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Samstag, 18.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Der FCA und der halbnackte Kaiser

Jochen Löffler gehört zu jenen DAZ-Lesern, die (meistens völlig zurecht) inhaltlich dieses oder jenes bemängeln oder gar hart kritisieren. Löffler und DAZ-Herausgeber Siegfried Zagler kennen und schätzen sich seit mehr als dreißig Jahren, weshalb sich Löffler zuletzt sehr enttäuscht zeigte, dass die DAZ nicht über die unglaublichen Bundesliga-Kindereien bezüglich der Verteilung der Fernsehgelder berichtete. Deshalb griff Jochen Löffler selbst zur Feder. “Geschenkte Perlen” ist ein DAZ-Format für unaufgeforderte Texte mit Qualität.

Warum ein windiges Positions-Papierchen einiger Bundesliga-Hinterbänkler so einen Aufruhr verursachte.

Von Jochen Löffler

Ein Treffen wurde angesetzt, eingeladen (oder einbestellt?) hatte Karl-Heinz Rummenigge im Namen des FC Bayern (weitere angebliche Mit-Initiatoren können wir an der Stelle getrost vernachlässigen), und die Vertreter von 14 Bundesligavereinen kamen am 11.11.2020 nach Frankfurt und diskutierten. 4 Vereine wurden nicht eingeladen, darunter der FC Augsburg. Die Vereine, die nicht eingeladen waren, hatten Anfang November gemeinsam mit einigen Zweitliga–Vereinen ein Positionspapier in die Welt gesetzt, in welchem die bestehende heilige (und ungleiche) Ordnung der Verteilung der Fernsehgelder in der Bundesliga zumindest als diskussionswürdig gesehen wird. “Den Solidarpakt haben nicht wir gebrochen. Die vier Bundesligisten und die zehn Zweitligisten haben uns den Fehdehandschuh hingeworfen”, sagte Karlheinz Rummenigge im Anschluss an die Beratungen der eingeladenen Klubs: “Aber in der Vergangenheit ist ja aus so manchem Saulus noch ein Paulus geworden.”

Die Zeiten verändern sich aber, nicht nur aufgrund von Corona. Was für die einen also die logische Konsequenz zum Anstoß für eine Diskussion über Möglichkeiten zur Veränderung einer Situation darstellt ist für die anderen ein Anlass, mit großem Aufwand die bestehenden Machtverhältnisse zu demonstrieren und Denkzettel zu verteilen. Auf dieser Konferenz wurde, soweit bekannt, nichts beschlossen, keine Planungsgruppen aufgesetzt, keine Folgetreffen initiiert. Daraus lässt sich leicht folgern, dass es nur um ein Ziel ging. Es sollte eine Botschaft gesendet werden an alle, die es hören oder bisher eben nicht hören wollen: es gibt an der Stelle nichts zu diskutieren. Zumindest nicht, solange der FC Bayern es nicht diskutieren möchte. Anders ausgedrückt: wir, der FC Bayern bestimmen die Agenda, die Inhalte und letztlich auch das Ergebnis. Dem liegt ein klar hierarchisch definiertes Selbstverständnis zu Grunde: ‚wir, der FC Bayern bestimmen, wo es in der Bundesliga lang geht. Unser Vorstandsassistent aus Dortmund nickt.‘ Aber, wie heißt es doch: ‚getroffene Hunde bellen‘…

Wie kann es sein, dass ein windiges Positions-Papierchen einiger Bundesliga-Hinterbänkler so einen Aufruhr verursacht? Soweit bekannt kann es am Inhalt nicht liegen. Die Forderung nach der Verstaatlichung der Allianz-Arena kommt nicht vor, ebenso wenig nach einer Neubewertung der erzielten Punkte in Relation zum Vereinsbudget. Auch die Beförderung von Gregor Gysi zum DFB-Vorsitzenden wird nicht gefordert. Nichts dergleichen. Wenn es nun nicht der Inhalt ist: was macht dieses Papierchen so gefährlich, dass eine derartige Machtdemonstration mit anschließender Zurechtweisung statt zu finden hat? Und was hat Karl-Heinz Rummenigge in der Hand, dieses Bestrafungsritual zu initiieren und die anderen dazu zu bringen, mit zu machen? 

Werfen wir einen Blick auf die Botschaft von Herrn Rummenigge. Diese besteht aus zwei Teilen: 1. Die Rahmenbedingungen des derzeitigen Geschäftsmodells werden nicht in Frage gestellt. 2. Falls sie doch in Frage gestellt werden sollen, bestimmen wir vom FCB Agenda, Zeitpunkt, Inhalte und wohl auch das Ergebnis der Verhandlungen.

Hier wird also eine Hierarchie demonstriert, mit einer klaren Definition, wer an der Spitze steht. Im Umfeld der Säbener Straße hört man oft das Wort von den anderen 17 Vereinen als ‚Ausbildungsklubs‘, als sei man selbst die Sonne, um die die anderen 17 Vereine kreisen würden. Und was oft diskret ausgeübt wird, wird in diesem Fall halt mal öffentlich zur Schau gestellt: Macht. Diese Macht ist ein ganz entscheidender Faktor im Geschäftsmodell des FCB, auf das wir später noch genauer eingehen werden. 

Der Subtext dieses Treffens lautet nun, dass dies alles ja im Sinne der Liga geschehen würde. Dass das Handeln des FCB wie immer ja auch der Liga nutzen würde, und das dies auch für die angesprochene Ungleichheit bei der Verteilung von Fernsehgeldern gelte, die ja letztlich nur leistungsgerecht sei. Wer so etwas vor dem Hintergrund des realen Verteilungsschlüssels behaupten kann ohne rot zu werden braucht mehr als nur Macht. Viel mehr. Der braucht etwas, was in den Köpfen der Menschen existiert, nur weil sie daran glauben: einen Mythos. 

Ein klassischer Mythos, der bemüht wird, wenn es darum geht, den Status Quo in der Machtverteilung der Bundesliga zu legitimieren lautet, dass die übrigen 17 Mitglieder (und damit natürlich die gesamte Liga) ökonomisch abhängig davon seien, ob der FCB Teil der Liga sei oder nicht.

Wenn ich es recht verstehe besteht die erste Bundesliga (zur Vereinfachung soll im Folgenden nur von dieser die Rede sein) aus 18 eigenständigen sogenannten Fußball-Vereinen, die in der Regel Wirtschaftsunternehmen mit einer Sport- oder Fußballabteilung sind. Zusammen bilden sie so etwas wie eine Zwangs-Interessengemeinschaft – kein Verein könnte allein eine Bundesliga bespielen und daraus ein wirtschaftlich attraktives Angebot gestalten. Zwei Vereine könnten immerhin eine Reihe von Begegnungen veranstalten. Jo Frazier hat auch dreimal gegen Muhammad Ali geboxt, aber irgendwann war es dann auch gut…

Jeder Verein (genauer gesagt, jedes Unternehmen) braucht also jeden anderen, um das System: „jeder gegen jeden und am Ende gibt es einen Meister“ am Leben zu erhalten. Das ist das Wirtschafts-Produkt, das der Fußball dem Unterhaltungs-Markt anbietet. Selbst der FC Bayern akzeptiert mit seiner Anwesenheit dieses System, und sucht nur recht halbherzig ein neues. Da dieser Verein in der Regel in solchen Fragen rein ökonomisch argumentiert und auch handelt scheint die aktuelle Situation inklusive der Teilnahme an der Bundesliga also die in dieser Hinsicht attraktivste Wahl zu sein. Ein anderes Motiv als das rein ökonomische kann unter Betrachtung der üblichen Entscheidungsmuster des Vereins ausgeschlossen werden.

Auch der FCB braucht die Liga also, um in seiner aktuellen Form weiter existieren zu können. Das ist insofern wichtig, als das gerade Vereine wie Bielefeld oder Mainz (und, ehrlich gesagt auch der FCA) relativ einfach auch weiter existieren könnten ohne die Bundesliga – also in ihrer Existenz und ihn ihrem Selbstverständnis gerade nicht auf einen Verbleib in der 1. Bundesliga angewiesen sind. Sie steigen irgendwann ab, und meist irgendwann auch wieder auf. So gesehen ist der FCB sogar erheblich mehr auf die Bundesliga angewiesen als die meisten anderen Vereine.

Das mag ja sein, heißt es dann. Dann sei die bestehende Hierarchie eben durch die Tatsache legitimiert, dass der FCB die Stadien fülle und generell zur hohen Attraktivität der Liga beitrage. So gesehen sei die Bundesliga eben sehr wohl auf den FC Bayern angewiesen.

Dazu eine Frage: was ist attraktiver – eine Liga, in der 8 Jahre lang die gleiche Mannschaft den Meister stellt (Bundesliga 2013-2020), und dieses Ergebnis teilweise schon im Spätwinter feststeht – oder eine Liga, jn welcher innerhalb von 10 Jahren 5 verschiedene Mannschaften in teils dramatischen Races Meister werden können (nein, wir reden nicht von der Premier League, sondern tatsächlich von der Bundesliga von 1991 bis 2000 und dann nochmals von 2000-2010)? Es ist keine allzu gewagte These, dass diese Jahre entscheidend zur Attraktivität des Produktes Bundesliga beigetragen haben, Eine Attraktivität, die aktuell wieder aufs Spiel gesetzt wird.

Und ja, derzeit sind die Stadien ausverkauft, wenn der FC Bayern zu Gast ist. Die Frage sei erlaubt: wäre das auch so, wenn er drei lang im Mittelfeld gedümpelt hätte? Wäre es dann nicht so, dass die Stadien gefüllt wären, wenn der jeweils amtierende Meister zu Gast wäre? Ist es nicht eines der uralten Prinzipien des Sports, dass man den Meister beglotzen möchte – um ihm idealerweise dann beim Fallen zuzusehen? Geht es bei dieser postulierten Attraktivität also vielleicht gar nicht um den Verein FCB, sondern schlicht darum, dass jeder Meister auch zum Stadionfüller würde? Als Gladbach Meister war füllte Gladbach die Stadien, und als Bremen Meister war füllte Bremen die Stadien, und Dortmund füllt immer die Stadien, weil sie Spektakelfußball zur Marke erhoben haben.

Halten wir an der Stelle also fest: Nicht die Bundesliga braucht ohne Wenn und Aber den FC Bayern. Aber der FC Bayern braucht ohne Wenn und Aber die Bundesliga. Dass dennoch so viele Menschen konsequent an das Gegenteil dieser Tatsache glauben macht deutlich, dass wir es mit einem sehr wirksamen Mythos zu tun haben. 

Und hier haben wir einen nachvollziehbaren Grund für die Nervosität an der Säbener Straße: Es geht um das eigene Geschäftsmodell, dass derzeit von zwei Seiten bedroht wird. Je länger zum einen die wirtschaftliche Dominanz des FCB Ausdruck auch in einer sportlichen Dominanz findet, desto größer wird die Gefahr, dass die Basis des Produkts, nämlich der Glaube daran, es finde ein sportlicher Wettstreit mit ungewissem Ausgang statt, im Schwinden begriffen ist. Einfach ausgedrückt: Menschen verlieren die Lust, ihr Geld für ein Produkt auszugeben, dass ihnen Spannung verspricht, dieses Versprechen aber nicht hält. Insofern müsste die Liga den Stuttgartern, Augsburger, Mainzern und Bielefeldern dieser Liga eigentlich erst recht dankbar sein – sie sind schließlich diejenigen, welche durch teils dramatische Abstiegskämpfe das Spannungslevel hochhalten.

Wird nun zum anderen auch noch das Hierarchieprinzip in Frage gestellt droht die ewige Spirale des Geldverdienens beim FCB ins Wanken zu geraten, die da lautet: Macht schafft Rahmenbedingungen, die den sportlichen Erfolg erleichtern. Der sportliche Erfolg nährt den Mythos und führt zum Dauerdelirium der eigenen Anhänger. Der Mythos der Unverzichtbarkeit und sein Glaube daran verhindern die notwendige und überfällige Diskussion, ob das alles so seine Richtigkeit hat und stützt die Macht.

Die Gefahr, die für den FC Bayern also vom Vorstoß der 4 ‚kleinen‘ Vereine ausging, scheint so groß gewesen zu sein, dass sie sich dazu gezwungen sahen, zumindest einen Teil der sonst diskret ausgeübten Macht durch eine hierarchisch-autoritäre Aktion sichtbar werden zu lassen. So aber fallen Masken: Die proklamierte Solidarität entpuppt sich als Muster ohne Wert, ausgeübte Meinungsfreiheit wird mit öffentlicher Abkanzelung beantwortet, das vor einigen Jahren mit viel Pomp aus dem Archiv in eine Pressekonferenz eingeschmuggelte Grundgesetz landet wieder dort, wo es offensichtlich nach Meinung des FCB (die vielen Beispiele erspare ich mir jetzt) wieder hingehört: im Mülleimer.

Der Kaiser ist noch lange nicht nackt, aber ein paar Kleider hat er schon ablegen müssen.

Danke, FCA!