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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Augsburg und die Bundesliga: Zwischen Wahn und Wirklichkeit

Der FCA spielt in dieser Saison im Konzert der oberen Tabellenplätze mit – und zwar von Beginn an. In Augsburg wird dennoch jeder Gedanke, der über den Nichtabstieg hinausgeht, als „Wahn“ bezeichnet. Dabei sieht die Wirklichkeit anders aus: Der FCA steht nach 19 Runden vier Punkte von Platz zwei entfernt und täte gut daran, seine falsche Bescheidenheit aus dem schwäbischen Reflex-Repertoire zu streichen.

Kommentar von Siegfried Zagler

Die Frage, ob die Bundesliga tatsächlich zu den drei, vier stärksten Fußballligen der Welt zählt, könne man getrost mit einem entschiedenen Nein beantworten, so lange eine Mannschaft wie die des FCA sich in der erweiterten Spitzengruppe halten kann, denn schließlich sei im ganzen Universum bekannt, dass bei den Augsburgern nicht jeder Spieler den Ball stoppen kann. Mit solchen oder ähnlichen Kommentaren muss man sich herumplagen, wenn man in Augsburg lebt und obendrein noch Fan des FCA ist.

Das ist falsch gedacht, denn im Grunde gehört der FCA nicht in die erweiterte Spitzengruppe, sondern auf Platz zwei, da man in den Heimspielen gegen Berlin und Hannover fünf Punkte verschenkte. Doch die Frage nach der wahren Stärke der Bundesliga bleibt berechtigt.

Wie stark ist die Bundesliga?

Dazu wären folgende Überlegungen anzustellen: Wo stünde Werder Bremen heute, hätte der Klub seinerzeit Mertesacker, Özil und Diego halten können? Wo stünde Dortmund, spielten dort noch Gündogan, Mkhitaryan, Dembele (oder Aubameyang)? Wo stünde der VfL Wolfsburg, hätte er Dzeko, De Bryne oder Draxler halten können? Weitere Spieler, die man in der Bundesliga schmerzhaft vermisst: Firmino, Sane, Kroos, Xhaka, Ter Stegen. Alle genannten Spieler spielen heute im Fußball-Ausland, die meisten natürlich in England.

Die Bundesliga leidet unter diesem Aderlass und profitiert zugleich davon, weil aus den Fußballschulen von Hoffenheim, Leipzig, Schalke und München ständig neue Talente hervorkommen, die auch zum Zug kommen. Und es werden hochtalentierte junge Spieler von den großen Vereinen verpflichtet, wie zum Beispiel Naby Keita, Emil Forsberg oder Leon Bailey. Und möglicherweise gehört die Bundesliga durch die junge deutsche Trainergarde zu den taktisch innovativsten und somit interessantesten Ligen der Welt.

Fängt auf Tabellenplatz 2 bereits die deutsche Fußballprovinz an?

PlatzMannschaftSpieleS-U-NTorePkt.
1.FC Bayern München 31 25-03-03 84:22 (+62) 78
2.FC Schalke 04 31 16-08-07 49:35 (+14) 56
3.Borussia Dortmund 31 15-09-07 61:41 (+20) 54
4.Bayer 04 Leverkusen 31 14-09-08 55:41 (+14) 51
5.1899 Hoffenheim 31 13-10-08 60:44 (+16) 49
6.RB Leipzig 31 13-08-10 47:47 (0) 47
7.Eintracht Frankfurt 31 13-07-11 41:40 (+1) 46
8.Borussia Mönchengladbach 31 12-07-12 42:48 (-6) 43
9.Hertha BSC 31 10-12-09 38:35 (+3) 42
10.VfB Stuttgart 31 12-06-13 29:35 (-6) 42
11.FC Augsburg 31 10-10-11 40:40 (0) 40
12.Werder Bremen 31 09-10-12 34:38 (-4) 37
13.Hannover 96 31 09-09-13 38:47 (-9) 36
14.VfL Wolfsburg 31 05-15-11 30:40 (-10) 30
15.1. FSV Mainz 05 31 07-09-15 32:49 (-17) 30
16.SC Freiburg 31 06-12-13 26:51 (-25) 30
17.Hamburger SV 31 06-07-18 24:48 (-24) 25
18.1. FC Köln 31 05-07-19 31:60 (-29) 22
Dagegen anzuführen wäre das bisherige Abschneiden der Bundesligisten in den internationalen Wettbewerben: Ohne Bayern München, der einzige deutsche Klub mit Weltformat, sähe es in dieser Hinsicht düster aus, auch wenn man an dieser Stelle festhalten sollte, dass Leipzig und Dortmund immerhin noch die Europa League gewinnen könnten. Allein der Sachverhalt aber, dass „Bayern München in einer anderen Liga spielt“, wie es wöchentlich aus den Medien schallt, sollte zu denken geben: Fängt nach Bayern München auf Bundesliga-Tabellenplatz 2 bereits die deutsche Fußballprovinz an?

Dortmund brachte gegen Nikosia in zwei Spielen keinen Sieg zustande. Berlins und Hoffenheims internationale Performance waren dieses Jahr erbärmlich und sieht man sich die Bundesligaspiele der Mannschaften, die direkt hinter dem FC Bayern folgen, genauer an, dann muss man feststellen, dass allzu oft spielerische Höhepunkte fehlen, was auch damit zu tun hat, dass sich die Spielsysteme (systematische Balleroberung mit schnellem Umschalten) zu sehr ähneln und dass es eben außerhalb Münchens kaum noch jene Spielertypen gibt, die allein mit ihrer Spielkunst die Massen elektrisieren, also für das Unerwartete und für das Einzigartige sorgen.

Leverkusen ist nicht stabil, RB Leipzig spielt immer wieder großartig, bringt aber zu selten seine Qualität auf den Platz; Heidel hin Tedesco her: Schalke ist und bleibt ein Chaos-Klub und Dortmund hat ohne Dembele, dem unwilligen Aubameyang und dem dauerverletzten Reus seinen ursprünglichen Angriffsschwung gegen biederes nach vorne Stolpern eingetauscht. Borussia Mönchengladbach befindet sich seit vielen Jahren „auf dem richtigen Weg“, ohne wirklich zu überzeugen, wie man am Samstag gegen den FCA erleben durfte, während sich die Frankfurter Eintracht mit zwei starken Neuzugängen genau auf den Positionen verstärkte, wo sie in der vergangenen Saison schwächelten.

Seit Thurks Abgang gurkt der FCA im Sturmzentrum mit schwer zumutbaren Spielern herum

Würden Haller und Kevin-Prince Boateng beim FCA spielen, dann wäre für die Augsburger Europa zum Greifen nah, denn eben genau auf diesen Positionen hat auch der FCA Defizite. Über das Paradoxon, dass wohl der technisch schwächste Angriffsspieler, der jemals zur Stammformation eines Bundesligisten gehörte, in dieser Saison beim FCA bisher elf Tore machte, ist seitens der DAZ viel geschrieben worden. Seit Michael Thurk vor vielen Jahren den FCA verlassen musste, gurken die Brechtstädter im Profifußball mit schwer zumutbaren Zentrumsstürmern herum. Dass ein spielstarker und torgefährlicher Mittelfeldspieler fehlt, ist ebenfalls mit Händen zu greifen. Wenn Koo und Gregoritsch in ein Formtief rutschen, sieht der FCA allein mit Baier, dem ewig verletzten Moravek und dem klassischen Fehleinkauf Leitner schlecht aus. Mit Khedira und Kacar ist nach vorne jedenfalls kein Blumentopf zu gewinnen.

Wer soviel Qualität in der Abwehr hat wie die Augsburger, müsste wissen, was zu tun ist, um dem Publikum etwas zu bieten, wovon es nie genug kriegen kann. Aber FCA-Präsident Hofmann „macht auf bescheiden schwäbisch“. Dabei ist nach der unerwarteten Leistungsexplosion in der Defensive soviel möglich für den FCA in dieser Saison. Das Transferfenster ist jedenfalls noch bis 31. Januar offen.



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