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Samstag, 30.05.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Augsburger Flüchtlinge im Hungerstreik

In der Neusässer Straße verweigern 200 Menschen die Nahrungsaufnahme

Von Frank Heindl

Schon seit vergangenem Donnerstag verweigern 200 Flüchtlinge aus der Gemeinschaftsunterkunft in der Neusässer Straße 206 in Augsburg die Annahme von Essenspaketen. Seit gestern nun nehmen Sie auch keine Essensspenden von den UnterstützerInnen der Flüchtlingsinitiative Augsburg (FIA) mehr an. Auf einer Versammlung beschlossen die Bewohner am Montagabend, die Essenspakete weiterhin abzulehnen und gemeinsam „für ein besseres Leben zu kämpfen.“

Spenden, um den Boykott aufrecht zu erhalten, wurden abgelehnt. Stattdessen fahren die Flüchtlinge schwere Geschütze auf: Notfalls wollen sie, wie die FIA berichtet, ihren Streik „bis zum Hungertod beibehalten“. Am heutigen Dienstag wollen sich weitere Flüchtlinge aus anderen Unterkünften der Umgebung dem Boykott der Essenspakete anschließen – ob auch sie einen Hungerstreik beginnen wollen, sei noch nicht abzusehen.

Ihre Anliegen haben die Flüchtlinge in der Unterkunft Neusässer Straße (Flakkaserne) bereits formuliert und über die Flüchtlingsinitiative der Öffentlichkeit übermittelt. Sie fordern vor allem

22. November, 18 Uhr: Beratung im Lager Neusässer Straße. Die Streikführer erläutern der Flüchtlingsinitiative Augsburg die Situation, die Beteiligten am Hungerstreik betonen ihre Entschlossenheit, bis zum Äußersten für eine Änderung ihrer Lage zu kämpfen (Foto: Peter Feininger)

22. November, 18 Uhr: Beratung im Lager Neusässer Straße. Die Streikführer erläutern der Flüchtlingsinitiative Augsburg die Situation, die Beteiligten am Hungerstreik betonen ihre Entschlossenheit, bis zum Äußersten für eine Änderung ihrer Lage zu kämpfen (Foto: Peter Feininger).


Geld anstelle von Essenspaketen und ein menschenwürdiges Wohnen mit Privatsphäre und akzeptablen hygienischen Verhältnissen. Fünf Toiletten für 80 Personen, ein Herd für 25 Personen, bis zu acht Menschen in 25 qm großen Zimmern – solche Verhältnisse seien unerträglich, die Schließung der Massenunterkünfte und die Unterbringung der Bewohner in privaten Wohnungen zwingend nötig. Des weiteren fordern die Flüchtlinge bessere medizinische Versorgung und psychologische Unterstützung – viele von ihnen sind durch Flucht und Verfolgung schwerstens traumatisiert. Auch die Abschaffung der Residenzpflicht (die es Flüchtlingen nicht erlaubt, die „Heimatgemeinde“ auch nur vorübergehend zu verlassen, etwa um Freunde in München zu besuchen) sowie Deutschkurse werden ebenso gefordert wie das Recht zu arbeiten, um sich selbst zu versorgen zu können.

Anna Feininger, Sprecherin der Flüchtlingsinitiative Augsburg, zeigte sich am Montagabend beeindruckt und schockiert von der Entschlossenheit der Flüchtlinge. „Ich finde es sehr krass, dass so viele Menschen keine Nahrung mehr zu sich nehmen wollen. Sehr viele von ihnen meinen das sehr ernst!“ Man habe seitens der FIA versucht, die Flüchtlinge zur Annahme von Essensspenden zu bewegen – „ich hatte einen Kofferraum voller Essen dabei“ – diese hätten das aber abgelehnt und sich stattdessen gewünscht, dass die Flüchtlingsinitiative die Öffentlichkeit von der Hungerstreik-Aktion informiere.

Schon im Frühjahr des Jahres hatte es einen ersten Boykott der Essenspakete gegeben, in dessen Folge es zu Gespräche mit Politikern aller Parteien, mit Vertretern von Landtag, Bundestag und der Regierung von Schwaben gekommen war – allerdings ohne konkrete Ergebnisse und feste Zusagen. Nun scheinen die Flüchtlinge keine andere Möglichkeit mehr zu sehen, als mit drastischen Mitteln an die Öffentlichkeit zu appellieren. Anna Feininger betont, die Flüchtlingsinitiative sehe es nicht gerne, „dass die Leute jetzt hungern wollen“ – man stehe aber voll hinter den Flüchtlingen: „Das sind erwachsene Menschen, die haben sich das gut überlegt und sich sehr bewusst für diese Aktion entschieden.“