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Freitag, 06.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Brecht im Panzerschrank

Warum die Wiederentdeckung der Brecht-Fotos an einen Bibliothekskrimi erinnert

Von Siegfried Zagler

Ein Vierteljahrhundert nach ihrem Erwerb durch die Augsburger Staats- und Stadtbibliothek kamen Fotos eines gewissen Bertolt Brecht an das Licht der Öffentlichkeit. Um wie viele Fotos es sich handelt, lässt sich noch nicht sagen. Vor 25 Jahren wurde von „vielen Fotografien“ berichtet. Sicher ist derzeit nur, dass der neue Leiter der vom Freistaat übernommenen Bibliothek, Dr. Reinhard Laube, alle fotografischen Dokumente der Öffentlichkeit zugänglich machen wird. Warum darauf 25 Jahre gepfiffen wurde, ist eine schrullige Geschichte, die noch nicht zu Ende erzählt ist. Die Fotos waren nur ein Teil eines „Brecht-Schatzes“, der von der Stadt mithilfe einer 100.000 Mark-Spende eines privaten Mäzens Ende der achtziger Jahre erworben wurde. Ob weitere Brecht-Materialien im schwer erreichbaren Dunkel eines sich im Keller der Bibliothek befindlichen Panzerschranks entdeckt wurden und somit zu verarbeiten wären, ist ebenfalls eine spannende Frage.

Als im Januar 1990 der ehemalige Leiter der Staats- und Stadtbibliothek, Dr. Helmut Gier, das frisch angekaufte Material der Presse vorstellte, war in der Augsburger Allgemeinen von 48 „bisher völlig unbekannten Briefen“ die Rede. 30 davon waren an Paula Banholzer („Bi“) adressiert. Diese Briefe sind von der Forschung verarbeitet und veröffentlicht worden. Andere Briefe aus diesem Ankauf ebenfalls: Brechtexperte Jan Knopf schreibt in seiner 2012 erschienen Brecht-Biografie von einem Beschwerdebrief der Arbeiter und Angestellten der Augsburger Papierfabrik (Haindl) an Klemens Haindl, in dem sich die Belegschaft im Jahre 1926 über Brechts Vater beschwerte, der in der Papierfabrik eine Direktorenstelle inne hatte. Es könne nicht sein, dass ein Mann an herausragender Stelle arbeite, der weiterhin zu „seinem moralisch verkommenen Sohn“ halte. Knopf schreibt darüber, als wäre dieser Brief eine Neuentdeckung. Dabei wurde aus diesem Brief bereits am 11. Januar 1990 von der Augsburger Allgemeinen zitiert.

Im gleichen Artikel heißt es, dass die Bibliothek das Material so belassen werde, wie es aus dem Nachlass von Walter Brecht erworben wurde, bis es ein Wissenschaftler aufarbeite. 1991 wurde ein Wissenschaftler (Brecht-Forscher) von der Stadt angestellt. Dr. Jürgen Hillesheim, der nun dem überraschenden Fund eine hohe wissenschaftliche Bedeutung zuspricht, während sein ehemaliger Chef, Dr. Helmut Gier, erklärt, dass „wir anderes im Augenmerk hatten.“ Ein wenig erinnert dieser „Bibliothekskrimi“ (unter umgekehrten Vorzeichen) an den ersten Romanerfolg von Umberto Eco: „Der Name der Rose“.

Am Sonntag, den 14. September, will Buchhändler Kurt Idrizovic das Thema im Brecht-Brunch (11 bis 12.30 Uhr im Brechthaus Auf dem Rain 7) „im milden Licht beleuchten“. Die Staats- und Stadtbibliothek hat der DAZ dankenswerterweise fünf Fotos aus dem unbeachteten Brechtalbum zur Verfügung gestellt.

Die Pose des entspannten Poeten

Alle Aufnahmen vom jungen Brecht wurden in Augsburg am selben Tag gemacht. Alle “Anzugsfotos” sind wohl im Garten des Brecht-Jugendhauses gemacht worden. Foto: Staats- und Stadtbibliothek

Die Pose des starken Poeten

Brechts stilsichere Selbstinszenierungen sind ein Teil seines Mythos. Keine andere Figur der Weltliteratur konnte sich besser selbst darstellen als Brecht. Bereits in Augsburg probiert sich Brecht in der Pose des Poeten. Foto: Staats- und Stadtbibliothek

Pose des melancholischen Poeten

Intelligent aber nicht verspielt. Wach aber nicht überdreht. Selbstsicher aber nicht überheblich: Im Hintergrund das Wohnhaus der Brechts in der Bleichstraße. Foto: Staats- und Stadtbibliothek

Die Pose des ernsten Poeten

Ein Teil seiner Selbstinszenierungskunst bestand darin, dass er sich stehts in “sicherer Rüstung” zeigte. Foto: Staats- und Stadtbibliothek

Die Badegesellschaft

Brecht sitzend ganz rechts außen. Wo könnte die Badegesellschaft sich zum Gruppenfoto versammelt haben? Am Lochbach womöglich? Handelt es sich um einen Klassenausflug? Foto: Staats- und Stadtbibliothek

Ob aus dieser Geschichte mehr als ein kurzatmiger Aufreger wird, hängt davon ab, ob sich weitere unbeachtete Dokumente mit ähnlicher Bedeutungshöhe im Panzerschrank der Staats- und Stadtbibliothek befanden.