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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Japan: keine Zonen, keine Streifen und pünktliche Züge

Wer das Glück hat, Freunde zu haben, die es privat oder beruflich ins ferne Ausland verschlagen hat, für den ergibt sich die Wahl des Ferienziels fast von allein. So kam ich nach Usbekistan und Uruguay, nach Nordindien und North Carolina und so kam es in diesen Sommerferien zu meiner Japanreise.

Skizzen aus Japan von Udo Legner

Unterwegs als Analphabet

Selbst wenn dem westlichen Reisenden angesichts zweier Silbenschriften und einer komplexen Zeichenschrift mit Tausenden von kryptischen Zeichen alles Geschriebene verschlossen bleibt, ist er nicht verloren. Inzwischen wird in Japan vieles auf Englisch beschriftet: U-Bahnen, Züge, Bahnhöfe sind fast immer zweisprachig und zudem sind die englischen Ansagen von einer Qualität, von der Ausländer in Deutschland nur träumen können.

Auch in gastronomischer Hinsicht gibt es Hilfestellungen für den westlichen Touristen: Originalgetreue und mit Preis versehene Plastikmodelle am Eingang der Restaurants zeigen detailliert, welche kulinarischen Angebote im Inneren warten und verhindern unliebsame Überraschungen.

Erste Anlaufstation war Tokio, wohin es meinen amerikanischen Freund Ed vor einem Jahr verschlagen hatte. Der erste Eindruck – selbst in der 9 Millionen-Megastadt Tokio ist die Natur nie weit entfernt.

Von der Haustür meiner Freunde – die am Stadtrand von Tokio wohnen – waren die ersten Reisfelder in Jogging-Distanz erreichbar. Lediglich fünf Prozent der Landesfläche sind besiedelt, mehr als die Hälfte Japans besteht aus Wäldern und Gebirgslandschaften und – was bei fast 30.000 Kilometer Küstenlinie nicht verwundert – aus vielen Badestränden.

Bei der ersten Fahrt ins Zentrum eine weitere positive Überraschung: Hier scheint trotz oder wegen der immensen Menschenmengen alles zu funktionieren! Sensationell einfach ist etwa die Nutzung des städtischen Bus-, U-Bahn- und Zugnetzwerks. Keine Zonen, keine Streifen, alles geht kinderleicht! Mit einer aufladbaren Chipkarte kann man sämtliche Verkehrsmittel nutzen – beim Ausstieg bzw. an den Ausgängen wird per Scanner automatisch der richtige Betrag für die gefahrene Strecke abgebucht.

Unser erster Besuch galt dem Tokyo National Museum, dem ältesten und größten Museum Japans. Dort fanden wir nach längerem Suchen die Grafiken von Sesshū Tōyō (jap. 雪舟 等楊). Dieser Künstler schuf Ende des 15. Jahrhunderts mit seinen tiefen, menschenleeren Tuschelandschaften eine ganz eigene Form der Malerei, indem er chinesische Traditionen weiterentwickelte. Starke Kontraste sowie sparsame und expressive Pinselstriche charakterisieren seine Werke, die als Vorläufer des europäischen Impressionismus gelten.

Über drei Jahrhunderte mussten vergehen, bis ähnliche Meisterwerke in Sachen Reduktion und Abstraktion in der Malerei von William Turner und bei den französischen Impressionisten wieder zu finden waren. – Dass uns die Japaner in vielerlei Hinsicht um Lichtjahre voraus sind – dieser Eindruck verfestigte sich auf unserer dreiwöchigen Japanreise, die uns von Tokio nach Kyoto, Takayama, Kazawana, Sendai, Hakadote und Otaru führte, bevor es via Tokio wieder nach Hause ging.

Shinkansen – Ein feiner Zug der japanischen Bahn

Mit dem überaus günstigen Japan Rail Pass (3 Wochen kosten 445 Euro), der zum Leidwesen aller Japaner nur von ausländischen Touristen erworben werden kann, kann man das vorbildlich ausgebaute Schnellzugnetz nutzen. Als erstes ist da die unglaubliche Pünktlichkeit und der Komfort der Shinkansen Schnellzüge zu nennen die stets auf die Minute abfuhren – und ankamen. Bekanntlich war Japan das erste Land, das ein Netz für Hochgeschwindigkeitszüge schuf. Der erste Shinkansen hatte seine Jungfernfahrt 1964, anlässlich der Olympischen Spiele in Tokyo. Seit letztem Jahr ist auch Hokkaido an das Schnellbahnnetz angeschlossen.

Die Begeisterung für diese Hochgeschwindigkeitszüge beginnt bereits vor Fahrtantritt. Steht man vor dem Fahrkartenschalter wegen einer Reservierung an, wird man gleich von einer Bediensteten unterstützt, die ein Formular mit gewünschter Abfahrtszeit und den entsprechenden Verbindungen ausfüllt. Am Schalter bekommt man dann prompt die Reservierungsscheine ausgestellt. Auch Reisende ohne Reservierung – nicht alle Shinkansen sind reservierungspflichtig – bekommen auf dem Bahnsteig ihre Plätze zugewiesen, was Stau und Gedränge bei der Platzsuche verhindert. Dass sich das im Shinkansen von Hakodate nach Tokio vergessene Smartphone meiner Freundin andern Tags im Fundbüro der Tokio Station wiederfand, rundet dieses überaus positive Bild von der japanischen Bahn als Dienstleistungs-Paradies ab.

Doch nicht nur an den Bahnhöfen und in Bussen gilt: Wer um Hilfe bittet, wird gar nicht mehr aus den Augen gelassen. Auf der Suche nach unserem Hotel in Takayama begleitete uns ein älterer japanischer Herr eine geschlagene halbe Stunde bis wir dank seiner Hartnäckigkeit endlich fündig wurden!

Von Japan lernen? Das Rätsel hinter der Fassade

So gesehen ist es durchaus verwunderlich, dass sich bei den Rankings zur Lebensqualität das Land Japan selten unter den Top 20 findet. Ob dies an den hohen Lebenshaltungskosten liegt, an der tradierten Frauenrolle oder an der Anfälligkeit für Erdbeben? In japanischen Filmen und Romanen ist viel von Leistungsdruck die Rede, dem bereits Kinder und Jugendliche ausgesetzt sind.

Als Tourist kann man nur ahnen, was sich hinter den Fassaden der Häuser und Gebäude verbirgt, die zugegebenermaßen auch in Großstädten oft sehr hässlich sind. Was man als Japanreisender nicht sieht, ist die Armut. In den drei Wochen, in denen wir dort unterwegs waren, haben wir keinen einzigen Bettler und Obdachlosen zu Gesicht bekommen. Dafür jede Menge Polizisten und Polizeistationen, die einem wohl das Gefühl von Sicherheit geben sollten. Und noch etwas ist uns aufgestoßen: Alles ist irgendwie übermäßig und unnötigerweise eingepackt. Ständig bekommt man Plastiktüten zum Einkauf dazu und oft sind sogar die Flyer, die auf der Straße verteilt werden, noch in Folie verpackt.

Am Essen und am Trinken liegt es bestimmt nicht – allein das berühmte und butterzarte Kobe- oder Hida-Beef, wie es in Takayama und Kyoto aufgetischt wird oder die Fülle der Meeresfrüchte auf Hokkaido machen Japan zu einer kulinarischen Entdeckungsreise ersten Ranges!

Aller schlechten Dinge sind vier – auch beim Bier!

Die bekanntesten japanischen Biersorten sind Asahi Bier, Sapporo Bier und Kirin Lager und müssen sich hinter den deutschen Bieren nicht verstecken! Apropos Bier: Man sollte auf jeden Fall vermeiden mit dem vierten Bier aufzuhören! Dass die Zahl „vier“ Unglück bringt, habe ich dummerweise erst erfahren, als es schon zu spät war.

Zur Erklärung: „Vier“ wird „shi“ ausgesprochen und ist damit phonetisch gleichbedeutend mit dem Wort für Tod. Daher wird die „vier“ im Alltag umgangen, auch Hotelzimmer mit der Nummer vier gibt es oftmals nicht. Hätte ich das gewusst, hätte ich im Biermuseum in Sapporo bestimmt noch ein fünftes Bier bestellt. So kam es, wie es wohl nicht unbedingt kommen musste. Am selben Abend setzte es für mein geliebtes Schalke nach einem fulminanten Auftaktsieg gegen Leipzig eine (un)erklärbare 1:0 Schlappe gegen den Aufsteiger aus Hannover. —– Fotos (c) Udo Legner



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