Augsburg schwer machen, muss die Stadt sowohl intensive Arbeit hinter den Kulissen in den Parteien – vor allem einer – als auch und ganz besonders öffentlichen Druck machen. Weniger Greenwashing-Kampagnen, mehr Protest vor dem Landtag. Weniger toxische Investitionen in die fossile Energiewirtschaft, mehr Sondervermögen für Klimagerechtigkeit. Dabei ist es in Ordnung, wenn die Stadt im ersten Anlauf bei der Regierung von Schwaben oder dem Landtag scheitert, solange sie dies öffentlich macht und so Druck auf diese Gremien ausübt.

DAZ: Das ist zu viel verlangt. Das wird die Stadt wohl nicht tun.

Blechschmidt: Für Kompromisse fehlt uns die Zeit.

DAZ: Herr Blechschmidt, vielen Dank für das Gespräch. ———————- Fragen: Siegfried Zagler