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Freitag, 22.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Das Leben geht weiter – für manche

„Un homme qui crie“ – eine Vater-Sohn-Geschichte aus dem Tschad

Von Frank Heindl



„La vie continue“, sagt der Koch, nachdem er entlassen worden ist – das Leben geht weiter. Doch das ist nicht sicher, denn schon wenig später liegt er mit Herzbeschwerden im Krankenhaus. Auch Adam, der Protagonist in Mahamat-Saleh Hamouds Film „Un homme qui crie – Ein Mann der schreit“, kommt mit seinen Lebensmaximen nicht mehr weiter, als er von zwei Seiten eingekesselt wird: Im Hotel, wo die Elite Urlaub macht und Adam arbeitet, ist die Globalisierung angekommen, wird rationalisiert und entlassen; draußen, wo das Volk lebt, ist Bürgerkrieg, werden Soldaten eingezogen – die Regierung fordert Adams Sohn.

„Afrika ist der Kontinent des Ungesagten“, sagt der Regisseur (siehe unser Gespräch mit Mahamat-Saleh Hamouds weiter unten). Und zeigt in seinem dritten Film zum dritten Mal eine Vater-Sohn-Geschichte – den letzten Teil der Trilogie. In „Un homme qui crie“ verstehen sich Vater und Sohn zunächst prächtig. In kindlichen Ernst versucht der junge Mann, seinen Vater zu besiegen, den alle wegen seiner früheren Erfolge als Schwimmer den „Champion“ nennen. Doch als die Probleme näher rücken, wird aus dem Wettbewerb Ernst, herrscht anhaltende Sprachlosigkeit zwischen den beiden. Adam verliert den Job am Hotelpool, der sein Leben bedeutet, an den Sohn – nicht ahnend, dass auch dieser ihm etwas verschweigt: Er braucht die Anstellung dringend, weil seine Freundin schwanger ist. Doch Adam verrät seinen Sohn auf die schlimmste Weise, indem er ihn der Regierung als Soldat meldet.

Die Kamera – ganz nah an der blutenden Melone

„Ein Mann geht seinen Weg“, scheint Adam zu denken. Dass der nicht einfach ist, sieht man seinem Gesicht an, erkennt man an seinem unbeirrten und trotzdem ratlosen Dahineilen durch die Gassen der Stadt. Doch er spricht mit niemandem über seine Probleme, seinen Sohn, seinen Job. Nur dass er an seinem Gott zu zweifeln beginnt, das diskutiert er mit einem Freund. „Unser Fehler ist, dass wir unser Schicksal in Gottes Hände gelegt haben“, bestätigt dieser – auch eine Kritik am afrikanischen Fatalismus, am Hang, die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen.

Dem Regisseur allerdings geht es vor allem um die Gewalt: Um jene, die das Land in Form des Bürgerkrieges heimsucht, ohne dass die Betroffenen die geringste Ahnung haben, worum es den Rebellen eigentlich geht. Und um jene Gewalt der Sprachlosigkeit, die zwischen Vater und Sohn herrscht. So nah geht er mit seiner Kamera an die Dinge heran, dass man als Zuschauer das Messer zu fürchten beginnt, das die Melone zerteilt – wie Blut sieht der rote Saft aus, der ihr entströmt; in aller Deutlichkeit, mit größter Ruhe und Gelassenheit folgt die Kamera dem Vorgang, lässt sich und dem Zuschauer alle Zeit zum Sehen und Nachdenken. Selten nur bricht Hektik ein in diese Bilder – etwa als die Menschen in Scharen die Stadt verlassen und nach Kamerun fliehen. Doch Adam bleibt ruhig, geht als einziger pflichtbewusst in „sein“ Hotel, hält an der Arbeit fest, die sein Leben ist.

Der ungeborene Enkel ist schon Opfer

Zu spät überkommt ihn das schlechte Gewissen. Ein Brief des schwer verletzten Sohnes: Da macht der Vater sich auf ins Militärkrankenhaus, entführt ihn, bringt ihn noch einmal an den Fluss – doch bei der Ankunft ist der Sohn schon tot, hat das kalte, blutige Messer der Gewalt die Familie zerstört. Auch im islamischen Tschad werden die Toten normalerweise beerdigt – doch nachdem Adam der Regierung seinen Sohn gestohlen hat, verweigert er sich nun auch den Gebräuchen und der Tradition: Er lässt die Leiche den Fluss hinabtreiben, den letzten Wunsch des Sohnes entsprechend. Das Leben geht weiter – aber nicht für alle. Und Adams Enkel, noch nicht geboren, ist schon Opfer.

Es gebe kein Gesetz, sagt Hamoud, das vorschreibe, Filme müssten schnell geschnitten sein. Das ist ein Glück: „Un homme qui crie“ fesselt nahezu unmerklich durch seine langsame Behäbigkeit, durch den beharrlichen Blick der Kamera, die sich nicht ablenken lässt. Der Regisseur nennt Wim Wenders als Vorbild, vor allem dessen frühes Werk „Im Lauf der Zeit“ – Hamouds Blick ist nicht nur afrikanisch, hat auch universelle Bedeutung – und wird international verstanden: „Un homme qui crie“ hat im offiziellen Wettbewerb von Cannes den Preis der Jury erhalten und deshalb schnell einen europäischen Verleiher gefunden – der Film wird bald auch außerhalb der Festivals in den Kinos zu sehen sein. Während der Tage des Unabhängigen Films Augsburg läuft er noch am Samstag um 18 Uhr im Thalia.

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