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Donnerstag, 29.02.2024 - Jahrgang 16 - www.daz-augsburg.de

Bundesliga

FCA in Bremen: Hält die Serie?

Die durchschlagenden Zahlen der FC Augsburg 1907 GmbH & Co. KGaA der vergangenen Woche waren nicht die Leistungsdaten der Bundesligamannschaft, sondern die Bilanzsummen des vergangenen Geschäftsjahres 2022/23

8,826 Millionen Euro Defizit (nach Steuer)“erwirtschaftete“ das Unternehmen FCA. 90,543 Millionen Erträge stehen 99,447 Millionen Euro Aufwendungen entgegen. Geschäftsführer Michael Ströll hatte dennoch keine Schwierigkeiten, den 740 Anwesenden auf der Jahreshauptversammlung den Sachverhalt näher zu bringen, weshalb der FCA trotz des dicken Fehlbetrages ein kerngesundes Unternehmen sei.

50 Millionen Euro auf dem Festgeldkonto und ein fast abbezahltes Stadion sowie diverse Grundstückwerte stünden ebenfalls auf der Habenseite. Doch dafür interessierten sich die im neuen Eckerle-Anzug erschienen FCA-Profis kaum. (Regionale Werbe-Kooperation muss nicht immer ansehnlich sein.). Die uniform eingekleideten FCA-Kicker, deren Gehälter den Löwenanteil der Aufwendungen ausmachen, mussten nicht lange so tun, als würden sie sich für die Vereinsmeierei interessieren und durften nach 90 Minuten wieder gehen. Samt Trainer Thorup lief fast die komplette Truppe ein und wurde von den FCA-Mitgliedern frenetisch begrüßt.

Zu bedauern ist demnach nur, dass Jess Thorup, der in seinen bisherigen Pressekonferenzen einen nachdenklichen und zugleich aufgeschlossenen Kommunikationstypus verkörpert hat, nicht das Wort ergreifen durfte, um zu erläutern, wie es am Samstag, den 9. Dezember, also heute, in Bremen weitergeht, mit der Mannschaft der Stunde, die bezüglich der sportlichen Leistungsdaten seit sechs Spieltagen nur vom FC Bayern und Bayer Leverkusen übertroffen wird. Sportlich will der FCA sich nun laut Ströll zu den Top-Ten-Klubs Deutschlands gesellen. Eine ehrgeizige Ansage. Walther Seinsch, der unbescheidene wie cholerische Gründungsvater des Bundesliga-FCA, gab einst die Zielsetzung aus, sich unter den ersten 20 Profiklubs zu etablieren. Im 13. Bundesligajahr in Folge darf man diese falsche Bescheidenheit durchaus korrigieren, obwohl es einen Klub wie den FCA selbstverständlich auch „erwischen“ könnte, wie Ströll anmerkte. Dann wäre eben verstärkt jener Zusammenhalt angesagt, wie er jetzt in der FCA-Familie zu spüren sei, so Ströll, der natürlich auch weiß, dass der FC Augsburg keine ganz so stabile Fanbase hat, wie verschiedene Traditionsvereine, die der FCA in vielen andren Bereichen weit hinter sich gelassen hat.

Drei Siege, drei Unentschieden – unter Jess Thorup ist der FC Augsburg unbesiegt. Diese Serie soll auch im Auswärtsspiel beim SV Werder Bremen (Samstag, 15.30 Uhr) bestehen bleiben, nicht aber mit einem weiteren Unentschieden, sondern mit einem Sieg. Zumal für den FCA Bremen der Klub ist, gegen den die Augsburger ihre beste Bundesligabilanz vorweisen können: In 22 Begegnungen gab es 12 Siege, 8 Niederlagen und zwei Unentschieden. Das Verhältnis der beiden Klubs ist ein gutes, obwohl sich Augsburgs Ex-Keeper Gikiewicz in der vergangenen Saison zu dummen Provokationen gegenüber den Bremern Ultras hinreißen ließ.

Phänomenologe im Trainingsanzug: Jess Thorup © DAZ

Zu den herausragenden Erscheinungen der Bundesligageschichte des FC Augsburg, das darf man jetzt schon sagen, gehört bereits nach wenigen Wochen Jess Thorup, da er einen völlig anderen Kommunikationsanspruch mitgebracht hat. Thorup spricht über Fußball und das Drumherum ohne Phrasen und Sprachschablonen. Und vor allem: Er spricht gerne – trotz gewisser Grammatik- und Wortschatzdefizite, die er nicht umschifft oder entschuldigt, sondern offensiv darlegt, ohne dass es irgendwie defizitär wirkt. Vielleicht wirkt Thorup gar deshalb intellektuell, weil er als weltläufiger Kopenhagener die üblichen Phrasen gar nicht kennt und stets um den richtigen Ausdruck ringt!?

Beim FCA hat man jedenfalls mit Markus Krapf neuerdings einen hoch bezahlten Präsidenten, der fast jedes Mitglied mit Vornamen kennt, und fast alles zu wissen glaubt, während der Cheftrainer – und somit der wichtigste Mann im Klub – eine kluge Phänomenologie des Nichtwissens betreibt. An dem Tag, an dem Jess Thorup bei einer Spielanalyse sagt, dieses oder jenes sei der „Dosenöffner“ gewesen, ist der Thorup-Zauber vorbei. Bis dahin soll aber, so die Hoffnung, noch viel Wasser den Lech hinunter fließen.

Und vielleicht wird Thorup auf der nächsten Pressekonferenz gar von einer Journalistin gefragt, ob er den Herberger-Spruch „Der Ball ist rund“ kennt. Dieser wunderbare Aphorismus steht dafür, dass niemand weiß, wie das nächste Spiel ausgeht. Dieses Bonmot hätte es sogar verdient, wiederbelebt zu werden. Besonders gilt diese Weisheit, wenn die Augsburger im Spiel mitwirken. „Das Spiel ist völlig offen“, ist ebenfalls eine klassische Phrase, die weniger prosaisch daher kommt als der „Runde Ball“, aber eben auch zutrifft.

Längere Serien können zur Belastung werden, da man weiß, dass jede Serie ein Ende hat. So gesehen, dürfte der FCA in Bremen auch unglücklich verlieren, gelänge ihm im darauf folgenden Heimspiel ein glücklicher Sieg gegen Dortmund. Zwei Unentschieden würden die Serie zwar halten, aber eine Niederlage plus ein Sieg würde einen Punkt mehr bringen. Doch dann wären wir bereits bei der nächsten Binsenweisheit: Das wäre zu weit gedacht! Denn schließlich haben wir es in Fußball-Deutschland zusammen mit dem Einmaleins gelernt: Das nächste Spiel ist immer das schwerste.