Augsburger Grabreliefs reisen nach Rom
Einzigartige Zeugnisse antiken Handels in internationaler Ausstellung
Drei herausragende Grabreliefs aus dem Bestand des Römischen Museums Augsburg werden im Herbst 2026 Teil einer internationalen Sonderausstellung in Rom. Die rund 1800 Jahre alten Steindenkmäler aus dem antiken Augusta Vindelicum zählen zu den bedeutendsten Exponaten der Augsburger Sammlung und geben seltene Einblicke in den Handelsalltag des Römischen Reiches.
Von Bruno Stubenrauch
Ausstellungsort Castel Sant’Angelo, Rom
Die Ausstellung mit dem Titel „NEGOTIVM. Il Business dell’Impero Romano“, organisiert vom staatlichen Museo delle Civiltà, wird von Oktober 2026 bis Januar 2027 sowohl im Museo delle Civiltà im römischen Stadtteil EUR als auch in der Engelsburg (Castel Sant’Angelo) gezeigt. Rund 500 Exponate aus italienischen und internationalen Museen sollen die wirtschaftlichen Strukturen des Imperiums beleuchten – von regionalen Handelsbeziehungen bis hin zu Fernverbindungen nach Nordeuropa und in den Fernen Osten.
Anerkennung für Augsburgs Sammlung
Für Augsburg bedeutet die Leihanfrage eine besondere Anerkennung. Kulturreferent Jürgen K. Enninger spricht von einem „Ritterschlag“ für die Stadt und das geplante Römische Museum. Die stetig wachsende Sammlung stoße auch bei großen europäischen Institutionen auf zunehmendes Interesse.
Auch Stadtarchäologe Dr. Sebastian Gairhos hebt die außergewöhnliche Dimension der Leihgabe hervor. Es sei zwar unwahrscheinlich, dass die einstigen Auftraggeber der Grabmäler selbst jemals nach Rom gereist seien – umso bemerkenswerter sei es, dass ihre Reliefs nun diesen Weg nähmen.
Blick in die Ausstellung Römerlager mit Ochsenkarren-Relief (Foto: M. Augsburger / Kunstsammlungen und Museen Augsburg)Alltagsszenen aus Handel und Handwerk
Die drei ausgewählten Stücke stammen aus dem frühen 3. Jahrhundert nach Christus und zeigen detailreiche Szenen aus dem Wein- und Textilhandel. Ursprünglich schmückten sie die Grabmonumente wohlhabender Händlerfamilien aus Augusta Vindelicum, die ihren wirtschaftlichen Erfolg sichtbar machen wollten. Solche Darstellungen des Alltags sind im Römischen Reich selten und finden sich sonst vor allem im Osten Galliens. Die Augsburger Reliefs zeichnen sich dabei besonders durch ihren Erhaltungszustand und ihre anschauliche Gestaltung aus.
Ein besonders bekanntes Motiv zeigt einen von Ochsen gezogenen Lastkarren, beladen mit großen Weinfässern. Der Kutscher, in einen Kapuzenmantel gehüllt, wird von einem Hund begleitet, der auf der Fracht sitzt – eine Szene von bemerkenswerter Lebendigkeit. Das Original wurde 1990 bei Ausgrabungen entdeckt und ist derzeit im Römerlager im Zeughaus zu sehen.

Relief eines Pfeilergrabmals mit Szenen aus dem Weinverkauf: Weinausschank (Foto: A. Brücklmair / Kunstsammlungen und Museen Augsburg)
Ein weiteres Relief illustriert eindrucksvoll die Verschnürung eines Textilballens für den Transport. Mehrere Arbeiter ziehen mit Stangen die Seile fest, während ein Schreiber die Vorgänge dokumentiert – ein seltenes Zeugnis antiker Arbeits- und Organisationsprozesse.
Das dritte Exponat zeigt Szenen aus einer Weinhandlung. Neben einem Verkaufsraum mit Amphoren und Fässern ist auch eine Büroszene dargestellt, in der Münzen gezählt und Berechnungen durchgeführt werden. Die Darstellung vermittelt einen unmittelbaren Eindruck wirtschaftlicher Abläufe im römischen Alltag.
Augusta Vindelicum als Handelszentrum
Die Reliefs verweisen zugleich auf die wirtschaftliche Bedeutung Augusta Vindelicums. Als Hauptstadt der Provinz Rätien profitierte die Stadt von ihrer strategisch günstigen Lage zwischen wichtigen Handelsrouten. Der Austausch von Waren erstreckte sich über weite Teile des Imperiums – von der Iberischen Halbinsel bis in den Vorderen Orient. Einheitliche Währungen, ein ausgebautes Straßennetz und gemeinsame Verkehrssprachen wie Latein und Griechisch bildeten die Grundlage für diesen florierenden Handel.
Mit der Präsentation in Rom rücken die Augsburger Exponate nun in einen internationalen Kontext – und machen deutlich, welche Rolle die Region bereits in der Antike im europäischen Wirtschaftsgefüge spielte.
Gleichzeitig zeigt die Reise der Reliefs auch etwas sehr Gegenwärtiges: Geschichte ist kein abgeschlossenes Kapitel im Museum, sondern ein fortlaufender Austausch zwischen Orten, Perspektiven und Deutungen. Dass ausgerechnet Handelsbilder aus Augusta Vindelicum heute in einer der bedeutendsten historischen Ausstellungshäuser Europas gezeigt werden, wirkt dabei wie eine späte Bestätigung ihrer eigenen Botschaft: Wirtschaft verbindet – damals wie heute, quer durch Kontinente und Zeiten.
