DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Dienstag, 16.04.2024 - Jahrgang 16 - www.daz-augsburg.de

Ein genialer Stadtbaumeister und Architekt – Über die Ausstellung zu Elias Holl im Augsburger Maximilianmuseum

Die große Augsburger Ausstellung über Leben und Wirken des Stadtbaumeisters Elias Holl legt historische Hintergründe frei, stellt Konzeption und Realisierung der steingewordenen Stadtkörper dar und lässt den Schluss zu, dass Holl nicht nur das Stadtbild geprägt hat, sondern etwas zeitlos Geistiges erschaffen hat, das man heute völlig unpolitisch als “Augsburger Identität” bezeichnen darf.

Von Dr. Helmut Gier

Zweites Mittelgiebelmodell zum neuen Rathaus Foto: Roman Tarasenko

„Unser Rathaus gehört zu den schönsten Bauwerken Deutschlands. Der große Stadtbaumeister Elias Holl hat es von 1615 bis 1620 erbaut.“ Generationen von Schülern sind mit diesem Lobpreis aus dem „Augsburger Heimatbüchlein“ groß geworden. Der Stolz auf die städtebauliche Leistung Holls und sein prachtvolles Rathaus haben ihn zur bedeutendsten Identifikationsfigur der Augsburger Bürgerschaft nach Bischof Ulrich werden lassen, zumal seine Werke bis heute Bild und Gestalt der Stadt prägen. 

Daher ist es nur folgerichtig, dass Elias Holl immer wieder  Ausstellungen gewidmet wurden. Die aktuelle, die seit 17. Juni im Maximilianmuseum gezeigt wird, ist immerhin die vierte nach dem Zweiten Weltkriegs. Hinzu kommt, dass der Stadtwerkmeister natürlich auch in kulturgeschichtlichen Ausstellungen, die die ganze Epoche wie „Welt im Umbruch“ behandeln, eingehend dargestellt wird. Die jetzige Schau über diese herausragende Persönlichkeit übertrifft von ihrer Dimension her alle früheren, erst recht gilt dies für den begleitenden monumentalen, vier Kilo schweren Ausstellungskatalog mit Handbuchqualität, der mit ausführlichen Beschreibungen, einer Fülle von qualitätvollen, meist farbigen Abbildungen, die verschiedensten Aspekte bis in die Gegenwart hinein auslotenden Abhandlungen und einer Reihe von Quelleneditionen aufwartet.

Dabei versuchen Ausstellung und Katalog nicht, alle Aspekte des Hollschen Schaffens und seines Umfelds in aller Breite vorzuführen. Seine Persönlichkeit, sein Lebensweg, seine Aufgaben als Stadtwerkmeister und vor allem seine Tätigkeit im Zusammenhang mit der großangelegten Stadterneuerung und -verschönerung stehen eindeutig im Vordergrund. Ausgangspunkt der Ausstellung ist deshalb eine Handschrift seiner für die Zeit ganz einzigartigen. durch die erzählten Anekdoten sehr populär gewordenen Selbstbiographie in der „Hauschronik“ und das berühmte Kupferstichporträt von Lukas Kilian, das ihn mit dem Zirkel und der Darstellung von Rathaus und Perlachturm als großen Architekten ausweist. Nur größte Bewunderung und Staunen erregen kann die ungeheure Schaffenskraft, die sich in der großen Zahl der von im errichteten Bauwerke ausdrückt, wie er sie in der „Hauschronik“ beschreibt oder in gezeigten Schriftstücken schon früher auflistet.

Foto: Monika Harrer

Lange Zeit wurde in der kunstgeschichtlichen Forschung darüber gestritten, ob Elias Holl ein gebildeter, künstlerisch ambitionierter Architekt, ein erfolgreicher Bauingenieur oder gar nur ein Maurermeister war. Die Ausstellung führt vor Augen, dass er alles in einem war. Die Entdeckung seines Teilnachlasses vor einigen Jahrzehnten in Wolfenbüttel und Braunschweig, wohin er durch Holls Erben verkauft worden war, macht deutlich, dass er durchaus einen breiten Bildungshorizont besessen haben muss und an architekturtheoretischen Fragen interessiert war. Einige Bücher aus seinem Besitz werden nun erstmals in Augsburg gezeigt. Er arbeitete mit bedeutenden Künstlern zusammen, viele Zeichnungen, Skizzen und Dokumente machen aber auch deutlich, dass Holl als Stadtwerkmeister zahlreiche einfachere Arbeiten und technische Bauten realisierte, besonders erwähnt seien in der Stadt, in der das Wassermanagement zum Weltkulturerbe ernannt wurde, nur seine Beschäftigung mit der Wasserversorgung und den an den Bächen gelegenen Mühlen. 

Eingebettet wird der Lebensweg von der Meisterprüfung über seine ersten Arbeiten in die historischen und kulturgeschichtlichen Entwicklungen. 1582 fand der letzte von insgesamt 12 Reichstagen im 16. Jahrhundert in Augsburg statt, zur selben Zeit kam es mit der Gründung des Jesuitenkollegs und dem protestantischen Aufruhr im Zusammenhang mit dem Kalenderstreit zu Spannungen in der gemischtkonfessionellen Stadt. Eine Reihe von Goldschmiedearbeiten und bildlichen Darstellungen zeigen aber, dass es gleichzeitig zu einem großen kulturellen Aufschwung kam. Dies erweckte in der geistigen und sozialen Elite den Anstoß mit einem großangelegten Stadtverschönerungsprogramm wieder an die Zeit als heimliche Hauptstaat des Reichs anzuknüpfen. Dieses Vorhaben begann mit den drei Prachtbrunnen, für die der Münchner Hofbildhauer Hubert Gerhard und der kaiserliche Hofbildhauer Adrian de Vries gewonnen werden konnten.

Im Zentrum der Ausstellung steht der in der Zeit der Vormoderne geradezu einmalige Vorgang, dass ausgehend von diesem Vorhaben der Stadterneuerung ein einzelner Architekt und Baumeister das ganze Stadtbild von den Stadttoren bis zum Zentrum prägen konnte. Dass dies in der Ausstellung so minutiös nachgezeichnet werden kann, beruht auf mehreren Voraussetzungen: Zum einen ermöglichen es große Architekturmodelle und zahlreiche Entwurfszeichnungen die einzelnen Planungsschritte eindrucksvoll vorzuführen, da sie zum Glück zwei große Kriege, den Dreißigjährigen Krieg und den Zweiten Weltkrieg, in denen Augsburg schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde, überlebt haben; zum anderen gibt es zahlreiche bildliche Darstellungen des Äußeren und Inneren dieser Gebäude, da es in Augsburg als der führenden Stadt der graphischen Künste nach dem Dreißigjährigen Krieg genug Zeichner und Kupferstecher gab. Erstaunlich ist es jedenfalls schon, dass selbst vom abgerissenen alten Rathaus, von nicht realisierten Gebäuden und später verworfenen Entwurfsplanungen großformatige Modelle erhalten geblieben sind. Sie fesseln unweigerlich jeden, der nur ein wenig Interesse an eindrucksvollen historischen Bauten hat.

Stadtsilhouette wie in keiner anderen Stadt: Das Rathaus und die Prachtbrunnen © DAZ

Auf dem Höhepunkt seines architektonischen Schaffens arbeitete Holl eng mit dem kaiserlichen Hofmaler Joseph Heintz d. Ä. und dem Münchner Hofmaler Johann Matthias Kager zusammen, von denen Entwürfe für die Fassadengestaltung und andere künstlerische Arbeiten in der Ausstellung zu sehen sind. Kager spielte vor allem für die Innenausstattung des Rathauses eine entscheidende Rolle. Aus einem ausgestellten, vor einigen Jahren entdeckten Brief Kagers an den Jesuitenpater Matthäus Rader, der das Bildprogramm für das Rathaus entwarf, geht nun eindeutig hervor, dass das Rathaus, besonders der Goldene Saal und die vier angrenzenden Räume, die „Fürstenzimmer“, in der Tat für eine Nutzung als Stätte von Reichstagen geplant wurden. Die Anstrengungen der städtischen Elite, wieder verstärkt eine reichsweite wichtige politische und kulturelle Rolle zu spielen, gipfeln in dem monumentalen Rathaus, dem Meisterwerk Elias Holls, das bis heute die Stadtsilhouette wie in keiner anderen Stadt überragt. Zahlreiche Ausstellungsstücke zeigen, welch langer Weg es vom zunächst geplanten Umbau des alten Rathauses bis zur endgültigen Gestaltwerdung des repräsentativen Neubaus war.

Breiteren Raum in der Ausstellung nehmen die erschütternden Vorgänge in den konfessionspolitischen Auseinandersetzungen während der Dreißigjährigen Kriegs ein. Der hochgeehrte, verdienstvolle Stadtbaumeister wurde 1630 entlassen, da er seiner evangelischen Konfession nicht abschwören wollte. Diese Standfestigkeit im Glauben machte Elias Holl erst recht zu einer symbolischen Verkörperung der Höhen und Tiefen der Geschichte seiner Vaterstadt. Nach dem Siegeszug des Schwedenkönigs Gustav II. Adolph wurde er zwar 1632 wieder in sein Amt eingesetzt, er musste sich nun aber ausschließlich mit dem Festungsbau beschäftigen.

1635 war nach der erfolgreichen Belagerung Augsburgs durch die kaiserlichen Truppen auch diese Zeit wieder vorbei und der Tiefpunkt der reichsstädtischen Geschichte erreicht. Die Zeit war nun endgültig vorbei, dass Augsburg im Städtebau und der Architektur anstreben konnte, die anderen bedeutenden Reichsstädte in den Schatten zu stellen und mit der benachbarten Residenzstadt München zu rivalisieren und sie sogar zu übertrumpfen.

Das steingewordene städtebauliche Zeugnis dieser großen Epoche, die nicht von ungefähr auch Holl-Zeit genannt wird, begegnet dem Besucher Augsburgs in der Gegenwart auf Schritt und Tritt, in der Ausstellung im Maximilianmuseum können der Entstehungsprozess, die historischen Hintergründe, die Konzeption und die Realisierung dieses großartigen Stadtkörpers und -bildes nachvollzogen und bewundert werden.