DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Donnerstag, 21.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Co-Alkoholiker ohne Fehl und Tadel

Kommentar von Siegfried Zagler

Als Co-Alkoholiker werden von der Psychologie Menschen bezeichnet, die nicht selbst alkoholabhängig sind, aber aufgrund ihres Verhaltens die Alkoholkrankheit eines Partners oder Familienmitglieds aus Hilflosigkeit durch erhöhte Aufmerksamkeit und Zuwendung begleiten, und dabei nicht selten unterstützend wirken.

Macht Augsburgs Stadtregierung samt der Opposition nichts anderes als einen weltweiten Jugendtrend mit unwirksamer Aufmerksamkeit zu unterstützen? Wenn man den Blog von Christian Moravcik (Die Grünen) liest, könnte der Eindruck entstehen, die Max-Straße sei ein Hort friedlicher Partygänger und das ganze Theater sei eine Gespensterdiskussion.

Im Dezember 2008 hörte sich das noch anders an:

“Das ist kein Problem der Jugend, sondern der Stadt. Diese kann durch Konzessionsvergaben und Festlegungen im Bebauungsplan (Kneipenstop) entscheiden, welche und wie viele Kneipen in der Maxstraße sind. Es ist weiterhin wichtig, dass auch junge Menschen in der Maxstraße Angebote finden, aber die Anzahl der Gastronomie muss beschränkt werden und die Stadt muss Einfluss darauf nehmen, was in den Kneipen passiert.” So Moravcik im O-Ton (die DAZ berichtete).

Im Februar 2009 monierte Reiner Erben, Fraktionschef der Grünen, noch das “ziellose Hin- und Her”. Von “hilflosen Versuchen” der Stadtregierung, “bestimmte Auswüchse” in der Maximilianstraße zu bekämpfen” (Verena von Mutius), war die Rede und davon, dass man aufgrund des Bebauungsplans Nr. 444 die Pläne der Gastronomiekette Sausalitos verhindern solle. Was aber – will man Baureferent Merkles Argumentation folgen – eben durch diesen alten Bebauungsplan aufgrund seiner vielen Ausnahmegenehmigungen juristisch nicht mehr durchsetzbar sei. Merkle will die Maxstraße durch einen neuen, “juristisch wasserdichten” Bebauungsplan befrieden (die DAZ berichtete).

Die Ballermann-Probleme im Partyumfeld Maxstraße, lieber Herr Moravcik, sind nicht zu verharmlosen. Sie existieren, und zwar in dramatischer Weise. Blut, Exkremente, Erbrochenes, Einwegnadeln, Glasscherben, Müll und wankende Gestalten lassen sich auf Dauer nicht erfinden. Dennoch lässt sich die “Baustelle Maxstraße” noch einfacher beschreiben als es Moravcik in seinem Blog tat: Freitag- und Samstagnacht sorgen zwischen drei und sechs Uhr morgens 30 bis 40 “Problemkinder” für schwer zumutbare Zustände im Umfeld der Maxstraße. Zustände, die nicht nur für Anwohner und Hausbesitzer zu beklagen sind. Damit sind die anscheinend so schwer in den Griff zu bekommenden Auswüchse auf der Maxstraße beschrieben. Es sind aber nicht nur die marodierenden Betrunkenen, sondern auch die friedlichen “Alkoholleichen” und Junkies, die den “Normalos” unter den Partygängern aufs Gemüt schlagen.

Volltrunkenheit und der damit verbundene Kontrollverlust werden von den “Seht-her-ich-bin-besoffen-Trendsettern” nicht nur in Augsburg offen zelebriert und zum Abenteuer verklärt. Es ist ein hässlicher Jugendtrend, der sich seit Jahren hartnäckig hält und nicht nur in Augsburg für traurige Exzesse sorgt.

Das Maßnahmenpaket, das vom Stadtrat mit großer Mehrheit verabschiedet wurde, scheint noch nicht richtig zu greifen, wenn man den “Zwischenbericht” von Ordnungsreferent Walter Böhm in der AZ richtig verstanden hat. Noch fehlt das vermutlich wirkungsvollste Element des Maßnahmenpaketes: der Ordnungsdienst. Wenn es nach Bernd Kränzle (CSU) ginge, würden schon bald speziell ausgebildete Einheiten “zwei plus zwei”, also zwei Polizisten und zwei extra eingestellte Ordnungskräfte aus der Verkehrsüberwachung, in den kritischen Zeitfenstern, also Freitag- und Samstagnacht für Ruhe und Ordnung sorgen. Falls die städtischen Streifengänger die Maxstraße nicht befrieden können, soll die Reißleine gezogen und die Sperrzeit auf zwei Uhr verkürzt werden.

Kein Maßnahmenpaket gegen Alkoholabhängigkeit

In absehbarer Zeit wird ein Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs erwartet. Hasan Tekin, der Inhaber des Dönerladens Arkadas, hat gegen die Maßnahme “keine to-go-Speisen nach ein Uhr” ein Normenkontrollverfahren angestrengt. Seine Erfolgsaussichten werden hoch eingeschätzt. Falls Tekin Recht bekäme, müsste sich die Stadt aufgrund einer zu erwartenden Klage gegen die geplante städtische letzte Maßnahme, die Sperrzeitverkürzung, warm anziehen. Es besteht also Grund zur Annahme, dass das Problem Maxstraße nicht über neue städtische Verordnungen, sondern nur über ordnungsdienstliche Maßnahmen zu lösen ist.

Augsburgs Polizeipräsident Klaus Waltrich sagt es zwar nicht direkt, aber er will seinen Beamten kein Räuber- und Gendarme-Spiel auf der Maxstraße zumuten. Ganz ohne Law-and-Order-Truppen wird sich der Spuk jedoch auf die Schnelle nicht vertreiben lassen. Wie sich die Polizei um die äußerst virulenten “Alkoholleichen” (Böhm) kümmert, wird entscheidend sein. Nichts wäre für das Image der Stadt Augsburg schädlicher als überzogene Polizeieinsätze gegen betrunkene Jugendliche.

Die SPD hat dem Maßnahmenpaket im Stadtrat zugestimmt und es wäre langsam an der Zeit, dass die Grünen ihre Co-Alkoholikerposition aufgeben und Farbe bekennen, denn nur mit “After-Rauschtüten”, also dem üblichen Präventivgerede lässt sich das Problem nicht lösen. Vermutlich würde ein neuer Bebauungsplan für die Maxstraße die Kneipenszene in der Prachtmeile kontrollierbarer machen. Es wäre ein langer Weg, von dem die ehemalige Kulturreferentin der Grünen Eva Leipprand aber nichts wissen will. Im Bauausschuss sprach sie sich jedenfalls noch dagegen aus. In diesem Fall verlagere sich das Thema wieder in die Altstadt oder in die Stadtviertel. Natürlich ist das “Maßnahmenpaket Maximilianstraße” keine nachhaltige Initiative gegen Alkoholabhängigkeit, sondern eine Initiative für Ruhe, Sicherheit und Ordnung im Umfeld der Maxstraße.

Maximilianstraße soll “Crossroad” bleiben

Die bürgerliche Regierungskoalition schließt sich mit der Anwohnerinitiative Maxstraße kurz, weil man sich das Pracht- und Kaisermeilenimage nicht von ein paar Dutzend Trunkenbolden kaputtmachen lassen will, und nimmt dabei in Kauf, dass sich Geschrei, Gezänk und Gestank in die Stadtteile und in die Unterstadt verziehen, während man in der verkehrsberuhigten “oberen” Innenstadt wieder richtig angenehm wohnen, flanieren, einkaufen und ein gepflegtes Bierchen trinken gehen soll. Die Augsburger Maximilianstraße sollte aber nicht als Musterstraße und touristisches Aushängeschild für bürgerliches Wohnen und Leben sowie gemütliche Gastronomie gedacht werden. Betreffend der beschrieben Zustände in dem nächtlichen, kurzen Zeitfenster hat der Stadtrat mit den interfraktionellen Zustimmungen zum Maßnahmenpaket der Runden Tische richtig gehandelt. Falls die Maßnahmen aber zur Farce gerinnen sollten, muss man aufpassen, dass die “Patrizierfreunde” die verfahrene Situation nicht dafür verwenden, um aus der Maxstraße ein sich selbst bespiegelndes Bürgerpflaster und Touristengärtchen zu schmieden. Die Wiedereinführung der “Polizeistunde” und die kürzlich geäußerte Idee von Baureferent Merkle, auch um den Herkulesbrunnen ein historisches Gitter anzubringen, ginge bereits in diese Richtung. Es wäre falsch, wenn nur ein Lebensgefühl im sich abzeichnenden Gestaltungskampf um die Maxstraße zum Maßstab städtebaulicher Planung werden würde. Die Maximilianstraße eignet sich nicht zur Vorzeigestube des bürgerlichen Geschmacks. Sie muss als lebendige “Crossroad”, als vielschichtige kulturelle Straße gedacht werden, als ein Ort, der alle Facetten der Stadt reflektiert.