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Donnerstag, 29.02.2024 - Jahrgang 16 - www.daz-augsburg.de

Kunst und Welt

Im Dickicht der Erinnerung – Boris Eldagsen und Tanvir Taolad im Höhmannhaus

Wer sie verpasst hat, sollte im Netz nach weiteren Ausstellungen von Eldagsen/Taolad suchen, denn ihr Projekt „Trauma-Porn“ ist noch lange nicht zu Ende.

Von Siegfried Zagler

Elsen, Bopp, Eldagsen © DAZ

Das Vergessene ist nicht verdrängt, es ist einfach nur vergessen. Die Erfindung des Unbewussten ist nichts weiter als eine freud´sche Schimäre. Wenn wir uns aber doch an scheinbar Vergessenes erinnern, dann hat das mit Fehlleistungen zu tun, mit der launischen Natur des menschlichen Gehirns. Vergessen ist die größere Kunst als diejenige der Erinnerung, die „nur“ nützlich ist, wenn es um Anwendung des Gelernten geht, um wissenschaftliche Prognosen und Orientierung.

Stimmt das? Oder ist die Erinnerung ein Schatten, der uns ständig begleitet? Sind wir das, woran wir uns erinnern? Oder sind wir das, woran wir uns nicht erinnern?

Bestimmte Phasen der eigenen Biografie, die der Eltern und Großeltern als etwas Vergangenes, aber nicht als etwas historisch Abgeschlossenes abzulegen, sondern zu archivieren, im Gedächtnis zu ordnen, um es bei bei Bedarf in eine Erzählung der Erinnerung zu bringen, gehört zu den großen Errungenschaften der Menschheit. Die Organisation des Erinnerns und somit auch des Vergessens ist ein bedeutsamer Faktor der Individualität. Ist eine Notwendigkeit des Kunstschaffens, die in den vergangenen vier Tagen im Augsburger Höhmannhaus ein atemberaubendes Zeugnis ablegte.

Es handelte sich um bearbeitete Fotokunst, die mit unausweichlicher Wucht und temporärer Dichte in nur vier Tagen eine Spur anbot, die zu einer Reise in die dunkelsten Kammern der Erinnerung führte. Die Rede ist von den Installationen der Fotokünstler Boris Eldagsen und Tanvir Taolad, die mit „Trauma Porn“ Plattformen für Reisewillige ins Innere der Dunkelheit erstellen, eine Reise, die viel abverlangt von den Passagieren, die sich von der Rolle des distanzierten Betrachters lösen, wenn sie sich ihren Erinnerungen stellen, die sie anspringt, sie eruptiv unmittelbar anspringt wie ein pornografisches Bild oder zum Beispiel die idealisierten NS-Frauen von Leni Riefenstahl, die eine Schweinshaxe hochhalten, die einem SS-Stahlhelm ähnelt. Zu sehen war diese Installation gerade mal vier Tage im Höhmannhaus. Angefragt hatte das Künstler-Duo Augsburgs höchster Angestellter in Sachen Zeitgenössische Kunst: Dr. Thomas Elsen.

Viertägiges Kongresszentrum für das Ungeheuerliche: Das Höhmannhaus © DAZ

Die künstlerische Konferenz zu Krieg, Trauma und KI, die am gestrigen Sonntag in Augsburg zu Ende ging, zeigte monströs und reißerisch, banal und komplex zugleich großformatige Fotowände und kleinformatige bearbeitete Reproduktionen sowie gerahmte Originalabzüge aus den dreißiger und vierziger Jahren des Nationalsozialismus. Für Boris Eldagsen und Tanvir Taolad sind diese Abzüge Material zur Bearbeitung mit Künstlicher Intelligenz und chemischen Prozessen, der Zerstörung der Fotooberfläche mit Säurebädern. Zu sehen sind Szenen des Alltags im Nationalsozialismus und des Krieges in den ersten beiden Ausstellungskapiteln, dem Vorkrieg und Krieg.

„Im dritten Teil, dem Nachkrieg, wenden sich die Fotos zum Teil zur Wand, man sieht nur noch ihre Rückseiten. Sie stehen für die Traumata, für Verlust und Verdrängung, für das Schweigen und Verschweigen, das wir alle aus den Nachkriegsjahren – und manchmal bis heute – kennen“, so Dr. Petra Bopp in ihrer Einführungsrede.

Die beiden Künstler erstellen Referenzräume für das „Ungewusste“, für verborgene Traumata und der pornografischen Lust der ungefilterten Vermittlung. „Durch die intergenerationelle Weitergabe der Kriegserlebnisse aus dem Zweiten Weltkrieg bei Boris und der Einflüsse des Krieges 1971 in Bangladesh auf Tanvir suchten beide Fotografen einen visuellen Ausdruck der inneren Bilder und Vorstellungen.“ (Petra Bopp). Wer sich darauf einlassen kann, muss arbeiten, muss in die Knie gehen, um ein kleinformatiges Piktogramm zu studieren, muss das Gespräch suchen – Eldagsen war fast immer anwesend, muss sich an die Biografien und Fotoalben der Eltern und Großeltern herantasten.

Das Höhmannhaus, das an allen Tagen durchweg gut besucht war, war kurzzeitig eine Art Kongresszentrum für das Ungeheuerliche, für das psychisch Kranke und die Darstellung dazu. Eldagsen/Taolad stellen die Rezeption ihrer Kunst auf die gleiche Höhe, die der Künstler einnimmt. Zwischen Kunst und Betrachter steht hier die Aufforderung zu einem Aufbruch ins Unerkannte. Durch Betrachtung der Foto-Objekte wird der Betrachter zum Co.-Künstler, zum Beteiligten eines Prozesses, dem man gerne aus dem Weg gehen würde.