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Donnerstag, 20.01.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Bildungsstreik zeigt Wirkung

Die Proteste von Schülern und Studierenden zeigen Wirkung. „Bildungsstreik“ lautete das Motto, das in Bayern Tausende von Studierenden zu Protestmärschen auf die Straße zog und zu Hörsaalbesetzungen führte. Sie demonstrierten für bessere Bedingungen vor Ort und fordern die Abschaffung der Studiengebühren.

Ihre Proteste stoßen auf breite Zustimmung. SPD, Grüne und die Gewerkschaft ver.di unterstützen die Forderungen ebenso wie der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) und der Bayerische Elternverband (BEV). Der Bayerische Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch bewertete die Forderungen der Studenten „als teilweise berechtigt“ und aus der Staatskanzlei kommen die ersten Signale zur Gesprächsbereitschaft. Der Vorsitzende des Landtagsbildungsausschusses, Bernd Sibler (CSU) verkündete über das Straubinger Tagblatt, dass die Kritik am Bologna-Prozess nachvollziehbar sei. „Wir wollen deshalb für mehr Flexibilität sorgen und bei den Prüfungen den Druck etwas herausnehmen“, so Sibler.

Studentische Mobilmachung

twitpic: Sitzstreik auf dem Königsplatz

twitpic: Sitzstreik auf dem Königsplatz


In München reihten sich 7000 in die Protestzüge ein, in Nürnberg 3500. In Regensburg versammelten sich rund 1000 Studenten und Schüler im Hörsaalgebäude zu einer Kundgebung. Einhellig wurde überall die Abschaffung der Studiengebühren gefordert. Die Studenten kritisierten den hohen Prüfungsdruck, die Stofffülle, die Studienbedingungen in den neuen Bachelor-Studiengängen, den Professoren-Mangel und die mangelnde finanzielle Ausstattung der Hochschulen. In Augsburg wurde der Hörsaal I der Universität von Studenten besetzt, die in Arbeitskreisen ihre Forderungen abstimmten und das weitere Vorgehen planten. Untertags formierten sich 600 bis 800 Studierende zu einem Demonstrationszug. Der Protest setzt sich aktuell im Hörsaal fort.

Die studentische Mobilmachung gegen die Ökonomisierung der Bildung soll die nächsten Tage andauern, die Forderungen sind mannigfaltig und gehen quer durch alle Fakultäten. Die Augsburger Grünen haben sich zusammen mit den Linken und dem Stadtjugendring mit den Studenten solidarisiert. „Die vielfältigen Proteste zeigen den Missstand in Bayern und in Augsburg auf. Zunehmende soziale Selektion, finanzielle Hürden und steigender Leistungsdruck durch die Fehler in der Bologna-Reform machen das Studium zu einem Spießrutenlauf“, so die Grünen in ihrer gestrigen Pressemiteilung. Die Staatsregierung habe diese Probleme viel zu lange ignoriert. Faire Studienkredite, wie von der Staatsregierung betont, gebe es nicht, so Matthias Strobel, Vorstandssprecher der Augsburger Grünen.

„Immer schärfere Selektion nach sozialer Herkunft“

Bildungsstreik via Twitter: "Der Hörsaal ist und bleibt besetzt"

Bildungsstreik via Twitter: "Der Hörsaal ist und bleibt besetzt"


Zur Zeit richten sich die Augsburger Studenten auf eine Dauerbesetzung des Hörsaals I ein. Proviant wurde eingekauft. Es bilden sich Arbeitsgruppen in den Bereichen Inhalt, Presse, Gestaltung und Recht. „Die Studenten in der Fuggerstadt bereiten sich auf eine längere Besetzung vor. Plakate werden gemalt: „Bildung krepiert, weil Dummheit regiert“ ist das Motto, genauso wie „Lernfabriken abschalten“, so auf der Homepage der Aktivisten, die über Twitter der Öffentlichkeit von ihren Aktionen und Beschlüssen Berichte liefern.

An der gestrigen Kundgebung nahmen auch die Stadträte der Linken Benjamin Clamroth und Alexander Süßmair teil. Für den Augsburger Stadtrat und Bundestagsabgeordneten Alexander Süßmair besteht kein Zweifel daran, dass das Bildungssystem in Deutschland dringend reformiert werden müsse. „Es findet eine immer schärfere Selektion statt, und zwar immer weniger nach Leistung als nach sozialer Herkunft“, so Süßmair auf dem Elias-Holl-Platz. Heute werden auch Schüler in die Gespräche miteinbezogen werden. „Neben den Studiengebühren soll es nämlich auch Diskussionen über das achtjährige Gymnasium geben. Schüler, Lehrer und Eltern sind herzlich eingeladen, gerade am schulfreien Tag am heutigen Mittwoch in die Uni zu kommen“, so die Besetzer des Augsburger Hörsaals auf Twitter. Vertreter der angehenden Sozialwissenschaftler wollen den Bachelor in seiner derzeitigen Form aus der Welt schaffen.

Die Forderungen der Fachschaft Sozialwissenschaften

der Augsburger Universität:


  • Bessere Vernetzung / Kommunikation
    • innerhalb der Fakultäten,
    • innerhalb der deutschen Universitäten (Augsburg / Gesamtdeutschland) und
    • innerhalb Europas (bzw. bessere Abstimmung)
  • Freieres und selbstbestimmteres Studium:
    • mehr Wahlpflichtfächer anstatt von Pflichtveranstaltungen / mehr Wahlmöglichkeiten
    • Flexibilisierung der Studiendauer
    • mehr Kombinationsmöglichkeiten
  • Mehr Kapazitäten
    • Mehr Lehrende
    • Mehr Räume
    • Mehr Mittel
  • Faire (paritätische) Mitbestimmung bei der Verteilung von Mitteln von Fakultäten
  • Verhältnismäßigkeit der Leistungserhebung / Transparenz in der Leistungserhebung
  • Verbindlicher offizieller Leistungskatalog
  • Weniger Leistungsdruck
  • Mehr Masterstudienplätze: für jeden Bachelor-Studierenden einen Masterstudienplatz