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Sonntag, 21.04.2024 - Jahrgang 16 - www.daz-augsburg.de

Bundesliga: Mehr Spannung geht kaum

Bayernkrise : Warum das Münchner Beben bis in Augsburg zu spüren ist

Manchmal braucht man eine griffige Überschrift. Ein origineller Texteinstieg schadet auch nicht, wenn es darum geht, Leser zu fangen und für Artikel zu gewinnen. Besonders wichtig war dieses Ködern, wenn es um die Spiele des FC Bayern ging. Meistens evozierte die Bundesliga im Zusammenhang mit dem FC Bayern eben jene unsportliche Langeweile, aus der spannungsgeladene Texte entspringen.

Von Siegfried Zagler

Thomas Tuchel – DAZ Archiv

“War”, “ging”? – Ja, Sie lesen richtig! Das Präteritum steht für abgeschlossene Ereignisse in der Vergangenheit. Abgeschlossen ist nämlich für den Rest der Saison die Bayern-Gähn-Bundesliga, die so fürchterlich langweilig war, wie ein Urlaub auf den Malediven: alles perfekt, aber davon viel zu viel. Damit ist es seit gestern vorbei. Der Mainzer Auftritt meißelte den Didi-Hamann-Satz in Stein, dass München nur noch Einzelspieler, aber keine Mannschaft mehr habe. Doch für Spott und Häme Richtung Bayern und geweihte Lorbeerkränze für den neuen Tabellenführer Dortmund ist es noch zu früh – viel zu früh. Aber auf den billigen Kalauer, dass man ja nur den freigestellten Julian Nagelsmann zurückholen bräuchte, würde man in München wieder in die Erfolgsspur wollen, will man dann doch nicht verzichten. Ein Kahn und/oder Brazzo Rauswurf wäre in diesem Fall eine natürliche Folge. Was für ein Gedankenspiel!

Doch so wird es nicht kommen. Auch dann nicht, sollten Tuchel und seine Einzelspieler am kommenden Wochenende zu Hause gegen gegen den Tabellenletzten aus Berlin verlieren. Dann wäre Nagelsmanns Rückkehr zwar immer noch kein Thema, doch Thomas “Ratlos” Tuchel wäre in München bereits nach acht Spielen so gefährdet, als wäre er Trainer auf Schalke (oder bei Fortuna Köln zu Zeiten von Jean Löring). Wackelt Tuchel, sind auch Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic schwer unter Beschuss.

Tuchel hat in sieben Pflichtspielen als Bayern-Trainer genauso viele Niederlagen kassiert (drei) wie sein Vorgänger Julian Nagelsmann in 37. Die Tuchel-Bayern werkeln uninspiriert und glücklos ohne Zug zum Tor vor sich hin und zeigen darüber hinaus Schwächen im Abschluss. Einige Spieler sind außer Form und spielten in Mainz von Beginn an, während die formstarken Sane und Coman auf der Bank saßen.

Bayerns neuer Trainer zeigte auf der Pressekonferenz nach dem Mainzspiel, wie man Ratlosigkeit paraphrasiert: “Ich hatte bis zum Ausgleich nicht das Gefühl, dass eine besondere Energie entsteht, dass Mainz … dass irgendwie … keine Ahnung.” Oder: “Offensichtlich fehlt uns im Moment die Energie, uns dagegen aufzulehnen, mit Rückschlägen umzugehen. Ähm … weiß ich jetzt nicht, weshalb. Aber das ist erstmal die Analyse.” Oder: “Da gehört aber auch … Da gehört halt auch … ich weiß nicht. Die Sachen, die uns jetzt gerade abgehen.”

Weiß ich jetzt nicht, keine Ahnung. Der Kicker hat mitgezählt: Das Wort “offensichtlich” verwendete Tuchel nach dem 1:3 in Mainz achtmal. Sechsmal sagte er “weiß ich nicht” und dreimal “keine Ahnung”.

Beim FC Bayern ist ein vermeintlicher Sinkflug in einen konkreten Sturzflug übergegangen. Die Gründe kann man durchaus am Trainerwechsel festmachen. Vermutlich konnte Nagelsmann den Kader besser lesen und ausreizen als Tuchel bisher. Die Journaille muss sich jedenfalls nichts mehr einfallen lassen: “Bayern-Krise-Tuchel”! Das reicht im Grunde aus, um ein Drama zu beschreiben, das die Führungsetage der Münchner aus dem Nichts erschaffen hat. Das Aufregende daran ist aber nicht nur, dass die Deutsche Meisterschaft wieder offen ist, sondern dass das Beben in München auch in Augsburg zu spüren ist.

Bayern München spielt noch Heimspiele gegen Hertha und Schalke  – und muss nun nicht nur aus Augsburger Sicht beide Spiele unbedingt gewinnen. Borussia Dortmund muss am kommenden Freitagabend mit Anspruch in Bochum punkten und kommt am vorletzten Spieltag nach Augsburg. Meisterschaft und Abstiegskampf werden somit verknüpft. Sollte dem FCA ein Sieg oder ein Unentschieden gegen Dortmund gelingen, könnte das sowohl die Meisterschaft als auch die Abstiegsfrage entscheiden.

Die Bundesliga ist in dieser Saison tatsächlich zu einer Liga geworden, die vorne wie hinten für ergebnisoffenen Wettbewerb sorgt. Gegen den Abstieg stemmen sich sechs Mannschaften. Um zwei Champions League Plätze kämpfen drei Mannschaften (darunter mit Freiburg und Union zwei eher kleine Klubs). Selbst Leverkusen oder Mainz könnten noch ins Rennen um den Europa League Platz eingreifen. Man kann es auch anders sagen: Bremen, Gladbach und Köln sind die einzigen Klubs, die sich keine Hoffnungen auf Europa machen können, aber auch nicht mehr den Abstieg fürchten müssen. Die Tabelle verändert sich bedeutend von Spieltag zu Spieltag. Mehr Spannung geht kaum. Die Bayernkrise ist ein wunderbarer Spin für den Endspurt der Bundesliga.

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Die Meisterschaft wird zwischen Dortmund und München entschieden. Der Kampf um Qualifikationsplätze für die europäischen Wettbewerbe betrifft sieben Mannschaften. Die Abstiegszone beginnt beim FC Augsburg. Grund genug, um darauf einen genauen Blick zu werfen:

Restprogramm FC Augsburg (30 Pkt.): 30. Spieltag, A gegen Eintracht Frankfurt 31. Spieltag, H gegen Union Berlin 32. Spieltag, A gegen VfL Bochum 33. Spieltag, H gegen Borussia Dortmund 34. Spieltag, A gegen Mönchengladbach.

Restprogramm TSG Hoffenheim (29 Pkt.): 30. Spieltag, A gegen RB Leipzig 31. Spieltag, H gegen Eintracht Frankfurt 32. Spieltag, A gegen VfL Wolfsburg 33. Spieltag, H gegen Union Berlin 34. Spieltag, A gegen VfB Stuttgart.

Restprogramm VfL Bochum (27 Pkt.): 30. Spieltag, H gegen Borussia Dortmund 31. Spieltag, A gegen Mönchengladbach 32. Spieltag, H gegen FC Augsburg 33. Spieltag, A gegen Hertha BSC 34. Spieltag, H gegen Bayer Leverkusen.

Restprogramm VfB Stuttgart (25 Pkt.): 30. Spieltag, H gegen Mönchengladbach 31. Spieltag, A gegen Hertha BSC 32. Spieltag, H gegen Bayer Leverkusen 33. Spieltag, A gegen Mainz 05 34. Spieltag, H gegen TSG Hoffenheim.

Restprogramm Schalke 04 (24 Pkt.): 30. Spieltag, H gegen Werder Bremen 31. Spieltag, A gegen FSV Mainz 05 32. Spieltag, A gegen Bayern München 33. Spieltag, H gegen Eintracht Frankfurt 34. Spieltag, A gegen RB Leipzig.

Restprogramm Hertha BSC (22 Pkt.): 30. Spieltag, A gegen Bayern München 31. Spieltag, H gegen VfB Stuttgart 32. Spieltag, A gegen 1. FC Köln 33. Spieltag, H gegen VfL Bochum 34. Spieltag, A gegen VfL Wolfsburg.

Anmerkung: Der FCA hat trotz einer eher absteigenden Form die besten Karten. Allein schon deshalb, weil er mit 30 Punkten 5 Punkte vom Relegationsplatz entfernt ist, sechs Punkte vom ersten Abstiegsplatz und gar 8 Punkte trennen den FCA vom Tabellenletzten Berlin. Hertha und Schalke müssen noch nach München. Von den Abstiegskonkurrenten spielen einige noch gegeneinander (Stuttgart vs. Hertha und vs. Hoffenheim), (Bochum vs. FCA und vs. Hertha).