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DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Historisches Bürgerfest: Wenn die Verödung der Welt keine Schmerzen mehr bereitet

Wenn man mit dem Rad den verödeten Park beim Roten Tor entlang fährt, kann man es kaum fassen und hofft, dass es sich um eine optische Täuschung handelt. Doch es ist keine Täuschung: Die Stadt Augsburg gibt ihre Parkanlagen preis!

Kommentar von Siegfried Zagler

Temporäre Vernichtung eines Parks

Temporäre Vernichtung eines Parks


Mystische Feste, wie zum Beispiel Ostern, Karneval oder Weinachten sind in die kulturelle DNA einer Gesellschaft eingewebt und gehören zu den wenigen Zivilisationsmerkmalen, die weit über nationale Grenzen hinausreichen. Weniger universal sind dagegen kollektive Identitätskonstruktionen, die sich aus lokalen Besonderheiten herausgebildet haben und engere Relevanzklammern bilden – wie zum Beispiel in Augsburg das Turamichelefest, das Hohe Friedensfest oder der Plärrer.

Nimmt man die Unterhaltungsshows des Augsburger Stadttheaters auf der Freilichtbühne dazu, haben sich innerhalb einer kurzen Zeitspanne in Augsburg eine Reihe von nicht-historischen Festivitäten gebildet, die mit einem kulturell eher niederschwelligen Angebot die Augsburger Innenstadt zu einer Art Eventzone definieren. Allen voran die Sommernächte, das Modularfestival, La Strada, die lange Nacht des was auch immer, das Ulrichsfest, das Bismarckfest und nicht zuletzt der sogenannte „Taubenschlag“, ein Nebenprogramm des Kulturprogramms zum Hohen Friedensfest. Und drei Tage in der Woche feiert nächtens im Augsburger Sommer zuverlässig der Alkohol- und Partymob auf der Maximilianstraße vor sich hin.

Alle oben angeführten Veranstaltungen wurden und werden von den Vertretern der Stadt wohlwollend bewertet und auch mit weitschweifigen Grußworten unterstützt. Auch wenn es sich um kulturelle Manifestationen handelt, die einer geschichtsbewussten Tradition und einer urbanen Aura der Stadt zuwiderlaufen, soll an dieser Stelle festgehalten werden, dass bezüglich dieser jüngeren Festivitäten ein langer und intensiver politischer Prozess vorausging. Man kann sich über die Feste wundern, ärgern und man kann sie aufs Horn nehmen, aber bei Tagesanbruch kommt der städtische Reinigungsdienst und die Müllabfuhr und beseitigt die Spuren des Klimbims und die Stadt wird wieder zur Stadt.

Anders verhält es sich beim sogenannten „Historischen Bürgerfest“ in der Parkanlage am Roten Tor. Dort campiert im zweijährigen Turnus in den ersten beiden Augustwochen ein historisches Disneyland mit Pferden und Feuershows. Der Park am Roten Tor wird zwei Wochen zugesperrt und bleibt für den Rest des Sommers unbetretbar.

Die beiden Fragen, die angesichts dieser beispiellosen temporären Vernichtung eines urbanen Erholungsraumes zu stellen sind, sind Fragen, die ein tiefes Luftholen und somit einen langen Atem verlangen: Wer hat das zu verantworten? Wer kann dafür politisch zur Verantwortung gezogen werden?

Wenn eine Stadt es billigend in Kauf nimmt, dass ein öffentlicher Park im Herzen der Stadt über Monate hinweg von ihren Bürgern nicht mehr zu betreten ist, damit sich dort für zwei Wochen ein pseudohistorischer Klamauk breitmachen kann, dann scheint in dieser Stadt der kulturelle und politische Niedergang bereits so weit fortgeschritten, dass selbst die Verödung der Welt keine Schmerzen mehr bereitet.



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