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Sonntag, 14.04.2024 - Jahrgang 16 - www.daz-augsburg.de

Meinung

FCA: Wenn die Vernunft den Verstand überholt

Der FC Augsburg hat offenbar die Absicht, einen Trainer zu finden, der dem Verein ein Gesicht gibt, der innere Zusammenhänge erkennt und einen Fußball entwickelt, der die Werte des Vereins widerspiegelt und weiter entwickelt. Ob er mit Maaßen diesen Trainer gefunden hat, lässt sich derzeit noch nicht sagen. Man darf skeptisch bleiben, aber möglich wäre es immerhin.

Kommentar von Siegfried Zagler

Immanuel Kant, 1786 – Gemälde von Johann Gottlieb Becker

Wenn man die Geschichte der Philosophie mit der Geschichte des Fußballs vergleichen möchte, dann entspricht Immanuel Kants Wertschätzung und sein Einfluss auf die Geschichte des Denkens in etwa dem Wirken des des großen Johan Cruyff. Der Aufklärer Kant erklärte die Prinzipien der Erkenntnis, Cruyff die unergründlichen Wege des Balls. Bleiben wir bei Kant, der zwischen Verstand und Vernunft zu unterscheiden wusste.

Der Verstand unterscheidet, ordnet ein, erkennt Regeln der äußeren Welt und verwendet sie und würde so die notwendigen dialektische Prozesse  anwerfen. Die Vernunft dagegen untersucht diese Regeln und bewertet sie, überwindet die Grenzen dieser Regeln, sieht das, was darin vorausgesetzt ist. Übersetzt auf die praktische Ebene des Fußballs kann man sagen, dass der Verstand versucht, Ziele zu formulieren, um sie möglichst gut zu erreichen, während die Vernunft versucht, die richtigen Ziele zu erreichen, um das Richtige zu machen. Dafür – man ahnt es schon – muss sich die Vernunft die Ziele des Verstands vorknöpfen.

 

Was das mit dem FCA zu tun hat? Nun, Enno Maaßen versteht heute offenbar besser, welche Ziele er mit seinem Kader nicht erreichen kann – und welche Ziele die richtigen sind, um das Richtige machen zu können. Daraus zog Maaßen Schlussfolgerungen allgemeiner Art. Es geht also beim Bundesligisten FCA nicht mehr darum, was er können sollte, sondern darum, was er kann.

An dieser Stelle ist vor einer Woche das “Experiment Maaßen” als gescheitert bewertet worden. Die Erklärung dafür war einfach gestrickt: zu wenig Punkte, zu wenig konstante Leistungen. Dass man dies in Zusammenhang mit dem Trainer setzt, gehört zum Einmaleins der Bewertung. Schließlich darf man dem sympathischen Enno Maaßen entgegenhalten, dass man als Bundesligatrainer sofort bei 100 Prozent anfangen muss. Dass dies nicht der Fall war, lässt sich an einer Hand abzählen.

Der von Maaßen in der Vorbereitung einstudierte “Ballbesitzfußball” mit einem breit angelegtem Aufbau von hinten heraus hat nicht funktioniert, weil man a) dafür nicht den richtigen Torhüter hat und b) weil alles zu lange dauerte, zu viele Fehler bei der Passgeschwindigkeit und Passgenauigkeit vorkamen und auch kaum Anspiele stattfanden, die die erste Abwehrreihe des Gegners überspielten und mit Tempo verwertbar gewesen wären. Kurzum: Der FCA kam aus dem Spiel heraus viel zu selten gefährlich vor das gegnerische Tor, schlimmer: Er machte es seinen Gegnern einfach, sich auf ihn einzustellen. Bis zum 6. Spieltag hatte der FCA drei Punkte und gerade mal sieben Torchancen zu verbuchen.

Dann geschah ein kleines Transferwunder: Der FCA verlieh den zur Belastung gewordenen Pepi nach Groningen und holte Berisha an den Lech. Eine ganz wichtige Korrektur zu einem historischen Irrtum! Auswärts spielte der FCA von nun an mit einem hohen und intensivem Pressing. Mit Berisha hatte der FCA nach Bobadilla, also nach einer kleinen Ewigkeit, wieder einen Brecher im Team. Dann kam der 6. Spieltag. Mit gleich drei nominellen Stürmern und einem kompletten Systemwechsel setzte Maaßen nun auf ein offensives 4-4-2. Setzte auf lange Bälle auf Berisha, auf schnelle Balleroberung und schnelles Umschalten. Damit war ein Teil der Saisonvorbereitung obsolet geworden.

Aber immerhin: Maaßen hatte die richtige Abstimmung gefunden, er schien seinen Kader besser lesen zu können. Augsburgs Trainer schien von der Vernunft geküsst. Es folgten drei Siege gegen Bremen auswärts, gegen Bayern und auf Schalke. Nach acht Spieltagen standen 12 Punkte auf dem Konto und plötzlich mit einem verbesserten Gikiewicz wieder ein Torwart im Tor, der Spiele nicht verliert, sondern auch gewinnt. Alle, die es mit dem FC Augsburg haben, stellten nach dem 8. Spieltag mit Freude fest, dass man näher an den internationalen Plätzen dran ist, als an den Abstiegsplätzen.

II

Dann folgten Wolfsburg, Köln und Leipzig. Besonders im Heimspiel gegen Leipzig zeigte sich das Augsburger Problem, das sich bis zum 30. Spieltag durchziehen sollte: Nach einer guten Phase, aus der eine Führung resultiert, verändert der FCA sein Spiel, wechselt defensiv, verliert den Faden, die Führung und oft sogar das Spiel. Hinzu kommen völlig unnötige Karten durch Disziplinlosigkeiten, die man auch dem Trainer anlasten muss. Unter Fischer, Streich, Svensson und vermutlich unter vielen anderen Bundesligatrainern hätten sich Gikiewicz und Berisha nicht mit dem Publikum angelegt – und schon gar nicht zweimal. Der FCA führt die Kartenstatistik der Bundesliga haushoch an. Könnte man die Karten streichen, die auf unprofessionelles Verhalten zurückzuführen sind, wäre man in dieser peinlichen Statistik nicht “Tabellenführer”. Und man hätte auch nicht in wichtigen Spielen auf wertvolle Kräfte wegen Gelb- oder Rotsperren verzichten müssen.

Das Paradigma-Spiel sollte nun in Stuttgart folgen, wo der FCA am 12. Spieltag sehr früh in Führung ging, diese bis zur Halbzeit behauptete und in der zweiten Halbzeit nichts anderes tat, als wild zu verteidigen – um kurz vor Schluss zu verlieren. Rexhbecaj und Gruezo erhielten jeweils ihre fünfte Gelbe (nach 12 Spieltagen!), weshalb Maaßen im Heimspiel gegen Frankfurt auf beide Sechser verzichten musste.

III

Nun befand man sich in vertrauten Gefilden wieder. Man musste in der Tabelle wieder nach unten rechnen. Gegen Frankfurt wieder das gleiche Muster: Nach einer schnellen Führung und einer guten ersten Halbzeit verliert der FCA in der zweiten Halbzeit erneut den Faden und die Partie. Sind die Augsburger konditionsstark genug, um ihre aufwendige Vorwärtsverteidigung konsequent durchzuhalten? Maaßen beantwortete diese Frage auf der PK nach dem Spiel mit “Ja, natürlich – die Jungs sind fit!” Was hätte er auch sonst sagen sollen?

Bei den Eisernen in Köpenick wieder das gleiche Bild: Der FCA hält eine Halbzeit grandios mit und geht mit einem 2:2 in die Pause, um in den zweiten 45 Minuten nur noch zu verteidigen. Doch dieses Mal hatte Augsburg Glück: Mit einem schmeichelhaften 2:2 gelingt dem FCA immerhin ein Punktgewinn. Am 15. Spieltag folgte das Katastrophenspiel gegen Bochum, das in Augsburg seinen ersten Auswärtssieg feiert. Mit sieben sieglosen Spielen in Folge befanden sich die Augsburger nun nur noch zwei Punkte vom ersten Abstiegsplatz entfernt. Dann folgte die lange WM-Pause.

IV

Enrico Maaßen © DAZ

Enrico Maaßen konnte nach der WM fünf Neue begrüßen und ließ mit Beljo und Engels zwei davon von Beginn an spielen. Cardona, Colina und Yeboah fanden sich ebenso auf der Bank wieder wie erstmals in dieser Saison der verletzungsgeplagte Dorsch. Und der FCA spielte grandios auf, als hätte er sich neu erfunden – verlor aber unglücklich. Dann kamen vier Heimsiege in Folge, während man alle Auswärtspartien nach einem Heimsieg verlor. Mal stark, mal schwach, aber immerhin schien sich der FCA zu Beginn der Rückrunde mit 12 Punkten aus acht Partien in die halbwegs gesicherte Zone verfrachtet zu haben. Außerdem hatte sich die Mannschaft durch die Neuzugänge auch im spielerischen Bereich verbessert. Doch dann folgten wieder sieben Partien ohne Sieg nach dem bekannten Muster: Der FCA schien mit seiner bunt zusammen gewürfelten Mannschaft nach einem Zwischenhoch in ein Loch gefallen zu sein. Eine Ergebniskrise mit einer merkwürdig unambitionierten Spielweise, die alles in Frage stellte, was den FCA ausmacht(e): Wenig ging nach vorne: keine Tiefe, kein Tempo, keine Ideen. Hinten wurde man von Partie zu Partie fahriger und Gikiewicz war wieder ein Torhüter, der nicht wirklich weiterhalf. Von Spieltag zu Spieltag rutschten die Augsburger näher an den Abstiegsabgrund. Maaßens Aufstellungen waren nicht immer verständlich, aber immerhin korrigierte er sich mehrmals selbst, indem er bereits nach 45 Minuten wechselte.

Am gestrigen Samstag durchbrach der FCA diese Negativserie mit einem 1:0-Sieg, zu dem zu sagen wäre, dass das Spiel antizyklisch verlief. Zunächst stellten nämlich die Berliner die bessere Mannschaft, ohne dass diese große Torchancen generieren konnte. Und als der FCA in der 53. Minute aus dem Nichts in Führung ging, drängte er auf das zweite Tor, war er die aktivere Mannschaft und hielt das fast bis zur 80. Minute durch. Ein ganz neues Zuschauergefühl, das vom Publikum mit Begeisterung quittiert wurde. In der Endphase des Spiels wurde der FCA allerdings wieder unsicher, hatte jedoch endlich mit Berisha wieder einen Zentrumsstürmer, den man mit langen Bällen füttern konnte.

“Der Sieg war nicht unverdient” klingt fast ein wenig nüchtern, denn es war der Sieg, den man für den Klassenerhalt unbedingt benötigte. Mit 34 Punkten kann man zwar noch absteigen, aber ein Pünktchen aus den noch zu verbleibenden drei Spielen würde ziemlich sicher für ein weiteres Jahr Bundesliga reichen. Am kommenden Samstag kann nun Enno Maaßen und sein Team zeigen, ob sie Abstiegskampf können. Wer in Bochum in dieser Situation nicht verliert, kann in jeder anderen Hölle bestehen.

V

Wenn man nun Journalisten aus Freiburg, aus Köpenick oder aus Mainz die Frage stellt, was ihre Klubs vom FC Augsburg unterscheidet, dann kommt man schnell auf die Trainer zu sprechen. Die Trainer dieser Klubs seien überragend. Davon ist Maaßen noch weit entfernt, doch auch ein Streich, ein Svensson und schon gar nicht ein Fischer sind vom Himmel gefallen. Es mag ein wenig arrogant klingen, aber es ist sicher nicht falsch, wenn man feststellt, dass man Maaßen beim Lernen zusehen konnte. Bei Schmidt, Herrlich und Weinzierl war das nicht zu sehen, womit wir wieder bei Kant wären: Was können wir erkennen? Und was dürfen wir hoffen?

Dass Maaßen beim FCA nicht als Toptrainer gestartet ist, muss nicht erwähnt werden, dass er in seiner ersten Bundesligasaison nicht als solcher gehandelt wird, überrascht ebenfalls nicht. Hoffen darf man aber, dass er, wie die Ex-Augsburger Tuchel und Nagelsmann, einer wird. Es wäre nämlich zu wünschen, dass der FCA einen Trainer in seinen Reihen hat, dem man auch zuhören kann, wenn die Mannschaft verliert.

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Restprogramm im Abstiegskampf:

FC Augsburg (34 Pkt.): 32. Spieltag, A gegen VfL Bochum 33. Spieltag, H gegen Borussia Dortmund 34. Spieltag, A gegen Mönchengladbach.

TSG Hoffenheim (32 Pkt.): 32. Spieltag, A gegen VfL Wolfsburg 33. Spieltag, H gegen Union Berlin 34. Spieltag, A gegen VfB Stuttgart.

Schalke 04 (30 Pkt.): 32. Spieltag, A gegen Bayern München 33. Spieltag, H gegen Eintracht Frankfurt 34. Spieltag, A gegen RB Leipzig.

VfB Stuttgart (28 Pkt.): 32. Spieltag, H gegen Bayer Leverkusen 33. Spieltag, A gegen Mainz 05 34. Spieltag, H gegen TSG Hoffenheim.

VfL Bochum (28 Pkt.): 32. Spieltag, H gegen FC Augsburg 33. Spieltag, A gegen Hertha BSC 34. Spieltag, H gegen Bayer Leverkusen.

Hertha BSC (25 Pkt.): 32. Spieltag, A gegen 1. FC Köln 33. Spieltag, H gegen VfL Bochum 34. Spieltag, A gegen VfL Wolfsburg.