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Freitag, 17.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Happy Birthday, Joan Baez

Joan Baez, die Folksängerin und Ikone der amerikanischen Gegenkultur, wurde gestern 80 Jahre alt.

Von Udo Legner 

Die Chancen, dass sich die Dinge zum Besseren wenden, werden ohne die Stimme von Joan Baez nicht größer – Foto © Hanne Klein

Seit dem Beginn der 60er Jahre engagiert sich die Friedensaktivistin für eine bessere Welt und prangert in ihren politischen Liedern soziale Ungerechtigkeit und Rassendiskrimierung an. Joan Baez, die Stimme und das Gewissen der Sechziger Jahre, verdankte ihre Politisierung – so die gängigen Biographien – der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und ihrer Begegnung mit den Barden der sogenannten Fingerpointing Songs, Pete Seeger, Phil Ochs, Tom Paxton und Bob Dylan.

Schlüsselerlebnisse: Tagebuch der Anne Frank und Pete Seeger Konzert

Die Wurzeln von Joan Baez Welteinstellung dürften freilich noch tiefer gehen. Die Lektüre von Anne Franks Tagebuch im Alter von 10 und der Besuch eines Pete Seegers im Alter von 13 Jahren waren Schlüsselerlebnisse, die für die spätere Friedensaktivistin und Folksängerin wohl nicht weniger prägend waren wie so manche Kindheitserlebnisse im Kalten Krieg – so weigerte sich Joan Baez etwa, bei einer Atomkriegs-Übung ihrer Schule teilzunehmen.

Der Umzug ihrer Familie nach Boston, einem Zentrum der Folk-Revival-Szene, im Jahre 1958 war ein weiterer früher Meilenstein in der Karriere von Joan Baez. Ihr Schauspiel-Studium betrieb sie eher halbherzig. Wichtiger waren ihr erste Auftritte, wie im “Club 47“ in Cambridge, für den das Honorar 10 Dollar betrug. Die geradezu euphorischen Schlagzeilen und Kritiken, die die „musikalische Madonna“ für ihren Auftritt beim 1. Newport Folk Festival 1959 in Rhode Island erhielt – Bob Gibson hatte die Achtzehnjährige als unangemeldeten Überraschungsgast auf die Bühne geholt, wo sie zwei Duette (Virgin Mary Had One Son, We Are Crossing the Jordan River) zum Besten gaben – machten sie über Nacht zum gefeierten Folkstar.

Gleich im folgenden Jahr erschien ihr erstes Solo-Album, Joan Baez, auf dem ausschliesslich Traditionals zu hören sind – u. a. Mary Hamilton, House of the Rising Son und Donna, Donna. Bereits das Nachfolgealbum Joan Baez Vol. 2 (1961) erhielt in den USA Goldstatus.

Bob Dylan: Weggefährte und Gegenpol

Als in jeder Beziehung nachhaltig sollte sich für Joan Baez ihre Begegnung mit Bob Dylan erweisen, den es bekanntlich 1961 nach New York City verschlagen hatte. Joan Baez traf ihn auf ihrer ersten USA-Tournee, als er im Vorprogramm von John Lee Hooker auftrat. Begeistert von der Wortgewalt seiner Lyrics, begann sie, Bob Dylans frühe Songs (u. a. Farewell Angelina, Death of Emmet Till, Blowing in the Wind) zu interpretieren und verhalf dem noch unbekannten Nobody aus dem mittleren Westen als Überraschungsgast ihrer Konzerte zu einem breiteren Publikum.

Durch ihre Teilnahme beim March on Washington im August 1963, bei dem Martin Luther King seine I-Have-A-Dream-Rede hielt, avancierten der King and the Queen of the American Folk Movement zu den wichtigsten Gallionsfiguren der amerikanischen Counter Culture und der späteren Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg. In ihren Liedern To Bobby (1972) und Diamonds and Rust thematisierte Joan Baez nachträglich ihre Beziehung, aber auch ihre Enttäuschung über ihren damaligen Lebensgefährten (1963 -1965) und dessen Abwendung von der Politik, die bereits Mitte der Sechziger Jahre ihren Anfang nahm.

You left us marching on the road and said how heavy was the load

The years were young, the struggle barely had its start

Do you hear the voices in the night, Bobby?

They’re crying for you See the children in the morning light, Bobby They’re dying

LP-Cover

Im Gegensatz zum späteren Nobelpreisträger – den sie auf seiner Rolling Thunder Konzert Tour (1976/77) erneut begleitete und dessen Lieder bis zu ihrer Abschiedstournee im Jahr 2019 fester Bestandteil ihres Repertoires waren – blieb Joan Baez ihrer politischen Gesinnung stets treu. Wichtige Wegmarken waren der Auftritt mit dem DDR-Dissidenten Wolf Biermann in Ostberlin (1966) und ihr Solidaritätskonzert im Kugelhagel von Sarajevo (1993), das auch Station ihrer Fare Thee Well-Abschiedstournee war.

Dass Joan Baez im August 2020 den Woody Guthrie Prize erhielt, ist der krönende Abschluss ihres langen Streitens und Einsatzes für eine bessere und gerechtere Welt.

The Times They Are A’ Changin’

Wer das Glück hatte, Joan Baez auf einer ihrer 118 Stationen ihrer Fare Thee Well Abschiedstournee zu erleben (Ihr letztes Konzert in Deutschland ging im Barockgarten im Festspielhaus in Füssen über die Bühne; das Konzert im Pariser Olympia ist als arte Konzert auf dem YouTube-Kanal zu sehen), wird nicht zuletzt wegen ihrer Statements zur nach wie vor beklagenswerten Situation der schwarzen Minorität in den Vereinigten Saaten und zu den Peinlichkeiten des Präsidenten Trumps im Gedächtnis behalten.

Auch wenn die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft, die in Washington im Sturm radikaler Trump-Anhänger auf das Kapitol gipfelte, Zweifel an Wirkung und Nachhaltigkeit künstlerischen Engagements aufkommen lassen mögen, steht eines doch fest: Die Chancen, dass sich die Dinge zum Besseren wenden, werden ohne die Stimme von Joan Baez nicht größer.