Bühne am Gaswerk: Droht ein Sichtlinien-Debakel wie beim Eisstadion?
Gute Sicht für alle Besucher des Freilichtbühnen-Ersatzes am Gaswerk verspricht der Augsburger Stadtsommer. Doch hält dieses Versprechen stand – oder droht ein Sichtlinien-Debakel wie 2010 am Curt-Frenzel-Stadion? Denn einfache Geometrie lässt sich nicht überlisten. Die DAZ hat nachgerechnet.
Von Bruno Stubenrauch
Wo ist der Polt? Und seine Well-Brüder? Blick von Reihe 19 Mitte bei nicht auf Lücke platzierten Sitzen. Der Kopf des Vordermanns verdeckt 5,5 Meter Bühne (KI-Simulation)Seit Montag ist der Freilicht-Sitzplan für das Gaswerkgelände online, auf dessen Basis die Tickets für die Stadtsommer-Konzerte 2026 verkauft werden. „Die Sitzplätze für das Publikum werden sich am Gaswerk baulich ändern. Es wird keine vollständige Tribüne wie auf der Freilichtbühne geben. Es entsteht eine eben bebaute, vollständig bestuhlte Fläche, die dennoch eine gute Sicht für alle Besucherinnen und Besucher ermöglicht“, heißt es in den FAQ auf augsburger-stadtsommer.de. Ein großes Versprechen – schließlich werden Zuschauertribünen üblicherweise nach hinten ansteigend gebaut, und das aus gutem Grund.
Augenpunkt, Scheitelpunkt, Fokuspunkt
Geregelt ist das unter anderem in der DIN EN 13200-1 „Zuschaueranlagen“. Grundlage der Norm ist die menschliche Anatomie: Der Scheitel liegt im Durchschnitt rund zwölf Zentimeter über dem Augenpunkt. Wer waagerecht über den Vordermann hinweg auf eine Bühne oder ein Spielfeld blicken will, muss also etwa zwölf Zentimeter höher sitzen als dieser.
Ein weiterer zentraler Begriff der technischen Regeln ist der Fokuspunkt – also der Punkt, den der Zuschauer unbedingt im Blick haben möchte. In Sportstadien ist das der Boden des Spielfelds, um Ball, Puck und Linien sehen zu können. Auch bei Ballett- oder Theateraufführungen mit aufwändigen Bühnenbildern zählt der Bühnenboden dazu. Bei Musikveranstaltungen wird bisweilen ein um rund 60 Zentimeter erhöhter Fokuspunkt als reduzierte Anforderung akzeptiert, um die Künstler zumindest ab Hüfthöhe sehen zu können.
Erhöhte Bühne statt ansteigender Sitzreihen

Ein Meter hohe Bühne beim Friedensfest (Bild: DAZ)
Eine Überhöhung der Sitzreihen scheidet am Gaswerk mangels Tribüne aus. Um die Sichtlinien dennoch aufzufächern und bei ebener Bestuhlung akzeptable Sicht zu ermöglichen, werden Bühnen erhöht errichtet. Grundsätzlich gilt: je höher, desto besser. Doch auch hier gibt es Grenzen: Der Augenpunkt sitzender Zuschauer liegt bei etwa 1,20 Metern. Überschreitet der Bühnenboden diese Höhe, ist er nicht mehr sichtbar. Zudem wird das starke Hochsehen für die vorderen Reihen schnell unangenehm und kann buchstäblich zu Genickstarre führen.
Üblich sind daher Bühnenhöhen zwischen 1,00 und 1,40 Metern über dem Zuschauerraum. Eine Anfrage bei Augsburg Marketing, wie hoch die Bühne am Gaswerk konkret ausfallen wird, blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Für die Berechnungen wird daher von einer mittleren, üblichen Höhe ausgegangen.
Geometrie der Sichtlinien
Gemäß Sitzplan beträgt der Abstand der ersten Reihe zur Bühne rund zehn Meter. Die Reihen selbst sind in Abständen von etwa einem Meter angeordnet – ein gängiges Maß. Legt man diese Werte sowie eine Bühnenhöhe von 1,20 Metern zugrunde, ergibt sich für einen Zuschauer in Reihe 2, der knapp über den Kopf seines Vordermanns hinweg blickt, folgende Sichtlinie:
Situation am Gaswerk (Grafik: DAZ)
Da der Blick dabei mit einer Steigung von rund zwölf Prozent nach oben verläuft – also zwölf Zentimeter Höhenplus pro Meter –, ist nicht einmal die reduzierte Anforderung erfüllt, den Hüftbereich der auftretenden Personen zu sehen. Der Kopf des Vordermanns erreicht an der Bühnenkante rechnerisch bereits eine virtuelle Scheitelhöhe von 1,20 Metern über dem Bühnenboden. Ab etwa Reihe 6 sind die Personen auf der Bühne hinter dem Kopf vollständig verdeckt. Drüberschauen ist nicht.
Wenn Köpfe zu Mauern werden
Natürlich kann man seinen Kopf zur Seite neigen, schief sitzen, mal rechts mal links am Vordermann vorbeischauen. Aber bereits in Reihe 2 erscheint der Kopf des Vordermanns an der Bühnenkante virtuell fast zwei Meter breit. In Reihe 20 verdeckt er mit fünf bis sechs Metern nahezu die Hälfte der Bühne.
Wirksame Abhilfe ohne Akrobatik böte nur eine konsequent versetzte Bestuhlung „auf Lücke“. Dann behindert erst der Vordermann der übernächsten Reihe den Blick. Die virtuelle Kopfbreite und -höhe halbieren sich, die vom Kopf verdeckte Fläche schrumpft auf ein Viertel. Die Sichtbehinderung in Reihe 20 bei einem Bühnenabstand von rund 30 Metern entspräche dann jener in Reihe 5 bei nicht versetzter Bestuhlung.
Sitzplan mit Schwächen
Im zurzeit veröffentlichten Sitzplan (10.02.2026) deutet allerdings nichts darauf hin, dass am Gaswerk konsequent auf Lücke bestuhlt wird. Die Seitenblöcke weisen keinerlei Versatz auf. Im Mittelblock erfolgt eine Verschiebung um eine halbe Sitzbreite erst nach zwei oder drei Reihen. Offenkundig stand hier die optimale Ausnutzung der trapezförmigen Blockgeometrie im Vordergrund – nicht jedoch die bestmögliche Sicht.
Sollte die Bestuhlung tatsächlich so umgesetzt werden wie derzeit dargestellt, bleibt Ticketkäufern nur der Rat, die Seitenblöcke zu meiden und im Mittelblock das vordere Drittel sowie bevorzugt die Reihen 9, 11, 13, 15, 18 und 20 zu wählen, die einen Versatz zur Vorderreihe haben. Das kann jedoch kaum im Sinne der Veranstalter oder des Publikums sein. Konsequentes Bestuhlen aller Reihen auf Lücke wäre dringend geboten. Ergänzend könnten erhöht angebrachte Videowände – wie beim Münchner Freiluftevent „Klassik am Odeonsplatz“ – helfen, die Aufführungen am Gaswerk zu Erlebnissen zu machen, die Eintrittspreise von rund 50 Euro tatsächlich rechtfertigen.
