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Mittwoch, 24.11.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Bedrückt, bedrängt, beengt

Auch so geht Theater: Bluespots Productions spielen im Möbelhaus und kommen dem Publikum sehr nah

Von Frank Heindl

Zunächst gab’s Champagner, dann auch noch feine Schokolade. Das Ambiente bei Ligne Roset tat ein Übriges: Sehr schick und gediegen, auch nicht gerade billig geht es im Einrichtungshaus in der Karlstraße zu. Etwa 50 Zuschauer hatten sich am Donnerstag eingefunden, um „Call a Conflict“ zu sehen, eine Theaterproduktion von „Bluespots Productions“. Mit der großbürgerlichen Gemütlichkeit war es dann ganz schnell vorbei.

Familiäre Gewalt im Möbelgeschäft: Guido Drell und Angela Kersten in Leonie Pichlers "Call a Conflict" (Foto: David Schlichter).

Familiäre Gewalt im Möbelgeschäft: Guido Drell und Angela Kersten in Leonie Pichlers "Call a Conflict" (Foto: David Schlichter).


Um häusliche Gewalt geht’s bei „Call a Conflict“, und so war der Ort nicht eben schlecht gewählt: Jenes Unterschichtenklientel, in dem man klischeehaft prügelnde Männer und handgreifliche Auseinandersetzungen vermuten mag, kommt zu solchen Theatervorstellungen eher selten. Dafür finden sich jene Schichten ein, die sich so gerne weit weg fühlen von brutal geführten Konflikten. Und denen rückte nun, im Möbelgeschäft, auf einmal die Wirklichkeit, wohl auch ihre eigene, sehr, sehr nahe. Es gehe „an die Schmerzgrenze“, hatten die Einladenden schon vor Beginn gewarnt. Die Grüne Stadträtin Pia Haertinger, Vorstand beim Verein „Weißer Schrei – Kunstprojekte gegen Gewalt“, der die Bluespots-Gruppe bei diesem Theaterprojekt unterstützt, lobt das Kaufhaus als einen „authentischen Ort“ der häuslich-familiären Gewalt. Bei den Aufführungen stets zugegen ist die Psychotherapeutin Jessica Treffler, erfahren im Umgang mit Traumatisierten, inhaftierten Frauen, kriminellen Jugendlichen. Sie ist bei „Call a Conflict“ regelmäßig im Einsatz: Nicht selten komme es vor, erzählt sie, dass Zuschauer/innen von bestimmten Vorgängen auf der „Bühne“ in ihr eigenes, verdrängtes oder unter Verschluss gehaltenes Erleben zurückgestoßen werden und davor die Flucht ergreifen wollen. Treffler verhindert dann, dass solche Menschen kopflos auf die Straße laufen, beruhigt, redet, reicht ein Glas Wasser, bis der Schock vorüber ist. Sollte man sich also fürchten vor diesem sozial engagierten Stück Theater?

So kann familiäre Gewalt aussehen

Zurückgelehnt in weiche Polster, gruppiert um einen schönen Esstisch, sitzen die Zuschauer schon mit Beginn der ersten Szene hautnah am Geschehen – und bedrängt von diesem. Hektisch und nervös deckt der Mann (Guido Drell) den Tisch und wird doch sofort von seiner Frau (Angela Kersten) gerügt: dies passt ihr nicht und auch jenes, ihre Vorwürfe gipfeln in der Verdächtigung, er habe beim Reinigen des Esszimmerbodens „Geld eingesaugt.“ Ein nahezu lächerliches Szenario, vielleicht ist der von Leonie Pichler verfasste Text auch ein wenig zu klischeehaft und zu schnell am Ziel. Dass der Funke dann doch überspringt, ist zuallererst Angela Kerstens Spiel zu verdanken: Sie sprüht vor Wut, vor Zynismus, vor Hass und hält so glaubhaft ihren um fast einen Kopf größeren Mann in Schach: nicht mit körperlichen Mitteln, sondern mit fiesen psychologischen Tricks, mit Gegenfragen statt Antworten, mit vergifteten Freundlichkeiten, mit gezieltem Falsch-Verstehen, Ignorieren, Missachten. Auch so kann familiäre Gewalt aussehen. Wie der Mann eine solche Situation erträgt, erklärt das Stück nicht, dass er seelisch leidet, weit über ein „sie liebt mich nicht“ hinaus, ist unverkennbar. Auch, dass die Rollenverteilung Mann/Frau selbstverständlich umkehrbar ist.

Nahtlos geht diese erste Szene in eine zweite über, in der Drell als Kind auftritt und hilflos versucht, seine sich eben betrinkende, frisch verlassene Mutter zu trösten. Der groß gewachsene Guido Drell wird nun plötzlich ein kleiner Junge – und dass das so bruchlos klappt, ist einerseits gutes Schauspielhandwerk – andererseits aber auch der Situation des Publikums geschuldet: So nah dran ist man selten im Theater, so bedrückt und beengt, so bedroht und bedrängt vom Gezeigten, so peinlich berührt ob der Nähe von Zuständen, die man sich gemeinhin als streng privat von der Pelle hält. Das hat eine zunächst eher körperliche Wirkung – fühlbar im Drang, den Stuhl zurückzuschieben, sich zu entfernen – der man sich aber sofort auch psychisch nicht entziehen kann. Ein Gefühl, das sich im zweiten Szenenblock verstärkt, der im Schlafzimmer handelt: Der kläglich scheiternde Versuch, sich beim Sex zu versöhnen, das erbärmliche sexuelle Drangsalieren eines Kindes, schließlich der Versuch einer ehelichen Vergewaltigung im Vollrausch – das alles sind Vorgänge, denen man, im Theater wie im richtigen Leben, gerne ausweichen würde, denen man an diesem Abend bei „Ligne Roset“ aber in Tuchfühlung zuzusehen gezwungen wird.

Auch die Hoffnung kommt ganz nah heran

Aufgelöst wird diese klaustrophobisch-enge Situation durch einen weiteren Schritt der Nähe: Im Schlussmonolog treten die beiden Schauspieler direkt zum Publikum, sehen den Zuschauern ins Gesicht, schauen ihnen in die Augen – und berichten dann von Heilung, von Rettung, von der Chance also, dass auch für die Gewaltopfer etwas „wieder gut“ werden kann. Nahezu unverändert handelt es sich bei diesen Statements um Zitate, die Leonie Pichler bei ihrer Recherche den ehemaligen Opfern entlockt hat, in Frauenhäusern zum Beispiel. Auch die Hoffnung also kommt am Schluss ganz nah ans Publikum heran. Am nächsten aber, als das Stück schon vorüber ist und Schauspielerin Angela Kersten vom für sie bewegendsten Moment der Arbeit mit „Call a Conflict“ erzählt: Als eine Frau aus dem Publikum ihr nach der Vorstellung vorsichtig gestand, einer dieser Schlusssätze sei der ihre gewesen – von Leonie Pichler ins Stück gebracht.

Es wäre zu diskutieren, wie ein Theater sich definiert, das dergestalt Auftragsarbeiten erledigt („Call a Conflict“ entstand als Auftrag von „Weißer Schrei“), ob noch als Theater bezeichnet werden kann oder schon Sozialpädagogik genannt werden müsste, was eindeutig und offen Ziele wie Aufklärung, Prävention etc. anstrebt. Vorläufige Antwort: Der Text von Leonie Pichler hat sich an diesem Abend, trotz anfänglicher Skepsis, als tragfähig genug erwiesen, und auch die beiden Schauspieler waren stark genug, um die Frage positiv zu beantworten: Ja, das war Theater. Und, ja: Das Möbelhaus war ein richtiger Ort dafür.

» www.bluespotsproductions.com

» www.weisser-schrei.de