Wendejahre
DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Dienstag, 21.05.2019 - Jahrgang 11 - www.daz-augsburg.de

Die Schwabenstreiche Bob Dylans und des FCA

Der 20. April brachte Augsburg in doppelter Hinsicht in die Schlagzeilen. Das Schwabenderby endete mit einem sensationellen 6:0 Sieg des FCA über den VfB Stuttgart. Nur wenige Stunden später begeisterte Rocklegende und Nobelpreisträger Bob Dylan seine Fans und Followers bei seinem ersten Augsburger Auftritt in der Schwabenhalle.

Von Udo Legner

Watching the River Flow

Nachdem trotz des frühsommerlichen Aprilwetters so einiges Wasser die Wertach und den Lech hinuntergeflossen ist, und im Feuilleton und Lokalteil so ziemlich alles von den Dylan-Experten und Dylanologen gesagt wurde, was es zu Bob Dylan zu sagen gab, ist es höchste Zeit für einen abschließenden Vergleich zwischen dem Schwabenderby-Spektakel und der nicht weniger spektakulären Premiere von Bob Dylan in der Augsburger Schwabenhalle.

Während Sportjournalisten wie Fans ausnahmslos in Superlativen über die Wiederauferstehung des FCA am Ostersamstag schwelgten bzw. über Weinzierls Waterloo an seiner einstigen Wirkungsstätte bereits unkten, noch bevor die Entlassung des VfB-Trainers von der Vereinsführung ex cathedra verkündet wurde, waren die Reaktionen und der Widerhall auf Bob Dylans ersten Auftritt in Augsburg durchaus gespalten.

Dylan-Kenner und die Vertreter der schreibenden Zunft stimmten unisono in Lobeshymnen ein und waren sich darin einig, dass dieses Konzert trotz des kargen Bühnenbilds zu den Glanzlichtern seiner Neverending Tour zählte. Weniger eingefleischte Dylanologen – und insbesondere Newcomer und Novizen bei Dylans Tour – waren mit der Performance des Song- and Danceman freilich weit weniger zufrieden. Ihr Frust fußte vor allem darauf, dass es der Lichtgestalt der Rockgeschichte offensichtlich viel Vergnügen bereitete, ihr eigenes Liedgut derartig destruktiv zu verunstalten, dass es kaum noch erkennbar war.

Ü-55 Publikum für den 77jährigen Song- und Danceman

Einen markanten Unterschied zwischen dem Schwabenderby in der WWK-Arena und dem Dylan-Konzert in der Schwabenhalle gab es auch bei der Zusammensetzung des Publikums. Bei Ticketpreisen in dreistelliger Höhe und angesichts des fast biblischen Alters des Song- and Danceman war es nicht weiter verwunderlich, dass sich fast ausnahmslos ein Ü-55 Publikum in der Schwabenhalle verlustigte, war es doch mit den Dylan-Hits der 60er, 70er und 80er Jahre groß geworden.

Im weiten Rund der Schwabenhalle waren zwar auch einige gemischte Altersgrüppchen auszumachen, aber jugendliche Zuschauer ganz ohne Eltern- oder gar Großelternbegleitung waren Fehlanzeige. Was Youngstern wie Oldies beim Dylan-Konzert vorenthalten blieb (sehr zum Bedauern vieler Local Heroes, wie etwa der Newcomer Band Deadline 54 oder der Frauengruppe Mississippi Isabel), war eine Vorgruppe zur Einstimmung auf den Auftritt des Meisters. Ob diese neue dylaneske Ausschließlichkeit dem Altersstarrsinn des Songwriters geschuldet ist?

Keine Frage: Hier war die kultige Heimspiel-Dramaturgie in der WWK-Arena der des Dylan Gastspiels in der Schwabenhalle weit überlegen. Was natürlich nicht heißen soll, dass sich bei Dylan Konzerten in Zukunft ganze Kinderscharen mit wehenden Fahnen und Schals in den Landesfarben Minnesotas zu den Klängen von „Blowing in The Wind“ auf eine Ehrenrunde begeben sollen.

Bob Dylans Setlist und deren schicksalshafte Auswirkungen auf das Schwabenderby

Da Bob Dylan seine Setlist bei seiner Neverending Tour inzwischen lange im voraus festlegt, war an ihrem prophetischen Einfluss auf den Spielausgang des Schwabenderbys – zum Leidwesen des VfB Stuttgarts – wohl nicht mehr zu rütteln. Spätestens nach dem Auswärtssieg des FCA in Frankfurt war zumindest den Dylanologen klar, wie sich die Wahl des Eröffnungs- und Schlusssongs seiner Setlist auf das Schwabenderby auswirken würde. Denn mit „Things Have Changed“ eröffnete Bob Dylan sein Konzert. Auf „The Times They Are A’ Changin“ warteten die Stuttgarter Fans wie Weinzierl und sein VfB-Team völlig vergeblich. „And the losers now will be later to win“ – wer weiß, ob diese Verszeilen dem Kellerduell nicht noch eine Wendung gegeben hätten, hätte Dylan diese Verszeilen bemüht. So kam es, wie es wohl kommen musste und vom Meister vorherbestimmt war. Spätestens beim 0:4 Spielstand wurde auch den letzten VfB-Anhängern klar, dass die Antwort bei diesem Schicksalsspiel nicht mehr allein der Wind wusste.

Bei der Bahnfahrt zurück in die Schwabenmetropole konnten sich die Stuttgarter Fans wenigstens damit trösten, dass Bob Dylan auch den allerletzten Songs seines Schwabenhallen-Konzerts ganz auf sie gemünzt hatte: „It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry“.



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